Die philippinischen Gastarbeiter, die sich ebenfalls in der Nacht von Israel nach Bethlehem aufgemacht haben, um mit dem Papst einen Gottesdienst auf dem Platz zu feiern, mischen mit und wedeln gelbe Vatikan-Wimpel. Die Stimmung ist leicht, der Himmel blau. Aber die bittere Realität in Nahost ist nicht zu übersehen. Rund um den Platz sind riesige Fotomontagen aufgehängt worden. Darauf zu sehen sind biblische Motive aus berühmten Barockgemälden vermischt mit Szenen aus dem syrischen Bürgerkrieg und vom Alltag an Militärcheckpoints.
Einladung in den Vatikan
Ohne Umschweife kommt der Papst bei dem siebenstündigen Besuch in Palästina auf den Nahostkonflikt zu sprechen, kaum dass sein Helikopter gelandet ist. Beim Empfang durch Präsident Mahmud Abbas redet Franziskus über verweigerte Rechte für Palästinenser und das Auswanderungsproblem, wodurch die Zahl der Christen in der Arabischen Welt drastisch reduziert wurde. Und er bekundet „denen meine Nähe, die am meisten unter den Folgen des Konflikts leiden“. Weshalb er „aus tiefem Herzen sage, es ist Zeit, dieser Situation, die immer unerträglicher wird, ein Ende zu setzen“.
Für palästinensische Seelen sind die Worte Balsam. Elias Saleh Michael (61) hat daraufgesetzt und seinen Souvenirladen neben der Geburtskirche mit Fotos aller bisherigen Papstbesuche im Heiligen Land geschmückt. Franziskus aber, der die Armen und Unterdrückten liebe, sei speziell, sagt Michael. „Das sieht man doch schon daran, dass er lieber mit einfachen palästinensischen Familien zu Mittag esse statt im erlauchten Kreise der Kardinäle.“ Nur, wie die meisten Palästinenser erhofft sich Michael mehr als Anteilnahme. „Wir wollen, dass der Papst Abbas und den anderen Kerl dazu bringt, Frieden zu schließen.“ Michael meint damit neben dem Palästinenserführer den israelischen Premier Benjamin Netanjahu. Die beiden Politiker haben allerdings selbst während der neunmonatigen, letztlich gescheiterten Verhandlungen nicht miteinander gesprochen.
Die päpstliche Einladung an Abbas und Schimon Peres, den israelischen Staatspräsidenten, sich zum Friedensgebet im Vatikan zu treffen, wirkt da wie pure Symbolik, zumal die Amtszeit von Peres im Juli endet. Immerhin erklärt der Vatikan am Sonntagnachmittag, dass die beiden dem Wunsch des Papstes entsprechend in den Vatikan reisen werden.
Bei Netanjahu dürfte eine weitere Geste, die Franziskus bei seiner Fahrt zur Heiligen Messe auf dem Krippenplatz unternimmt, schlecht ankommen. Als sein Weg direkt an der acht Meter hohen Mauer vorbeiführt, die Bethlehem einschnürt und von Jerusalem trennt, verlässt der Pontifex sein Papamobil und geht zu dem Betonmonstrum. Dort verharrt er im Gebet. Tausende Palästinenser, die die Szene auf Video-Bildschirmen verfolgen, jubeln. In seiner Predigt schließlich spricht Franziskus über die Werte der Familie. Auch darin bringt er eine politische, diesmal globale Botschaft, unter, als er eine Welt im Überfluss anprangert, die es hinnehme, dass Kinder hungerten oder zu Sklavenarbeit gezwungen würden. In Bethlehem wird auch deutlich, dass die Palästinenser sich mit Rom besonders verbunden fühlen. Erstens hat der Vatikan beim UN-Votum vor zwei Jahren für Palästina gestimmt. Und zweitens genießen beide als Nichtmitglieds-Staaten der Vereinten Nationen den gleichen Status. Schon PLO-Chef Jassir Arafat hatte Wert auf einen guten Draht zum Vatikan gelegt.
Dennoch versucht Franziskus bei seiner Pilgerreise durchs Heilige Land eine Balance zu finden, indem er so offenherzig wie freigiebig Sympathien rundum verteilt. Das israelische Volk und sein Staatsoberhaupt Peres hatte er bereits aus dem Cockpit auf dem Flug nach Amman, irgendwo hoch in der Luft über Jerusalem, grüßen lassen. König Abdullah und die Jordanier lobte der Papst für ihre enorme Aufnahmebereitschaft von syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen.
„Er möbelt uns moralisch auf“
Franziskus’ Erfolg bemisst sich indes daran, wieweit er innerhalb der konkurrierenden Kirchen Versöhnung stiften kann. Höhepunkt seines Besuchs ist denn auch die Begegnung mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel an einem symbolträchtigen Ort: in der Jerusalemer Grabeskirche, angeblich erbaut über dem Hügel Golgatha, wo Jesus am Kreuz starb. Für gläubige Katholiken, Orthodoxe, Armenier und Kopten ist die Basilika das höchste Heiligtum.
Nach fast tausend Jahren der Spaltung zwischen Rom und Konstantinopel wollten Franziskus und Bartholomäus am Abend an der Rotunde stehen, die das Felsengrab überwölbt, um daran zu erinnern, dass die in Jerusalem gegründete Urkirche eine vereinte war. Die Vision einer Einheitskirche ist allerdings noch ferner als der Nahost-Frieden. Ob der Papst-Besuch wirklich etwas ändere, wisse sie nicht, räumte Norman Khoury aus dem Westbank-Dorf Taipeh ein. „Aber Franziskus möbelt uns moralisch auf.“
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