Oscar-Galas können sich hinziehen. Wer je eine durchgesessen hat vor dem Fernseher, weiß, wovon die Rede ist. Pathetische Gesangsdarbietungen und mehr oder weniger lustige Moderatorentexte lockern die gern bis zu vierstündige Verleihung der weltweit renommiertesten Filmpreise nur bedingt auf. Und doch geschieht es immer wieder, dass einem so ein Oscar-Abend aus Glanz und Glimmer plötzlich um die Ohren fliegt. Das sind dann Momente, in denen der Kontrast zwischen Hollywoods Scheinwelt und der gesellschaftlichen und politischen Realität enorm produktiv wird. Es sind atemberaubende Momente.
So geschehen in der Nacht vom Sonntag auf Montag im Dolby Theatre in Los Angeles bei der Verleihung der 87. Academy Awards, die vom Schauspieler Neil Patrick Harris moderiert wurde. Ein Ruck ging durch das Publikum, als der Oscar für den Besten Dokumentarfilm ausgerechnet an „Citizenfour“ ging.
Darin lässt die US-Regisseurin Laura Poitras den Whistleblower Edward Snowden etwa darüber sprechen, wie der bemerkte, dass er wegen seiner Enthüllung über die allumfassende NSA-Überwachung nicht nur selbst überwacht, sondern von den Geheimdiensten unter Druck gesetzt wurde. Mit dem Oscar für „Citizenfour“ hat niemand ernsthaft gerechnet. Fast sah man schon Wim Wenders für „The Salt of the Earth“ als Gewinner dastehen, jedenfalls in Deutschland. Aber auch das ist Hollywood: ein Ort für die seltsamsten Überraschungen.
Nun ist es nicht so, dass man den 5800 Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die über die Oscar-Gewinner abstimmen, keine politische Courage zutrauen würde. Das tut man, allerdings vorbehaltlich – schließlich handelt es sich bei diesem Wahlvolk um eine recht homogene Gruppe.
Einer Untersuchung der Los Angeles Times zufolge sind 94 Prozent der Academy-Mitglieder weiß, 77 Prozent männlich, und im Durchschnitt sind die Voters 62 Jahre alt. Alte weiße Männer bestimmen also mit der Preisvergabe darüber, wessen Marktwert steigt und welche Ästhetik und Themen forciert werden. Das ist seit langem Anlass für Kritik, die der Gala-Moderator Neil Patrick Harris gleich in der ersten Minute des Abends unterbrachte, als er die im Dolby Theatre Versammelten mit den Worten begrüßte: „We honour Hollywood’s best and whitest“, wir ehren Hollywoods Beste und Weißeste - ein böses Wortspiel statt „best and brightest“.
Perfekte Komödie „Grand Budapest Hotel“ in Nebenkategorie abgespeist
Apropos: Neil Patrick Harris, unter anderem aus der Fernsehserie „How I met your Mother“ und David Finchers Thriller „Gone Girl“ bekannt, ist bekennender Schwuler und Broadway-Star. Er wollte sich für diese 87. Oscar-Zeremonie etwas noch Tolleres einfallen lassen als Ellen DeGeneres, die im vergangenen Jahr als Host mit ihrem schlagartig populären All-Star-Selfie das Internet lahm legte. Neil Patrick Harris’ noch bessere Idee war eine „Birdman“-Parodie, die den Moderator in Feinrippunterhose auf die Bühne führte - ganz á la Michael Keaton in dem besagten Film von Alejandro González Iñárritu.
Das war mäßig erheiternd, aber Harris lag damit immerhin nicht ganz falsch. Schließlich erwies sich der neunfach nominierte „Birdman“ am Ende als großer Abräumer des Abends: Bester Film, Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch und so weiter. Ein bisschen leid tat es einem schon für den sechsfach nominierten „Boyhood“, Richard Linklaters Langzeitprojekt über das Heranwachsen eines ganz normalen Jungen in Texas. Über zwölf Jahre gedreht, mit den immer selben Darstellern, sieht dieser Film praktisch dem Leben zu.
Letztlich hatte „Boyhood“ wohl keine Chance gegen „Birdman“, der in den vergangenen Monaten bereits mit Preisen von Kritikern sowie der unterschiedlichsten Gewerkschaften für Filmschaffende überhäuft worden war. Hollywood liebt nun einmal Geschichten über sich selbst - wie eben diese über einen abgehalfterten Superhelden-Darsteller, der am Broadway ein Comeback mit einem Theaterstück versucht, also mit „echter Kunst“. Die Traumfabrik liebt es auch, wenn ihre verlorenen Kinder wie Phönix aus der Asche zu neuem Ruhm auferstehen.
Um so überraschender, dass nicht Michael Keaton als Bester Hauptdarsteller geehrt wurde, sondern der Brite Eddie Redmayne für seine Rolle als zunehmend kranker Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“. Andererseits liebt Hollywood auch solche besonderen Darstellerleistungen; gern werden sie als „Oscar-induced Over-acting“ geschmäht.
Wes Andersons perfekte Komödie „Grand Budapest Hotel“, die mit neun Nominierungen ins Rennen ging, wurde leider nur in den Nebenkategorien abgespeist. Über die meisten Preis-Entscheidungen kann man sich indes freuen. Der Oscar für den Besten fremdsprachigen Film für „Ida“ brachte das Publikum in den Genuss einer ebenso berührenden wie drolligen Dankesrede, in welcher der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski auch seiner verstorbenen Ehefrau gedachte.
Nun hat das Oscar-Orchester eigentlich Weisung, jeden Redner nach 30 Sekunden brüsk zu unterbrechen, doch an diesem Abend schwieg es, wann immer auf der Bühne die Rede auf einen toten Familienangehörigen kam. Was in den sozialen Medien gleich zu Wetten und Häme führte: Lässt sich das Orchester unterkriegen? Wer siegt – Dankesredner oder Musik? Die Academy Awards sind eben auch ein Spaß.
Eine Menge Stars, die vor allem an ihrem Marktwert arbeiten
Dass Julianne Moore der Oscar als Beste Hauptdarstellerin zugesprochen wurde, war längst fällig. Und die Nebenrollen-Oscars für den großartigen J.K. Simmons („Whiplash“) und die wunderbare Patricia Arquette („Boyhood“) lassen einen fast glauben, dass es doch gerecht zugeht auf dieser Welt. Leider fiel die Dankesrede von J.K. Simmons einem minutenlangen Sendeausfall zum Opfer. Arquette war dann die erste, die eine von vielen flammenden Reden hielt während dieser 87. Gala, in diesem Fall für Frauenrechte und vor allem eine gleiche Bezahlung von Frauen. Nicht ohne Ironie war, dass ausgerechnet die hochbezahlte Meryl Streep über Arquettes Worte quasi aus dem Häuschen geriert. Das ist in Ordnung: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – auch wir sind natürlich dafür.
Neben den Frauenrechten wurde in der Sonntagnacht aber auch die Sache der Schwulen vertreten, etwa durch Graham Moore (Oscar fürs Beste adaptierte Drehbuch für „The Imitation Game“). Er rief auf: „Stay Weird, stay strange!“ Julianne Moore, die in „Still Alice“ eine Alzheimerkranke verkörpert, nahm sich der Alzheimerkranken an. Die Sache der Einwanderer wurde durch Alejandro González Iñárritu, seines Zeichens gebürtiger Mexikaner, verfochten. Für die Angelegenheiten der Schwarzen und gegen Rassismus traten der Rapper Common und der Singer-Songwriter John Legend (Song für „Selma“) ein, beide Afroamerikaner. Und dann gab es natürlich ein Plädoyer für die Kunst- und Meinungsfreiheit.
Cheryl Boone Isaacs, die Präsidentin der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, hielt es höchstpersönlich und flocht eine Anspielung auf das Sony-Hacking-Desaster vor dem Kinostart der Nordkorea-Satire „The Interview“ ein, als sie sagte: „Keine Stimme wird durch Drohungen zum Schweigen gebracht werden“.
Das alles war richtig so. Jetzt heißt es wieder, diese 87. Oscars seien immens politisch gewesen. Und doch ergibt sich ein seltsamer Eindruck, wenn eine Menge Stars, die sich gerade erst bei Ernährungsberatern, Hautärzten, plastischen Chirurgen, Fitnesstrainern und Stylisten die Klinken in die Hand gaben, plötzlich auch eine Art politische Versammlung abhalten, während sie gleichzeitig an ihrem Marktwert arbeiten. Hollywood-Produktionen werden zu weiten Teilen in Kanada oder den europäischen Filmförderparadiesen und Billiglohnzonen gedreht, Animationsfilme analog dazu in Südkorea. Und auch diese Oscar-Gala war eigentlich sturzlangweilig, vielleicht gerade weil Lady Gaga hier die Julie Andrews mimte.
Warum aber ist Hollywood dann immer noch so ein Mythos? Zu Beginn der Gala hatte Neil Patrick Harris die Oscars noch scherzhaft in „Dependent Spirit Awards“ umbenannt, analog zu den hochangesehenen Independent Spirit Awards, den unabhängigen Filmpreisen. Am Ende hat er, nach zahllosen Entgleisungen seinerseits, damit wohl doch nicht recht behalten.
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