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Olympia 2024: Wie wäre es mit Taylor Swift und einer „Ode an den Sport“?

Gleichzeitige Wettbewerbe in Sport, Musik und Kunst, das wäre ganz im Sinne von Pierre de Coubertin, der die Spiele Ende des 19. Jahrhunderts neu belebte.

Gunnar Leue
9 Min
Olympischer Fackellauf auf dem Place de la Bastille. Trägerin der Flamme Dorothee Gilbert, Solotänzerin des Balletts der Pariser Oper, und Hugo Marchand, französischer Balletttänzer, führen die olympische Fackel vor der Bastille-Oper am 14. Juli 2024 in Paris, Frankreich.

Olympischer Fackellauf auf dem Place de la Bastille. Trägerin der Flamme Dorothee Gilbert, Solotänzerin des Balletts der Pariser Oper, und Hugo Marchand, französischer Balletttänzer, führen die olympische Fackel vor der Bastille-Oper am 14. Juli 2024 in Paris, Frankreich.

© Lafargue Raphael/imago

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Zur olympischen Bewegung gehören neben dem Sport auch die Kunst und Musik. Heute vor allem im Unterhaltungsrahmen, früher sogar als Wettbewerbsdisziplin innerhalb der Kunstwettbewerbe Olympischer Spiele.

Bei den demnächst in Paris stattfindenden Olympischen Spielen wird erstmals Breakdance Teil des offiziellen Wettbewerbsprogramms sein. Diese Art des Ausdruckstanzes ist in den 1970er-Jahren auf den Straßen von New York entstanden und Teil der HipHop-Kultur. Erbsen zählende Zeitgenossen streiten sich bis heute, ob die Darbietungsform mehr Musik- oder Sportbezug hat.

Den Herren der olympischen Ringe ist es offenbar wurscht. Sie haben Breakdance 40 Jahre nach Harry Belafonte (schuf 1984 den Film „Beat Street“) nun auch für sich entdeckt, weil die Körperkunst ihnen den Zugang zu jungen hippen Zielgruppen ermöglicht.

Immerhin, die Verknüpfung von Sport und Musikkultur unter dem Symbol der olympischen Ringe, das wäre ganz im Sinne von Pierre de Coubertin gewesen. Als der französische Baron die Olympischen Spiele Ende des 19. Jahrhunderts neu belebte, versuchte er auch, den antiken Olympiageist wieder aus der Flasche zu lassen.

Ein neuer Anblick für die Olympischen Spiele: Dieses Jahr wird erstmals Breakdance Teil des Wettbewerbs sein.

Ein neuer Anblick für die Olympischen Spiele: Dieses Jahr wird erstmals Breakdance Teil des Wettbewerbs sein.

© Cao Can/imago

Die Erfinder der Olympischen Spiele in der Antike huldigten der Harmonie von Körper und Geist, von kraftvollem Sport und künstlerischem Ausdruck. Ab etwa 1500 Jahre vor Christus hatten sich im griechischen Olympia Athleten zu Sportwettkämpfen versammelt, und weil sie der Götterverehrung dienten, wurden derweil sogar Kriege unterbrochen. Bevor die Kämpfer gegeneinander antraten, maßen sich Trompeter im Wettstreit. Die besten durften anschließend bei den Athletikwettbewerben die Siegerverkündungen übernehmen.

Man stelle sich das heute vor: Die im Chartwettstreit zuletzt permanent siegreiche Taylor Swift würde bei den Olympiasieger-Ehrungen in Paris die Hymne singen.

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Obwohl im antiken Olympia keine musischen Wettkämpfe stattfanden, schmückten doch etliche Bildhauer, Dichter, Sänger und Philosophen die Spiele mit ihrer Kunst. Sie schufen Skulpturen von den Siegern oder widmeten ihnen Oden, worin ein gewisser Pindar als unerreicht galt. Den Auftrag dazu bekam er von den Siegern selbst, ihren Verwandten oder Heimatstädten. Pindars Preislieder galten erfolgreichen Wagenlenkern, Ring- und Faustkämpfern und in einem Fall auch einem Erstplatzierten im Flötenspiel.

Der Flötistenwettstreit gehörte zum Programm der Pythischen Spiele in Delphi, welche regelmäßig vor den Olympischen Spielen stattfanden. Bei den Pythien gab es anfangs sogar ausschließlich musische Wettkämpfe, im Singen, Musizieren, Schauspiel, Tanz und Malen.

Sport, Wissenschaft und Kunst auf einer Insel des Friedens

Die harmonische Verbindung von Sport, Wissenschaft und Kunst auf einer Insel des Friedens – diese Vision hatte den edelmütigen und musisch veranlagten Pierre de Coubertin Ende des 19. Jahrhunderts zur Wiederbelebung der Olympischen Spiele animiert. Folgerichtig erklärte der französische Baron die Vereinigung „von Muskel und Geist“ zu einem zentralen Ziel und plante nach dem Vorbild der Antike von Anbeginn gleichrangige Kunstwettbewerbe bei den Olympischen Spielen. Allerdings gestaltete sich deren Comeback zunächst schwierig, was nicht nur an organisatorischen Dingen lag.

Baron Pierre de Coubertin – Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit

Baron Pierre de Coubertin – Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit

© United Archives International/imago

Ursprünglich sollte die Premiere der Kunstwettbewerbe 1908 stattfinden, was daran scheiterte, dass die Ausrichterstadt Rom die Olympischen Spiele kurzfristig abgegeben hatte und der Ersatz-Metropole London die Zeit fehlte. So wurde Stockholm 1912 der erste Austragungsort der Neuzeit. Die Kunstdisziplinen hießen Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik und Literatur.

Die Anforderungen an die Teilnehmer, die im Gegensatz zu den Olympioniken in den athletischen Wettbewerben keine Amateure sein mussten, hielten sich in Grenzen. Als einzige Vorgabe für die Medaillenbewerber galt, dass ihre Werke vom Sport inspiriert sein mussten. Das wurde durchaus großzügig ausgelegt, es langte schon mal eine „heroische Figur“ als Inspiration, weshalb bei den Musikwettbewerben auch Märsche für Klavier oder Militärkapelle zugelassen wurden. Eine internationale Jury sollte die Werke prämieren, die während der Olympischen Spiele aufgeführt oder ausgestellt werden sollten.

Vielen schwedischen Künstlern war das freilich schon zu viel der Reglementierung. Sie monierten den geforderten Bezug der Werke zum Sport, weil das nur dessen Verherrlichung diene und den Wettbewerb künstlerisch bedeutungslos mache. Die Skepsis der Künstler schwante Coubertin schon im Vorfeld, als er mutmaßte, es würden wahrscheinlich eher die mitmachen, die selbst Sport trieben. Und das waren nicht eben viele. Auch sonst zügelte er übertriebene Erwartungen, indem er die Allianz aus Künstlern, Sportlern und Zuschauern für doch sehr schwach erklärte.

Olympia als geschmackloses Volksfest?

Desillusioniert beklagte er sich über die Unfähigkeit der Menschen, „die Entzückungen der Künste verschiedener Art miteinander zu verbinden“. Schöne Musik versetze die Leute in Schwingungen, aber ob sie inmitten eines edlen Bauwerks erklängen, ließe sie unberührt. Und weiter wetterte der Schöngeist gegen all den Plunder und all das, „was man heute ein Volksfest nennt, ein Fest, wo ein Gast immer fehlt: der Geschmack“.

Allen Zweifeln an Künstlern und Publikum zum Trotz zeigte sich Coubertin als wahrhaft olympischer Kämpfer und schaffte es, elf Nationen zur Teilnahme an den Kunstspielen in Stockholm zu bewegen. Um der Premiere zu einem Erfolg zu verhelfen, beteiligte er sich gleich selbst. In der Kategorie Literatur reichte er die „Ode an den Sport“ ein – und gewann prompt die Goldmedaille. Silber und Bronze wurden gar nicht vergeben. Allerdings hatte der Herr der Ringe sein Gedicht unter dem Pseudonym „Hohrod und Eschbach“ eingereicht. Angeblich wussten die Juroren nichts davon.

Ein düsteres Kapitel der Olympischen Spiele und auch des Kunstwettbewerbs: Goebbels bei der Ausstellung der Werke 1936 in Berlin

Ein düsteres Kapitel der Olympischen Spiele und auch des Kunstwettbewerbs: Goebbels bei der Ausstellung der Werke 1936 in Berlin

© imago

Was nicht heißt, dass in den Jurys lauter Trottel saßen. Im Gegenteil, oft gehörten ihnen renommierte Künstler an, wie der amerikanische Dichter und Pulitzer-Preisträger Thornton Wilder 1932 in Los Angeles. In Paris 1924 las sich die Jurorenliste des Musikwettbewerbs geradezu wie das Who’s who der damaligen Musikszene: Bela Bartok, Arthur Honegger, Maurice Ravel, Gustave Charpentier, Igor Strawinsky etc.

Leider vergebliche Müh, da sich nur sieben Komponisten bewarben, ohne zudem belohnt zu werden. Keiner der drei Preise wurde vergeben. Hätten die berühmten Personen in der Jury mal selbst mitgemacht, spotteten die Beobachter anschließend. Doch nicht alle nahmen die Sache so unernst. Gerade kleinere Nationen, deren Athleten in den Sportwettkämpfen selten Chancen besaßen, warfen sich bei den Kunstspielen ins Zeug und räumten Medaillen ab: Dänemark, Luxemburg, Monaco, Irland, Griechenland.

Unter den Künstlern im Teilnehmerfeld fanden sich freilich auch prominente Zeitgenossen wie der Dvorak-Schüler Josef Suk, der 1932 eine Medaille für den sinfonischen Marsch „In ein neues Leben“ gewann. Vier Jahre zuvor hatten sich auch die Maler Max Liebermann und Max Slevogt an der imposanten Ausstellung mit 1150 Werken aus Malerei, Plastik und Architektur im Stedelijk-Museum Amsterdam beteiligt. Sie sahen es als ihre Würdigung des friedliebenden und Völker verbindenden Gedankens der Olympischen Spiele.

Olympische Spiele 1936

Den hatten die Nazis bei „ihren“ Spielen in Berlin 1936 schon nicht mehr im Kopf, weshalb etliche Nationen der absehbaren Propagandashow fernblieben. Die internationale Jury des Musikwettbewerbs bestand zum Beispiel fast nur aus deutschen Preisrichtern, wobei die Nazis vom Juryvorsitz des Starkomponisten (und Schöpfer der „Olympischen Hymne“) Richard Strauss wieder absahen. Er war ihnen zu wenig zugeneigt. Letztlich beteiligten sich 23 Länder an den Kunstwettbewerben von 1936, die auch qualitativ keine Erbauung waren. Jedenfalls zog Coubertin ernüchtert das Fazit, dass aus der Ehe aus Muskel und Geist „noch keine Kinder hervor gegangen waren“.

Andererseits gab es sogar ein wenig Experimentalmusik, begleitend zum sportlichen Treiben. So versuchte der Komponist Herbert Windt, den in einer Marathonlauf-Reportage kulminierenden Widerspruch zwischen Langeweile und Dramatik aufzulösen. Der aus Senftenberg stammende Filmkomponist, der auch die Musik für den Olympia-Film von Leni Riefenstahl schrieb, hatte eine Orchester-Suite komponiert, die der gesamten Rundfunkübertragung unterlegt wurde. Ein einzigartiges wie skurriles Experiment, einen dramatischen Sportwettkampf im Moment seines Stattfindens mit musikalischen Mitteln darzustellen. Wozu als Reporter reden, reden, reden, wenn man den Zuhörern die Schönheit der Monotonie des Laufens, Laufens, Laufens über 42,195 Kilometer auch so nahebringen kann.

Es ist nicht bekannt, ob ARD, ZDF oder das französische Fernsehen Ähnliches bei den Olympischen Spielen in Paris planen. Gleichwohl werden auch diese Spiele nicht ohne musikalische Begleitung über die Bühne gehen. Einerseits bei den TV-Bildern des Tages und sogar live dank des deutschen Popstars Clueso, der das Team Deutschland am 27. Juli, einen Tag nach der offiziellen Eröffnung der Spiele, mit einem Konzert in der Fanzone des Deutschen Hauses im Stade Jean Bouin unterstützen wird.

Clueso wird in Paris während der Spiele auftreten.

Clueso wird in Paris während der Spiele auftreten.

© Funke Foto Services/imago

Andererseits haben die Gastgeber eine Kulturolympiade organisiert, um die Verbindungen zwischen Kunst und Sport und die verbindenden Werte aufzuzeigen. Es wird – bis zum Abschluss der Paralympics – kostenlose Konzerte, Tanzshows, Filme etc. geben.

Insofern greifen sie damit teilweise eine olympische Tradition auf, die 1948 in London endete. Bei den ersten Olympischen Spielen nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zwar mit 27 Ländern die höchste Beteiligung an den Kunstwettbewerben überhaupt, aber die dahinterstehende Idee war letztlich gescheitert. 1949 beschloss das IOC, die Kunstspiele in Ausstellungen ohne Wertungen umzuwandeln (solche fanden 1952 in Helsinki und 1956 in Melbourne statt).

Dass es vor genau 30 Jahren just in der deutschen Hauptstadt den Versuch gab, die Kunstwettbewerbe als eigenständige Spiele wieder zu etablieren, ist derweil in Vergessenheit geraten. Damals, 1994, beschloss der Gründungskongress des Internationalen Delphischen Rates in Berlin die Ausrichtung der Delphischen Spiele der Neuzeit, um den Dialog der Kulturen und die Verständigung der Völker zu fördern. Die ersten Delphischen Spiele der Erwachsenen fanden 2000 in Moskau statt. Ob sich der selige Baron de Coubertin vor Freude im Grab umgedreht hat, ist nicht bekannt.

Gunnar Leue ist ein in Berlin lebender freier Journalist und Autor, der sich u.a. mit musikhistorischen Themen befasst.

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