Der Wahl-Berliner Martin Hyun, 38, ist Cheforganisator des olympischen Eishockeyturnieres. Binnen zwei Jahren musste der erste DEL-Spieler mit südkoreanischen Wurzeln im Heimatland seiner Eltern Euphorie für eine Sportart wecken, die zuvor keine Rolle spielte.
Herr Hyun, wie genau sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?
Ich wurde von der IIHF (Welteishockeyverband, Anm. d. Red.) empfohlen. Ein Traumjob war das allerdings eher nicht. Es gab ja viel Gerede in der Community: „Schaffen die das? Was erwartet uns?“ Korea hat ja im Hockey keine Vergangenheit, ein bisschen fühlen wir uns deshalb wie die Cool Runnings im Bob damals. Aber es war mein Anspruch, hier ein Vermächtnis zu hinterlassen und zu zeigen, dass wir das können.
Ein Team konnte Südkorea aufstellen.
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Seit zwei Jahren lebe Sie vor Ort. Wie schätzen sie die Entwicklung ein?
Als ich hierhergekommen bin, war noch gar nichts da. Anhand der Architekturzeichnungen konnte man nur ahnen, wie es hier aussehen soll. Nach und nach ist dann alles gewachsen. Die Testevents waren tolle Erlebnisse. Wir hatten eine U18-WM der Division 2, eine Frauen-WM der Division 2 und die Eishockey-Para-WM.
Wie haben Sie dem Land Ihrer Eltern die Eishockeylust beigebracht?
Wenn man in Kanada auf die Straße geht, würde jeder als Volunteer im Eishockey arbeiten wollen. Wir mussten aber befürchten, dass keiner mehr im Raum sitzt, wenn nach der Präsentation das Licht angeht. Man musste ja zum Beispiel auch Leute finden, die für die Statistiken Schüsse zählen können. Meine Lebenszeit wurde durch den ganzen Prozess um zehn Jahre reduziert. Mein Anspruch von Anfang an bestand nicht darin, dass sich die Funktionäre wohlfühlen, sondern dass alles im Sinne der Athleten geschieht. Die Spieler sollen eine Atmosphäre vorfinden, wie sie es gewohnt sind. Sie dürfen keinen Gedanken daran verschwenden, dass irgendetwas komisch ist.
Wie haben Sie passende Helfer gefunden?
Wir haben ein Casting gemacht. Erstmal habe ich mir angeschaut, wie die das in Vancouver und Sotschi gemacht haben. In Vancouver gab es natürlich einen sehr erfahrenen Menschen, der dafür gesorgt hat, dass alles reibungslos abgelaufen ist. Wir haben das koreanisch umgemünzt.
Das heißt konkret?
Zunächst mal gab es eine Orientierungssession mit allen Volunteers, die Interesse hatten. Die habe ich durch die kleine Eishockeycommunity, die ich hier kenne, zusammenbringen können. Danach kam das Job-specific-training. Da haben wir geschaut, wo die Volunteers am besten hinpassen, in den Athletenbereich oder als Statistiker. Die letzte Stufe ist Venue-specific-training, das ist die Umsetzung im Stadion. Wir haben kleine Spiele der Asienliga genutzt, um die Spiele zu simulieren. Was kommt auf sie zu, was wird erwartet?
Jetzt sollten die Abläufe sitzen.
Ich bin eigentlich guter Dinge. Es kann natürlich immer etwas schiefgehen, wir sind ja schließlich alle nur Menschen. Aber ich glaube, dass die Leute gut vorbereitet sind.
Wie harmonieren deutsche und koreanische Arbeitsweisen?
Was Korea von Deutschland lernen kann, sind die flachen Hierarchien. Es kommt natürlich darauf an, in welchem deutschen Unternehmen man arbeitet. Aber ich habe es eher so gelernt, dass man auch die Gelegenheit hat, mit dem Chef mal einen trinken zu gehen oder zu Abend zu essen. In Korea ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Struktur und Hierarchie sind so stark, dass man kaum Gelegenheit hat, sich mit dem Chef in der Freizeit zu treffen. Ich kenne einen Deutschen, der arbeitet in Südkorea für Hyundai. Er ist deutlich älter als ich. Die Koreaner sind erstaunt, dass es überhaupt möglich ist, solche Freundschaften zu haben.
Koreaner gelten als sehr fleißig, das dürfte ein Vorteil gewesen sein...
...ohne Zweifel. Wenn es physisch gehen würde, würden viele 24 Stunden lang arbeiten. Aber man muss auch die Effizienz hinterfragen. Ich glaube Deutschland ist da viel besser. Wir arbeiten kürzer, aber dafür effektiver. In Korea ist es ein No-go, vor dem Chef zu gehen.
Es gibt Zweifel, dass Olympiabegeisterung in Südkorea aufkommt.
Koreaner sind sehr beschäftigt mit der Arbeit und dem Überleben, die ganze Euphorie kommt unmittelbar davor auf. Vor einigen Wochen war noch nicht viel zu spüren, aber wenn die Welt jetzt auf Korea schaut, wird die Freude kommen.
Wintersport spielt keine große Rolle?
Am Rand von Pyeongchang gibt es Skiresorts, dort sieht man Begeisterung. Short Track stellt natürlich alles in den Schatten. Vor kurzem war der Weltcup in Seoul, da war die Begeisterung riesig. Es muss natürlich was passieren, so wie mit der Eiskunstläuferin Yuna Kim. Die hat einen Boom ausgelöst durch den Gewinn der Goldmedaille 2010. Alle hoffen auf solche Ausnahmefälle.
Und Sie sind nach dem Stress froh, wenn die Spiele vorbei sind?
Meine Frau und ich wollen so schnell wie möglich nach Berlin zurück, wir vermissen es unheimlich. Gerade mal eine Currywurst zu essen, am Mauerpark spazieren zu gehen. Wobei es auch Spaß macht, hier am Strand Zeit zu verbringen.
Was werden Sie von Südkorea vermissen?
Das schnelle Internet und den Service. In Deutschland ist ja eher Servicewüste. Hier wird das großgeschrieben. Ich hatte mal einen Kopfhörer gekauft, aber keine Rechnung mehr. In Deutschland hätte man keine Chance gehabt, das kaputte Teil umzutauschen. Aber die haben das genommen, ohne was zu sagen und mir einen Neuen gegeben.
Wie nehmen Sie die Spannungen mit dem Nachbarn Nordkorea wahr?
Hier lebt man seit Ende des Koreakrieges 1953 mit dieser Situation. Die Koreaner wundern sich, dass die Medien im Westen sich mehr Sorgen machen als die Menschen vor Ort. Sie haben gelernt, damit zu leben und wissen, dass es mal eine Rauferei gibt und dann wieder alles in Ordnung ist. So geht das seit Jahrzehnten. Natürlich ist es schön, wenn die Sportler teilnehmen. Es gibt hier ja ein Lied, das jeder Koreaner kennt, es heißt: Unsere Sehnsucht ist die Wiedervereinigung.
Sie hatten ja auch engen Kontakt zu Nordkoreas Frauen-Nationaltrainer.
Das war eine tolle, sehr menschliche Begegnung. Ich habe das nicht politisch gesehen. Man begegnet ja einem Menschen und keinem Roboter. Ich darf mich ja glücklich schätzen, durch die Wiedervereinigung in Deutschland meine Frau kennengelernt zu haben.
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