Jesus war schon ein seltsamer Typ. Predigte Feindesliebe oder Besitzverzicht und kam in Jerusalem dem geistlichen Establishment der Juden in die Quere – mit tödlichem Ausgang. Das alles ist in der Bibel nachzulesen. Aber wie hielt es der Mann, in dem die Christen Gottes Sohn sehen, mit Frauen, gar mit dem Sex? Für die Zeitgenossen war das kein Thema. Im Neuen Testament findet sich kein Wort über den Familienstand Jesu. Die Kirche aber behauptete über die Jahrhunderte stets, Jesus habe ehelos gelebt. Weshalb bei den Katholiken die Priester übrigens nicht heiraten dürfen.
Jetzt aber ist ein Papyrus-Schnipsel wohl ägyptischer Herkunft aufgetaucht, das Jesus ein Wort an seine Jünger über „meine Frau“ in den Mund legt. Beweist das die Unterdrückung missliebiger Fakten durch die Amtskirche? Muss die Geschichte umgeschrieben, das Zölibatsgesetz aufgehoben werden?
„Viel Lärm um nichts“
Langsam, sagt der Münchner Neutestamentler Gerd Haefner und spricht von „viel Lärm um nichts“. Das Papyrus-Fragment, kleiner als eine Scheckkarte, sei höchstens ein Indiz für Diskussionen im frühen Christentum zur Rolle der Frauen. Dem Text zufolge hat Jesus sie für würdig befunden, seine Jünger zu sein. Dafür allerdings finden sich auch in den offiziell anerkannten Erzählungen vom Leben Jesu, den Evangelien, Belege zuhauf. Die Berichte aus dem 1. Jahrhundert zeigen sogar ein besonders enges, vertrautes Verhältnis des Wanderpredigers Jesus zu den Frauen in seinem Umkreis.
Maria Magdalena gilt als mögliche Partnerin
Gerade weil das so ist, gilt es als eher unwahrscheinlich, dass Jesus in einer festen Beziehung lebte. Die frühe Christenheit hätte nämlich gar keinen Grund gehabt, das zu verschweigen, argumentiert der Bibelforscher John P. Meier in seinem monumentalen Werk über den historischen Jesus.
Als mögliche Sexualpartnerin und/oder Ehefrau geisterte schon lange vor Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ die biblische Gestalt der Maria Magdalena durch die Literatur. Ob Jesus mit ihr tatsächlich eine Beziehung hatte, lässt der jüngste Fund aber offen, betonte die US-Historikerin Karen King von der Harvard University. Sie stellte jetzt in Rom das Papyrus-Stück vor, dessen Echtheit nicht in Zweifel stehe. Die geistige Tradition, der es entstammt, tendierte dazu, Anti-Helden der Bibel aufzuwerten: Judas zum Beispiel – oder Maria Magdalena. Gut möglich, sagt Gerd Haefner, dass auch das jetzt veröffentlichte Textfragment über Jesus und die Frauen Teil eines ideologischen Ringens um Deutungshoheiten ist. Damit wiederum ist es eine ferner Reflex von Konflikten in der Kirche, die sich von der Antike bis heute nur unwesentlich verändert haben.
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