Pakistan

Der unheimliche Taliban

Pakistans Bevölkerung solle keine Angst vor ihm haben. Doch in der Vergangenheit hat der neue Taliban-Chef Mullah Fazlullah gezeigt, dass auf solche Worte nicht viel zu geben ist. Dennoch könnten sich Extremisten und Regierung auf einen Frieden einigen.

Willi Germund
3 Min
Mullah Qari Fazlullah, neuer Chef der Talibangruppe TTP

Mullah Qari Fazlullah, neuer Chef der Talibangruppe TTP

© AP Lizenz

Als Mullah Qari Fazlullah – richtiger Name Fazal Hayat – Anfang der 90er-Jahre zum ersten Mal im pakistanischen Swat-Tal eine Revolte gegen die Regierung anzettelte, versuchte er, sich bei der Bevölkerung ebenso einzuschmeicheln wie an diesem Freitag, als er nach der Wahl zum Chef der Taliban-Organisation TTP seine erste Erklärung abgab: „Die Menschen müssen keine Angst haben.“

Damals wie auch im Jahr 2009, nach der Besetzung des Swat-Tals durch die Taliban, lernten die Bewohner schnell: Der 1974 geborene Fazlullah meinte nicht jeden Menschen. Wer sich seinen Ansichten nicht fügt, muss mit den schlimmsten Strafen rechnen. 2009 hingen Dutzende von Menschen, die das Missfallen des Mullahs erregt hatten, morgens an Laternenpfählen in Mingora, der Hauptstadt des Swat-Tals.

Nun tritt der wegen seiner Rundfunkpredigten als „Mullah Radio“ bekannte Extremist ein schwieriges Erbe als Nachfolger des von einer US-Drohne getöteten Hakimullah Mehsud an. Zum einen versteckt Fazlullah sich seit zwei Jahren lieber in der Kunar-Provinz von Afghanistan, als die Sache des Islam in der pakistanischen Heimat zu verfolgen. Zum anderen stammt er nicht aus Waziristan, seit 2007 üblicherweise die Heimat des Führers über das Sammelsurium von 30 Gruppen, das sich in der TTP zusammengefunden hat. Die Extremisten von Gruppen wie Al-Kaida oder der IMU aus Usbekistan kennen den Mann aus dem Swat-Tal kaum und werden ihm misstrauisch begegnen.

Alle Bemühungen um einen Friedensdialog mit der TTP dürften mit der Wahl von Fazlullah ins Reich der Träume gerückt sein. „Pakistan ist ein Sklave Amerikas“, ließ er nach der Amtsübernahme verkünden. Freilich dürfte Pakistans Militär auch nicht mit ihm sprechen wollen. Denn seit 2009 wissen die Generäle, dass Fazlullah jeder Einigung neue Forderungen folgen lässt.

Dennoch bedeutet die Ernennung des Mullahs nicht das Ende aller Friedenshoffnungen. Einflussreiche Leute in Pakistan bevorzugen separate Verhandlungen mit verschiedenen Gruppen gemäß ihrer Stammeszugehörigkeit. Fazlullah muss deshalb nicht nur auf der Hut sein, um den US-Drohnen zu entgehen. Er wird auch damit beschäftigt sein, die TTP beisammen zu halten. Das wird ihn freilich kaum hindern, eine Drohung zu verwirklichen: Er schwor Vergeltung für den Tod seines Vorgängers Mehsud.

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