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An einem Morgen im Juni überquert eine hochgewachsene, im Sportdress gekleidete Frau gegen 9.30 Uhr eine Straße in Berlin-Neukölln. Sie sucht eine Schule, die sich hier irgendwo befinden soll. Dort hat sie ein Treffen mit den Mädchen des neunten Jahrgangs einer Schule, die als Gast diesen Sportplatz für ihr Event nutzen darf.
Schließlich ist der Eingang zum Sportplatz doch gefunden. Verwaist und einsam liegt er da. Die Weitsprunganlage hat wohl schon bessere Zeiten gesehen. Eine zertretene Coladose liegt darin, dazu zerknülltes Bonbonpapier, ringsherum fliegt das Laub der umstehenden Bäume und der Sand der Anlage liegt weit verteilt um sie herum, als wäre dem momentan lauen Lüftchen ein Sandsturm vorausgeweht.
Hier soll er also stattfinden, der Weitsprung-Workshop mit Heike Drechsler, Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Weltrekordlerin. Ihre Bestweite: 7,48 Meter.
Ausgerechnet sie kommt an eine Neuköllner Schule, um den hiesigen Mädchen den Weitsprung näherzubringen? Ausgerechnet von ihr bekommen sie Ratschläge und Hinweise, mit welchem Anlauf sie eine bessere Weite bei den demnächst stattfindenden Bundesjugendspielen erzielen können? Ja, Sportförderung ist ihr wichtig.
Heike Drechsler bei der Leichtathletik-Veranstaltung Goldenes Oval in Dresden, 2024
© Robert Michael/dpa
Es mangelt an Biss – und an Schatten
Ich hatte ihr bei einem privaten Treffen erzählt, dass ich regelmäßig bei den Bundesjugendspielen beim Weitsprung eingesetzt sei und mir dabei die Unsportlichkeit unserer Mädchen auffalle. Sie hätten Schwierigkeiten beim Rennen, beim Absprung und auch sonst sei ihnen anzumerken, dass sie sich mehr quälten denn Freude haben. Auch an Biss mangele es ihnen. Sie gäben leicht auf und seien schwer zu motivieren.
Sie selbst kann sich nun vor Ort ein Bild davon machen und sieht auch, wie es jenen ergeht, die mit Kopftuch versuchen, sportliche Leistungen zu vollbringen. Bei Hitze scheint dies besonders schwierig zu sein, so wie bei den derzeit stattfindenden Bundesjugendspielen in der Stadt.
Spätestens wenn sich die Temperaturen der 30-Grad-Marke nähern, wird es Zeit für die Bundesjugendspiele an Berliner Schulen. Es gibt kaum Sportplätze mit Schatten oder Sportplätze, die sich gar selbst im Schatten befinden. Immer ist ein Sportplatz der prallen Sonne und damit sengender Hitze ausgesetzt.
Mit Kopftuch zu den Bundesjugendspielen
Als stationsbetreuende Lehrkräfte (Sprint, Weitsprung, Schlagballweitwurf) bleibt uns nichts weiter übrig, als mit Sonnenhut, diversen Sonnencremes oder -sprays bestückt sowie möglichst eisgekühlten Getränken im Gepäck, Stunde um Stunde auf dem Hitzeplatz zu verbringen. Einen Schatten spendenden Sonnenschirm auf einem Sportplatz aufzustellen, ist aus bau- und sicherheitstechnischen Gründen nicht möglich.
Wie mag es da wohl unseren Schülerinnen ergehen, die ein Kopftuch tragen? Aber damit ist es ja nicht getan. Zusätzlich tragen sie Pullis, deren Ärmel bis über ihre Knöchel an den Handgelenken reichen, sowie lange Hosen. Alles, um möglichst wenig Haut zu zeigen.
Heike Drechsler gibt den Schülerinnen Anweisungen.
© privat
Viele Kopftuch tragende Mädchen kommen gar nicht erst zum Sportplatz, weil sie genau wissen, dass sie dort mit der Hitze Schwierigkeiten haben werden. Die, die kommen, sind zumeist selbst recht sportlich oder ihnen ist bewusst, dass die Bundesjugendspiele eine Pflichtveranstaltung sind. Für das Fach Sport gibt es die letzten Noten in Leichtathletik.
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Kopftücher sind immer häufiger auf dem Sportplatz zu sehen, immer mehr Mädchen an unserer Schule tragen eines. Im Klassenraum fällt es zwar auch auf, doch hat man sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt. Bis vor zehn Jahren ungefähr ist die Anzahl der Mädchen mit Kopftuch leicht zurückgegangen, da gab es im Schnitt etwa ein Mädchen mit Kopftuch pro Klasse. In manchen Klassen war nicht ein einziges Kopftuch zu sehen. Seit den Einwanderungswellen ab 2015 hat dies wieder stark zugenommen, besonders in letzter Zeit, seit den israelischen Angriffen auf Gaza ab Oktober 2023. Sie wollen damit ein Zeichen der Solidarität mit ihren Verwandten setzen.
Die Älteren sehen es als eine Form der Prüfung an
Auf dem Sportplatz fallen die Kopftücher wohl deshalb auf, weil jedes Mädchen mit seinem Kopftuch beim Weitspringen Probleme zu haben scheint. Entweder versperren die langen Enden der Tücher den Mädchen beim Anlauf die Sicht, weil sie ihnen immer wieder ins Gesicht wehen, oder die Mädchen versuchen, beim Anlauf die beiden Enden festzuhalten, damit ihnen nicht während des Laufens das Tuch verrutscht.
Entsprechend schwach ist ihr Sprungergebnis. Es werden erst größere Weiten erzielt, als sie die flatternden Enden auf Empfehlung zusammenbinden. Die Jüngeren antworten mit einem angedeuteten Lächeln, die Älteren sehen dies als eine Form der Prüfung an, die sie auf Erden zu bestehen haben.
Eine Schülerin beim Weitsprung
© privat
In der Motorik sind viele von ihnen unkoordiniert
Bei unserem Workshop haben wir Glück, mit Temperaturen unter 20 Grad und dem Regen der vergangenen Tage lässt es sich aushalten. Nach und nach füllt sich der Sportplatz mit den Teilnehmerinnen. Pünktlich um zehn Uhr beginnen wir mit der Begrüßung. Zwölf Schülerinnen stellen sich nebeneinander auf, um nochmals sichtbar zu machen, wie weit das eigentlich ist: sieben Meter und 48 Zentimeter. Ihr Staunen darüber ist echt, sie können es kaum glauben, dass diese Frau mal so weit gesprungen ist.
Dann beginnt unter Heike Drechslers Regie das Aufwärmen. Zunächst erklärt sie kurz, was gemacht werden soll und welchem Zweck das dient, und dann geht es los, sie laufen hinter ihr her, machen nach, was sie vormacht. Die ersten Mädchen sind bereits von diesen 15 Minuten erschöpft, sie können nicht mehr, wollen eine Pause machen und erst mal etwas trinken.
Die Zahl derer, die heute sportlich „nur“ geringe Leistungen erbringen können, ist erschreckend hoch. Etwa ein Drittel unserer Mädchen hält einen 1000-Meter-Lauf kaum durch. Die leichtesten Übungen, auch Dehnungsübungen, schaffen nur noch wenige richtig auszuführen. In der Motorik sind viele von ihnen unkoordiniert.
Immer mehr übergewichtige Jugendliche
Bei den jährlichen Bundesjugendspielen sind zudem gehäuft übergewichtige Jugendliche zu sehen. Auch die Zahl der krankheitsbedingten Abwesenheiten steigt, selten die Tage, an denen wirklich alle Kinder einer Klasse anwesend sind. Meistens fehlen sie, weil sie sich unwohl fühlen. Sie leiden an Schwindelanfällen, Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Falsche Ernährung, wenig Bewegung und die gegebenen Lebensumstände vieler unserer Schülerinnen und Schüler tragen zu Unsportlichkeit und Unwohlsein bei.
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Fast alle kommen nicht nur aus bildungsfernen, sondern auch armen Elternhäusern. Gesundes Essen für eine durchschnittlich sechsköpfige Familie ohne eigenes Einkommen kostet viel Geld. Ebenso können es sich Eltern kaum leisten, für alle Kinder einen nachmittäglichen Sportverein zu bezahlen, schon gar nicht für die Mädchen. Im Durchschnitt besucht in unserer Schule ein Mädchen pro Klasse einen Sportverein, bei den Jungen sind es zwei bis drei. Aufgrund fehlenden Personals können wir seit Jahren keinen sportlichen Ganztag mehr anbieten.
Frau Heike, wie die Schülerinnen liebevoll sagen, verkürzt beim Workshop den Anlauf auf maximal zehn Meter, gibt Tipps für den perfekten Anlauf und ruft: „Beine hoch beim Absprung!“ Einige Talente hat sie dabei entdeckt und lobt die Mädchen für ihr Bemühen und ihre Motivation. Dranbleiben und durchziehen, so ihr Motto. Zum Schluss durften alle die Goldmedaillen von Sydney und Barcelona sowie einen Laufschuh anfassen und bestaunen.
Viele Schulen haben weder einen eigenen Sportplatz noch zuverlässigen Zugang zu einem.
© Seeliger/imago
Für jede Schule einen Sportplatz!
Beinahe wäre der Workshop ausgefallen. Die Organisation war geprägt von der Misere des fehlenden Angebots einer geeigneten Sportstätte. Der Termin musste immer wieder verlegt werden, weil die Sportstätte aufgrund akuten Sanierungsbedarfs plötzlich gesperrt oder von anderen Schulen kurzfristig belegt wurde, die dasselbe Problem wie unsere Schule haben: keinen eigenen Sportplatz. „Das kann doch nicht sein“, sagt Heike Drechsler.
Als Schule haben wir eine Mitverantwortung bezüglich der Gesundheit unserer Schutzbefohlenen. Dazu gehört ein regelmäßiges Sportangebot. Die jüngsten Kürzungen des Senats bei Profil- und Förderstunden hindern uns zusätzlich, dieses Angebot auszubauen. Jede Schule braucht einen eigenen, gut funktionierenden Sportplatz! Ist dies aus bautechnischen Gründen nicht möglich, muss jeder Schule ein regelmäßiger Zugang zu einem Sportplatz garantiert werden, zu jeder Zeit.
Ebenso sollte jedes Berliner Schulkind die Grundschule nicht verlassen, ohne Schwimmunterricht erhalten zu haben. Acht von 35 Berliner Hallenbädern sind derzeit wegen Bauarbeiten geschlossen. Das von unseren Schülerinnen und Schülern häufig genutzte Columbiabad öffnete seine Türen erst am 21. Juni. Der von uns geplante Schwimmkurs vor den Sommerferien kann somit nicht stattfinden, keine Zeit. Nach Überprüfung stellte sich heraus, dass von 22 fünf gar nicht und acht nur unzureichend schwimmen können.
Ada M. Hipp, Jahrgang 1968, lebt mit ihrer Familie in Berlin. Seit 1992 ist sie im Berliner Schuldienst tätig.
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