Olympische Winterspiele

Vom Winde verweht

Starke Böen wirbeln nicht nur das Programm durcheinander − auch die Athleten.

Max Bosse
6 Min
Atemberaubender Anblick − so lange man nicht selbst beim Sturm in den Schneehang muss.

Atemberaubender Anblick − so lange man nicht selbst beim Sturm in den Schneehang muss.

© AP/Michael Probst

Viktoria Rebensburg hatte Glück. Die Skifahrerin durfte im Lift sitzen bleiben. „Man hat im Mittelteil in der Gondel gemerkt, dass es mehr bläst“, erzählte sie hinterher. Noch während es für sie nach oben ging, wurde der anstehende Riesenslalom abgesagt. Also drehte die Olympiasiegerin von 2010 einfach eine Runde und kam wohlbehalten wieder unten an. Auf andere Athletinnen wurde Montag weniger Rücksicht genommen. Der Wind wird bei Olympia zunehmend zur Gefahr – für den engen Zeitplan und vor allem für die Gesundheit der Sportler.

Besonders heftig traf es die Snowboarderinnen beim Slopestyle-Wettbewerb, in dem sechs Hindernisse überfahren und für spektakuläre Tricks genutzt werden. Eigentlich. „Der Wind war echt furchteinflößend, ich hatte ziemlich Angst“, sagte Enni Rukajarvi, „im ersten Durchgang hatte ich einen wirklich bösen Sturz.“ Der beste Moment des Tages für sie? „Nach dem zweiten Lauf − als es vorbei war. Ich bin froh, dass ich noch ganz bin.“

„Beim letzten Sprung hat mich der Wind erfasst."

Dass die Finnin für das Besiegen der Furcht und den sturzlosen zweiten Versuch gar mit Bronze belohnt wurde, besserte ihr Empfinden nur wenig. Ihre Gedanken galten dem Wohlbefinden der Kolleginnen, denn denen war es im bislang fragwürdigsten Wettkampf dieser Spiele nicht besser ergangen.

„Ich weiß gar nicht mehr, was während des Laufs passiert ist, weil ich Angst um mein Leben hatte“, sagte die viertplatzierte Norwegerin Silje Norendal unter Tränen. „Ich wollte mich da oben nur noch hinsetzen und weinen. Mein Körper hat zwei Stunden lang gezittert“, sagte sie. Auch die Britin Amie Fuller war „froh, davongekommen zu sein“.

Sie war wie einige ihrer Kontrahentinnen aus großer Höhe auf den betonharten Landehang geknallt. „Beim letzten Sprung hat mich der Wind erfasst. Das tat weh“, sagte sie.

Training wegen starker Böhen abgebrochen

Windig ist es in Pyeongchang eigentlich immer. Das liegt an der Kombination aus Bergen und nahem Ozean. Hinzu kommt, dass die Berge nicht sehr hoch sind, weshalb etwa die Ski-Abfahrt oben auf einem aufgesetzten Gipfel starten muss, um überhaupt den geforderten Höhenunterschied aufzuweisen. Die Skisprungschanze ihrerseits ragt von Ferne sichtbar völlig ohne natürlichen Schutz oben auf einem Hügel in die Höhe.

Sturzopfer 2: Reira Iwabuchi.

Sturzopfer 2: Reira Iwabuchi.

© AP Photo/Gregory Bull/

Dass da modernste Windfangnetze nicht mehr helfen, war beim Olympiasieg von Andreas Wellinger in dem chaotischen Springen von der Normalschanze zu sehen gewesen. Das Training der Nordischen Kombinierer wurde in den vergangenen zwei Tagen jeweils erst mehrfach verschoben, dann nach dem zweiten (Sonntag) beziehungsweise ersten Sprung (Montag) abgebrochen.

Keine Chance auf faire Rennen

Am Wochenende haben die Luftströmungen zugenommen. Die Pisten, auf denen die Technikrennen der Alpinfahrer ausgetragen werden, liegen etwas weniger windanfällig als die Abfahrtsstrecke − auch dort fegten Montag Böen mit 100 km/h. Frauen-Bundestrainer Jürgen Graller lobte die frühzeitige Absage des Riesenslaloms.

„Es gab keine Chance, ein faires Rennen zu haben. Nicht den ganzen Tag zu warten, war eine gute Entscheidung. Wir gehen das jetzt relativ gemütlich an, ohne Stress“, sagte Jürgen Graller. Rebensburg nutzte den Tag zur Erholung. Das Rennen wird Donnerstag (2 Uhr, MEZ) nachgeholt, an dem auch die verschobene Abfahrt der Männer (3.30 Uhr) angesetzt ist.

Zynismus des Skiverbandes

Der starke Wind bei Temperaturen bis minus 25 Grad soll bis mindestens Mittwoch anhalten, weiter reichen die Vorhersagen nicht. Ob die Kombination der Männer wie geplant heute durchgeführt werden kann, ist fraglich. Eine Verschiebung wäre problematisch für die Organisatoren, da auf dem einzigen abfahrtstauglichen Hang auch Super-G der Männer, Abfahrt, Super-G und Kombination der Frauen ausgetragen werden müssen. Ein straffes Programm bei noch 13 Tagen Olympia. „Es ist noch genügend Zeit. Alle Wettbewerbe lassen sich abwickeln“, versicherte Mark Adams, der Sprecher des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Wichtiger als der Zeitplan ist jedoch die Gesundheit derer, für die die Spiele abgehalten werden. Der Internationale Skiverband (Fis) teilte nach dem skandalösen Slopestyle der Snowboarderinnen mit, dass man das genauso sehe. Alles Weitere in der Presseerklärung wirkte dadurch noch zynischer: Man sei sich bewusst, dass die Wetterbedingungen „herausfordernd“ gewesen seien, hielte aber nie einen Wettkampf ab, wenn die „Sicherheit der Athleten“ nicht gewährleistet werden könne. Man habe den Wind kontinuierlich beobachtet, hieß es. Mehr als 30 Minuten Verzögerung waren nach Verbandsmeinung nicht nötig gewesen, weil: „Im Training gab es keine Probleme.“

Nach Verletzung wurde Qualifikation abgesagt

Belege finden sich nur für das Gegenteil: Beim letzten Üben vor dem Finale war die Deutsche Silvia Mittermüller dem Wind zum Opfer gefallen und hatte sich einen Meniskuseinriss zugezogen. „Ich bin nach Südkorea gekommen, um Olympia mit allen Sinnen aufzusaugen und alles zu geben. Das habe ich trotz der herausfordernden und gefährlichen Bedingungen heute probiert und dafür bezahlt. Mich hat eine Windböe erwischt, dadurch bin ich zu kurz gekommen und voll eingeschlagen“, erklärte sie.

Sturzopfer 1: Yuka Fujimori.

Sturzopfer 1: Yuka Fujimori.

© Getty Images/ameron Spencer

Am Vortag war die Australierin Tess Coady verunglückt – Kreuzbandriss. Auch sie machte den Wind verantwortlich. Die Qualifikation war danach abgesagt worden, so dass Montag alle 26 Starterinnen um Medaillen fuhren – in zwei statt wie üblich drei Finaldurchgängen. Der beste Lauf wird gewertet.

Enttäuschung über Organisatoren 

Die Angst, dass auch sie zu Boden geworfen werden könnten, war allen Teilnehmerinnen besonders bei den drei großen Sprüngen am Ende des Kurses anzusehen. Eine nach der anderen blieb im letzten Moment auf der Schanze stehen, fuhr vorbei oder brach den Trick in der Luft ab. Nur zehn Fahrerinnen schafften einen Durchgang ohne Sturz, jede krachte mindestens einmal in den Schnee – manche ziemlich brutal auf den flachen Bereich hinter einem Sprung. Aus Furcht vor dem Wind waren die Anfahrtsgeschwindigkeiten zu niedrig, um bis in den Landebereich zu fliegen.

„So viele haben sich wegen des Windes verletzt, das war kein fairer Wettkampf“, kritisierte Anna Gasser. „Ich bin enttäuscht von den Organisatoren, dass sie das durchgezogen haben. Das war keine Show für das Frauen-Snowboarden.“ Dabei hätten die Österreicherin oder die ebenfalls zweimal gestürzte Julia Marino aus den USA bei normalen Bedingungen durchaus ein werbestarkes Spektakel geliefert.

Slopestyle mit seinen unterschiedlichen Rampen, Stangen und Sprüngen spricht wie keine andere Freestyledisziplin die Kreativität und Vielseitigkeit an. Gasser forderte nach der verhinderten Show, wie beim Windsurfen von Anfang an Ersatztage einzuplanen. Auch Windmessungen und ein Ampelsystem wie beim Skispringen wären denkbar.

Sie wollte unbedingt dabei gewesen sein

Der Kritik begegnete der Skiverband mit dem lapidaren Hinweis darauf, dass es sich um einen Freiluftsport handle, der es erfordere, dass sich Sportler an Begebenheiten anpassten. Ein Hohn angesichts der reihenweise stürzenden Weltklassesportlerinnen. Auch Siegerin Jamie Anderson (USA) blieb weit unter ihrem Fahrvermögen. Sie sagte: „Ich hätte nie gedacht, dass das reicht. Ich bin so glücklich, dass ich zumindest einen Lauf runtergebracht habe.“

Die 34-jährige Mittermüller hat das bei ihren wohl letzten Olympischen Spielen, bei denen sie auch im Big-Air-Vergleich hätte starten wollen, auch noch versucht. Zum zweiten Durchgang quälte sie sich hoch – und rutschte die 690 Meter lange Piste hinab. Sie wollte unbedingt dabei gewesen sein. Einen Punkt gab es dafür. Von 100.

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