Online-Stadtmagazin "Mit Vergnügen"

Ein Großstadtkompass für Berlin

Vor sieben Jahren haben Matze Hielscher und Pierre Türkwosky das Portal gegründet.

Anne Lena Mösken
6 Min
Freigeist trifft Spaßkanone: Matze Hielscher und Pierre Türkowsky von Mit Vergnügen.

Freigeist trifft Spaßkanone: Matze Hielscher und Pierre Türkowsky von Mit Vergnügen.

© Markus Wächter

Die Geschichte vom Anfang ihrer Freundschaft, wie sie sie heute erzählen, geht also  so: Irgendwann saßen sie zusammen am Küchentisch in Matzes Wohnung da wussten sie schon, dass sie gut miteinander können: Matze, der mit den Ideen, „ein kreativer Freigeist“, sagt Pierre, der sich die wahnsinnigsten Sachen ausdenkt. Und er, Pierre, der sich dann überlegt, wie man das umsetzen kann. Die perfekte Männerfreundschaft. An diesem Abend beschlossen sie, daraus ein Business zu machen.

„Man sollte wohl nicht in Brandenburg wohnen, wenn man Chef eines Stadtmagazins ist“

Sieben Jahre später sitzt Pierre auf einer knallgelben Bank in der Frühlingssonne und trinkt Kaffee mit Milch. Vor drei Jahren  haben sie hier ihr Büro bezogen, in einem Ladenlokal in einer stillen Seitenstraße in Prenzlauer Berg. Drinnen sitzt eine Handvoll Männer und Frauen Mitte zwanzig vor Laptops. Matze ist spät dran. Zeit für Small Talk darüber, wie schwer es ist, in Berlin eine Wohnung zu finden, in der Platz ist für ein zweites Kind, ob es eine Alternative sein könnte, aufs Land zu ziehen. Dann kommt Matze angeradelt. „Redest du schon wieder über Brandenburg?“ Die beiden lachen. „Man sollte wohl nicht in Brandenburg wohnen, wenn man Chef eines Stadtmagazins ist“, sagt Pierre.

Ein Stadtmagazin. So kann man es nennen, was sie heute machen. Solange man dabei nicht an ein Heftchen mit Kinoprogramm und Kleinanzeigen denkt. Sie haben es Mit Vergnügen genannt. So ein Titel erklärt sich von selbst.

Mit Vergnügen ist eine Webseite, die einem nicht erzählt, was es alles in dieser Stadt zu erleben gibt, sondern was davon man wirklich gesehen haben muss. Es ist ein kuratierter Veranstaltungskalender, eine Art Großstadtkompass, wie der coole Freund, der immer weiß, „was geht“, so heißt das hier. Mittwoch Karaoke in Clärchens Ballhaus. Donnerstag Fotografien rumänischer Straßenkinder im Willy-Brandt-Haus. Freitag Mozart in der Komischen Oper, Samstag macht ein Open-Air-Club in Kreuzberg auf. Dazu erzählt einem die Redaktion, warum man da hin muss, wen man da trifft und welcher Hashtag zur Veranstaltung passt: #bukarest #dongiovanni #openair.

„Wir sorgen dafür, dass sich Menschen in der großen Stadt orientieren können“, sagt Matze. Das klingt sperrig. Matze zuckt die Achseln. „Der Mensch braucht Orientierung.“ Wenn man auf die vergangenen sieben Jahre zurückblickt, waren Pierre und Matze ziemlich gut darin, zu wissen, was Großstadtmenschen so brauchen.

Am Anfang waren das Partys. Matze hatte hin und wieder in den Privatclub geladen, Pierre hatte als Booker  im Magnet und im WMF gearbeitet. Er hatte dafür seinen Job als Krankenpfleger aufgegeben, nachdem er100 Mark dafür bekommen hatte, dass er per SMS  seine Freunde einlud.

Die 100 schönsten DJs der Stadt

Die ersten Partys feierten sie im Michelberger Hotel an der Warschauer Straße, dann bespielten sie einen Club am Alexanderplatz; als sie den einrichteten, fanden sie eine alte Werbefigur für Eiscreme, also machten sie auch eine Eisdiele auf; sie ließen die 100 schönsten DJs der Stadt an einem einzigen Abend auflegen und später die 50 schönsten Rapper; sie gründeten den Berliner Kneipenchor, weil ein Freund von Matze gerne singen wollte und keinen passenden Chor fand, sie brachten eins, zwei, drei Podcasts an den Start, die alle in den iTunes-Charts stehen, einer dreht sich um Sex, einer um Männerfreundschaft und einer ist Matzes eigener. Er lädt sich dafür Gäste ein und quatscht mit ihnen über ihr Leben: Ronja von Rönne war schon da, Fritz Kalkbrenner, Tim Renner, Axel Prahl auch.

Wenn man in all diesen Projekten ein Muster finden will, dann vielleicht das: Da entdecken zwei eine Lücke, „White Space“ nennt Matze das, wundern sich, dass da noch keiner was gemacht hat und machen es dann selbst. Klingt einfach, ist aber ein Talent. Man muss Erfolg vorwegnehmen können. Das können Menschen wie Matze und Pierre. Auch: Es aushalten, wenn ein Projekt scheitert, wie der Club am Alex. Und die Eisdiele. Oder eben eins, das zwei Jahre lang nur Spaß und Arbeit macht und erst dann Geld abwirft.

So wie die Webseite,  die inzwischen so erfolgreich ist, dass es Ableger in Hamburg und in München gibt und demnächst auch in Köln. Am Anfang war es noch eine Art Blog, auf dem sie jeden Tag eine Veranstaltung empfahlen. In dieser Zeit begriffen große Firmen wie Jägermeister, Red Bull oder die Telekom langsam, dass sie über Leute wie Matze und Pierre an eine Zielgruppe herankommen konnten, die mit herkömmlicher Werbung kaum noch zu erreichen war: zwischen zwanzig und Mitte dreißig, Studenten und Jobeinsteiger, ein bisschen cool, aber auch ganz schön normal. Das waren die Leute, die auf ihre Partys kamen.

Bei Mit Vergnügen ist das Haus offen für alle

Mieze, die Frontfrau von Mia, hat das später mal so zusammengefasst: „Bei Mit Vergnügen ist das Haus offen für alle.“ Da gab es sie schon fünf Jahre, sie haben das groß gefeiert, mit einer Party in der Volksbühne. Sie sind gut darin, Menschen zusammenzubringen, soll das heißen. „Wer zu uns kommt, ist nicht so eingefahren“, sagt Matze.  Leute also, die zu Hause die neue Platte von Bon Iver hören, aber auch kein Problem damit haben, die neue Single von Drake gut zu finden.

Die lassen sich dann auf Mit Vergnügen gerne von Matze die „11 schönsten Laufstrecken der Stadt“ empfehlen, vorgestellt von Berlinern, die irgendeinen interessanten Job machen, darüber plaudern und dabei beiläufig die Klamotten eines großen Sportartikelherstellers tragen, der wiederum Mit Vergnügen für den Beitrag bezahlt. Native Advertising und Content Marketing nennt man das, wenn Werbung von ihrem Umfeld kaum zu unterscheiden ist, wobei jeder gesponsorte Text auf Mit Vergnügen deutlich gekennzeichnet ist. Sie hatten nie  ein Problem damit, dass sie mit dem Spaß der anderen Geld verdienen. Im Gegenteil. Genau das war der Plan.

„11 Dinge, die man als Österreicher in Berlin vermisst“

Und es funktioniert,weil die jungen Menschen im Büro drumherum Artikel über die nervenaufreibende Kitasuche schreiben, über geklaute Fahrräder, das Leben als Sex-Escort, Blasenentzündungen oder „11 Dinge, die man als Österreicher in Berlin vermisst“. Sie sind dabei nicht so angestrengt jugendlich wie Bento, nicht so streberhaft wie die Neon, nicht so dreckig wie Vice. „Wir sagen immer, wir sind nice“, sagt Matze. Und meint damit: gut gelaunt, auch wenn man abends mal auf dem Sofa sitzt und darüber jammert, noch immer nicht die Liebe fürs Leben gefunden zu haben. Der coole Freund sagt dann: „Mach dir nichts
draus, genieß dein Leben.“

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