Die Corona-Pandemie als Denkpause
Die Corona-Krise habe das Leben auf der Insel nachhaltig verändert und den Ruf nach einer neuen Qualität des Tourismus verstärkt, schreibt der Chef der Sylt Marketing, Moritz Luft, in der Publikation „Kurs Sylt“. Das lässt sich so verstehen, dass mit der Corona-Unterbrechung, also dem Abebben der Besucherströme, endlich wieder Zeit zum Nachdenken war, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: „Einen Tourismus, der die Basis für unser Leben schafft, aber unsere Insel nicht überfordern darf.“
Die Insel ist gerade mal 99 Quadratkilometer groß und zu einem Drittel mit Dünen bedeckt. Zehn Naturschutzgebiete verteilen sich auf rund 50 Prozent der Inselfläche. Bleibt also noch die andere Hälfte Sylts: zwölf Orte gibt es hier, knapp 20.000 Menschen leben auf der Insel. Tausende pendeln zudem täglich zum Arbeiten vom Festland nach Sylt. Viele, weil Wohnraum auf der Insel teuer ist.
Dünenschutz ist Inselschutz: Sylts Dünenlandschaften locken Touristen an, dürfen aber nicht betreten werden. Die Hälfte der Insel steht unter Naturschutz.
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Geboten wird in dieser bedrängten Lage ein weites Spektrum touristischer Dienstleistungen: Vom Luxushotel bis hin zu Campingplatz und Jugendherberge, vom Sternerestaurant bis zur Fischbrötchenbude, ob Naturliebhaber, Surfer, Gourmet oder Golfer, auf Sylt ist für jeden etwas dabei. Die Zahl der Gäste hat sich in den vergangenen 30 Jahren fast verdoppelt: von knapp 522.000 im Jahr 1990 auf etwa 961.000 im Jahr 2019. Zugleich ist die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 10,3 auf 7,45 Übernachtungen gesunken, wie Statistiken der Gemeinden zeigen.
Einheimische habe das Nachsehen
„Das führt zu einer Unausgewogenheit des Verhältnisses zwischen Einheimischen und Gästen sowie auch Zweitwohnungsbesitzern“, findet die Keitumer Goldschmiedin Birte Wieda, die gemeinsam mit Mitstreitern im vergangenen Jahr das Bürgernetzwerk „Merret reicht‘s – aus Liebe zu Sylt“ gegründet hat. „Dieses Entfremdungsproblem wird umso größer, je mehr man feststellt, dass nicht mehr die Einheimischen die Beherbergungsbetriebe neu bauen und leiten, sondern Fremde – zunehmend gar unpersönliche Investmentfonds. Die Sylter selbst profitieren schon lange nicht mehr vom Overtourism“, sagt Wieda. Vielmehr machten sich große und kleine Immobilieninvestoren von überallher die Wertschöpfung auf der Insel zunutze: „Das Kapital wird hier aufgebaut und abgeschöpft.“
Der Vorsitzende des Vereins Sylter Unternehmer, Karl Max Hellner, betonte hingegen, die meisten Sylter lebten hauptsächlich vom Tourismus. „Wir brauchen die Ferien- und Tagesgäste für unsere Wirtschaft, ohne sie kann die Insel nicht überleben.“ Die Frage sei aber, „ob sich die Masse an Menschen im Hochsommer noch mit unseren eigenen Vorstellungen von Lebensgefühl, dem Umgang miteinander und dem neuen Freiheits- und Ökologiegedanken verbinden lässt“. Es sei schade, dass inzwischen mehr auf Quantität als auf Qualität gesetzt werde. Gerade im vergangenen Jahr habe sich das extrem bemerkbar gemacht, als jede noch so kleinste Buchungslücke gefüllt worden sei.
Pittoresk und unbezahlbar für die meisten Einheimischen: Jedes Jahr fallen 100 Wohnungen durch die Umwandlung in Ferienimmobilien weg.
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Der Tourismus hat auch zu einem Bauboom und einer Explosion der Immobilienpreise geführt. Millionen Euro teure (Reetdach-)Ferienhäuser, exklusive Ferienappartements und riesige Luxushotels entstanden und entstehen noch immer in vielen Inselorten. Was seit Jahrzehnten fehlt, ist bezahlbarer Wohnraum für Einheimische. „Der Bauboom auf Sylt ist ungebrochen, hat aber Wohnungsnotstand zum Ergebnis – das scheint absurd“, sagt Birte Wieda. „Wir würden heute sagen, dass die uns leitende Ökonomie die Bau- und Investmentbranche ist.“ Noch immer werde zu viel Dauerwohnraum in Zweit- und Ferienwohnungen umgewandelt.
Verkehrsinfark in Westerland
Und auch wenn die Anstrengungen für den Bau von kommunalen Wohnungen für Einheimische in der letzten Zeit zugenommen haben, fallen jedes Jahr schätzungsweise 100 Wohnungen durch die Umwandlung in Ferienimmobilien weg. Der Bürgermeister der Gemeinde Sylt, Nikolas Häckel, sagte im Dezember 2020 der „Sylter Rundschau“ mit Verweis auf eine Studie, die Fertigstellung kommunaler Dauerwohnungen reiche lediglich aus, um die durch Umwandlung in Ferien- oder Zweitwohnungen verlorene Zahl der Dauerwohnungen annähernd zu kompensieren.
Der Tourismus führt überdies zu einer erheblichen Belastung durch den Autoverkehr. Gerade an den traditionellen An- und Abreisetagen gehören die Meldungen über stundenlange Wartezeiten an den Autoverladestationen in Niebüll und Westerland zu den Klassikern im Verkehrsfunk. Entzerrte Anreisetage könnten die Situation schon entlasten. Eine echte Lösung bringen nach Meinung vieler auf der Insel vor allem weniger Autos, dafür mehr Angebote im öffentlichen Personennahverkehr und eine verbesserte Fahrradinfrastruktur. Das wäre auch ökologisch nachhaltiger.
Bis zum nächsten Verkehrsinfarkt: Fahrzeuge werden mit dem Autozug über den Hindenburgdamm nach Sylt befördert.
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Der Unternehmer Hellner glaubt fest daran, „dass wir das hinbekommen und im Laufe der Zeit wieder besser mit den Ressourcen der Insel und dem Tourismus umgehen“. Es werde schwer werden, das Rad umzudrehen oder für Sylt neu zu definieren, aber nicht unmöglich. Nachhaltiger Tourismus, Resonanztourismus, Entschleunigung, Dauerwohnraum, Verkehrskonzepte wie zum Beispiel die Ausweitung des Fahrradwegenetzes und die Bebauung von Grundstücken seien wichtige Themen. Und auch Wieda findet: „Nachhaltigkeit ist für Leben und Tourismus auf der Insel oberstes Gebot.“
Das touristische Modellprojekt Nordfriesland ist zunächst bis zum 31. Mai befristet. Dann wird auf Sylt Bilanz gezogen. (dpa)
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