Kommentar

Die Corona-Politik wollte nie wissen, ob sie funktioniert – und daran ist sie gescheitert

Welche Corona-Maßnahmen wirken? Das sollte eine Expertenkommission prüfen. Aber es gelang ihr kaum – weil so viele Daten fehlen. Es ist ein Desaster.

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Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, gehörte zu den 18 Mitgliedern der Kommission.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, gehörte zu den 18 Mitgliedern der Kommission.

© dpa/Bernd von Jutrczenka

Der Satz ist wie ein Ohrwurm, den ich nicht loswerde, seit die Pandemie begonnen hat. Ich habe von Anfang an darüber berichtet. Damals hatte das Virus noch nicht mal einen Namen. Aber die Wissenschaftler, mit denen ich über die drohende Gefahr sprach, sagten da schon immer diesen einen Satz: Wir brauchen bessere Daten.

Wir brauchen bessere Daten. Logisch, damals war alles neu. Mittlerweile läuft die Pandemie seit zweieinhalb Jahren. Und dieser Satz fiel in jedem Gespräch, das ich mit Experten über die Lage führte.

Und nein, das ist keine Übertreibung. In jeder Welle, bei jeder Variante, bevor es Impfstoffe gab, seitdem es sie gibt. Wir brauchen bessere Daten, um dieses oder jenes zu verstehen, wirklich beurteilen zu können. Manchmal wollte ich am liebsten losbrüllen: Und warum, verdammt noch mal, gibt es diese Daten in Deutschland immer noch nicht?!

Am Freitag hat auch die Kommission, die im Auftrag der Bundesregierung die bisherige Corona-Politik evaluieren sollte, diese Frage gebrüllt – obwohl ihre Vertreter dabei die Stimmen kaum hoben, an ihrem Tisch bei der Pressekonferenz.

Der Nutzen vieler Corona-Maßnahmen: unklar

Aber ihr Bericht kreist um diese Frage, um dieses Desaster. Man kann in Deutschland eher erahnen als ermessen, welche der vielen Corona-Schutzmaßnahmen überhaupt etwas gebracht haben. Maßnahmen, die tief in den Alltag der Menschen eingriffen, ihn einsamer machten, die kaum noch zu bewältigen waren, die Grundrechte einschränkten. Den Schaden, den die Maßnahmen angerichtet haben in der Psyche von Kindern, Eltern, alten Menschen kennt man inzwischen. Der Nutzen bleibt – so der Bericht – in vielen Fällen unklar. Kann sein, dass es ihn gab. Kann sein, dass nicht.

Selbst über Lockdowns lässt sich nur sagen: „Sie können einen Effekt haben, vor allem anfangs, bei niedrigen Zahlen.“ So fasste es Hendrik Streeck zusammen, der Bonner Virologe, der wie kaum ein anderer Forscher in der Pandemie von Medien und Öffentlichkeit diffamiert worden ist. Dabei gehörte er zu den ersten, die sich vor Ort einen Überblick zu verschaffen versuchten, indem er im frühen Hotspot Heinsberg selbst Daten erhob. Er versuchte es immerhin.

Auch bei der Vorstellung des Berichts nutzte eine Journalistin ihre Fragezeit, um ihn anzugehen. Ob er FDP-Politik mache in der Kommission, wollte sie wissen. Die Soziologin Jutta Allmendinger griff ein, um Streeck zu verteidigen. Die Kommission habe gemeinsam gearbeitet, mit einem Ziel: Herausfinden, was funktioniert hat.

Die Evaluierungskommission empfiehlt eine neue Evaluierung

Zu einem der größten Streitthemen der Pandemie, der Frage, ob Schulschließungen sinnvoll sind, konnten die Experten sich nicht substantiell äußeren. Sie raten zu einer separaten Evaluierung. Mehr Experten, vor allem Menschen, die sich mit Bildung, Kindern, Schulen, Familien auskennen, sollen das prüfen.

Eine gute Idee – nach zweieinhalb verschwendeten Jahren. Allmendinger kann beim bisherigen Kenntnisstand über die massiven Probleme, die Schulschließungen für die Kinder und Familien bedeuten, jetzt aber schon eins deutlich sagen: „Sie sollten das letzte aller Mittel sein.“

Über viele Maßnahmen weiß man, dass sie „im Labor“ sehr wirkungsvoll sind. Also unter Studienbedingungen. Korrekt sitzende Masken schützen zuverlässig, qualitativ hochwertige und richtig abgenommene Schnelltests helfen, Infizierte zu finden.

Wie ist es im echten Leben? Tja. Es geht, zur Erinnerung, nie um einzelne Ansteckungen, sondern immer um die Frage, ob man mit einer Maskenpflicht oder einer Testpflicht die Pandemie insgesamt eindämmen, die Ansteckungszahlen sinken lassen kann.

Für die Daten, die in Deutschland am dringendsten fehlen, bräuchte man etwas, was sich fast alle Experten seit Beginn der Pandemie dringend wünschen: „Eine repräsentative Zufallsstichprobe“, nennt das Allmendinger am Freitag.

Wie will man Corona-Maßnahmen noch begründen nach diesem Bericht?

Regelmäßig, etwa in jedem Monat, müssten Menschen untersucht werden, die einen Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Sind sie gerade mit Corona infiziert? Wenn ja, mit welcher Variante? Welche Symptome haben sie? Sind sie geimpft, wenn ja, wie oft? Und so weiter. Wenn man kontinuierlich solche Daten erhebt, könnte man auch ablesen, wie sie sich verändern – beispielsweise während ein Lockdown verhängt worden ist.

Wir brauchen bessere Daten. Aber wir bekommen sie einfach nicht. Als ich der Kommission zuhörte, wollte ich nicht mal mehr brüllen. Es ist so offensichtlich, so bekannt; jeder, der sich mit der Pandemie befasst, hat den Satz schon gehört, gesagt, geschrieben. Aber die Politik verweigert sich.

Weder Gesundheitsminister Jens Spahn noch Gesundheitsminister Karl Lauterbach haben je so eine repräsentative Erhebung in Auftrag gegeben. Sie haben, als Maßnahmen verhängt wurden, keine begleitenden Studien beauftragt, die klären könnten – bringt es etwas? Soll man genau das – 2G in Restaurants, Masken auf dem Weg zur Toilette – nochmal anordnen? Es wirkt beinahe, als wollte die Politik gar nicht wissen, welche ihrer vielen Maßnahmen nun wirkt.

Das war fahrlässig. Wenn sich nach diesem Bericht nicht sofort etwas daran ändert, nicht alles versucht wird, um die Datenlage zu verbessern, muss man sagen: Es war vorsätzlich. Wie wollen Politiker eigentlich Maßnahmen gegen eine neue Corona-Welle begründen und durchsetzen nach diesem Bericht?

Hendrik Streeck betonte eine Erkenntnis der Kommission ganz besonders: Maßnahmen können ihre Wirkung überhaupt nur entfalten, wenn sie von der Bevölkerung akzeptiert und aktiv mitgetragen werden. Wenn die Leute keine Lust mehr haben, kann die Regierung beschließen, was sie will. Es bringt dann kaum noch etwas. Masken hängen dann so schief im Gesicht, dass man sie auch absetzen könnte, Tests werden lustlos gemacht, Lockdowns umgangen.

Gerade in dieser Hinsicht hat das Fehlen von Daten zukünftigen Maßnahmen schon jetzt schweren Schaden zugefügt.

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