Lyrik gilt als schwierige Gattung. Deshalb haben es ihre Autoren oft schwer, an die Öffentlichkeit zu kommen. Das gilt für Berlin nicht in dieser Weise. Denn hier gibt es eine "Gesellschaft zur Pflege und Förderung der Poesie e. V.", die im April 1991 gegründet wurde und durch den von Mörike entlehnten Begriff Orplid & Co. bekannt ist. Die Orplid-Lesungen zweimal im Monat im Cafe Clara sind immer gut besucht; weniger als vierzig Gäste wurden nie gezählt - oft doppelt so viele. Doch die Veranstalter sorgen sich um die Zukunft. Der Grund dafür ist wie überall im Kulturbereich die Finanzlage.Die zwei Mitarbeiter, die das Büro in der Clara-Zetkin-Straße betreiben, von dort aus die Lesungen im Cafe und seit 1992 auch in Berliner Schulen organisieren, wurden zunächst über ABM-Mittel, werden jetzt durch einen Lohnkostenzuschuß von Senat und Arbeitsamt bezahlt. Diese Regelung gilt noch bis November 1996 und könnte so nicht mehr verlängert werden. Deshalb sind die Orplid-Geschäftsführerin Brigitte Schreier-Endler und der Vorstand des Vereins, dem die Dichter Elke Erb und Adolf Endler angehören, in einen Briefwechsel mit dem Senat getreten. Was sie erreichen wollen, nennt sich "institutionelle Förderung", eine feste Summe, mit der Gehalt, Lesungs-Honorare, Reisekosten und die Miete für das winzige Büro bezahlt werden könnten. Die Honorare kommen bereits jetzt zu einem großen Teil vom Senat, Orplid wird auch von der Stiftung Preußische Seehandlung und bei einigen Projekten vom Auswärtigen Amt unterstützt. Der Verein beruft sich auf den Erfolg beim Publikum und auf Autoren, die bei Orplid Gast waren - etwa Allen Ginsberg, Bella Achmadulina, Volker Braun, Wolfgang Hilbig und Yoko Tawada.Dabei sind es nicht unbedingt die großen Namen, die den Reiz der poetischen Insel Orplid ausmachen. Der Literaturreferent des Kultursenats Dietger Pforte lobt, daß hier einer jungen, experimentellen Literatur Raum gegeben wird: "Orplid hat in den vergangenen Jahren ein aufregendes und gutes Gegenprogramm zu den anderen Einrichtungen in der Stadt gemacht." Er unterstützt das Begehren nach Förderung. 200 000 Mark - um soviel geht es - sind eine Menge Geld in Zeiten, da gespart werden muß. Könnte Orplid nicht auch in einem anderen Rahmen, etwa im Literaturhaus oder der LiteraturWERKstatt weitergeführt werden? Brigitte Schreier-Endler will sich auf solche Gedankenspiele nicht einlassen: "Wir wollten hier in der Mitte Berlins ost- und westdeutsche Autoren mit ihren Texten zusammenführen und das ist uns gelungen. Mit dem Cafe Clara haben unsere Lesungen ihr eigenes Gesicht bekommen, woanders wären wir doch nur das fünfte Rad am Wagen." Und sie besteht darauf, daß Orplid eine Bereicherung für die Stadt sei.Wer Lesungen bei Orplid erlebt hat, stimmt ihr da gewiß zu. Denn während die öffentliche Debatte über Literatur im allgemeinen von der Politik dominiert wird, stehen hier Texte und ästhetische Fragen im Vordergrund. Heute abend lesen Zvonko Pepelic und Stevan Tontic, 20 Uhr, Cafe Clara, Clara-Zetkin-Str. 90, Mitte. +++
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