Schon die Kandidatur von Christian Wulff für das Amt des Bundespräsidenten stand unter keinem glücklichen Stern. Nach dem plötzlichen Rücktritt von Horst Köhler im Mai 2010 musste die schwarz-gelbe Koalition schnell einen Nachfolger finden. Also sondierte die CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel die Möglichkeiten und sprach dann ausschließlich mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten und CDU-Vize Christian Wulff über eine Bewerbung für das höchste Amt im Staat.
Allerdings verriet sie das niemandem, sondern ließ zu, dass in vielen Medien ihre Ministerin Ursula von der Leyen als die neue Traumfrau im Schloss Bellevue vorgestellt wurde. Die geschmeichelte, aber uninformierte CDU-Politikerin beflügelte solche Fantasien noch durch beredte Gesten. Dann aber platzte dieser Traum, als Wulff zum Kandidaten der Koalition ausgerufen wurde. Und der sah nun plötzlich aus wie ein Bewerber zweiter Wahl. Es folgte der Coup von SPD und Grünen, die den bis weit ins bürgerliche Lager hinein populären Joachim Gauck präsentierten, und schwupps erschien der CDU-Mann gar wie ein Kandidat dritter Wahl.
Dazu kam ein böses Wort aus dem Munde des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel: Gauck bringe ein Leben mit in die Kandidatur, Wulff lediglich eine politische Karriere. Das war ein wenig unterhalb der Gürtellinie, aber in den Augen vieler Menschen stimmte diese Beschreibung einfach. Christian Wulff, der sich doch als unbelasteten Hoffnungsträger sah, stand nun da wie ein konturloser Parteisoldat, eine Schachfigur im Spiel der Angela Merkel.
Sein Problem: Genau so war es ja. Wulff hatte eine lupenreine Parteikarriere, die ihn von der Jungen Union bis an die Parteispitze und in die Staatskanzlei in Hannover geführt hatte. Immerhin, aber mehr eben auch nicht. Er gehörte zu jener Riege von CDU-Männern aus dem Westen, die sich im „Andenpakt“ verschworen hatten und den Aufstieg der parteifremden Ostdeutschen Angela Merkel mit größtem Misstrauen verfolgten, ihn jedoch nicht stoppen konnten.
Wulff gefiel sich darin, in Interviews und Hintergrundgesprächen häufig gegen Merkel zu sticheln, in den Parteigremien dann aber abzutauchen. Er galt lange als ein möglicher Konkurrent oder Nachfolger Merkels, wenn es denn einmal zu einem Machtkampf um die Parteiführung in der CDU gekommen wäre.
Für viele galt seine Auswahl denn auch als Schachzug Merkels, den möglichen Konkurrenten durch Beförderung aus dem Weg zu räumen. Vor allem aber wollte sie nach dem Desaster mit dem unberechenbaren Seiteneinsteiger Horst Köhler nun einen Mann im Schloss Bellevue haben, der sich zuverlässig im politischen System bewegte und ihr in Dankbarkeit verbunden war. Doch Wulffs Wahl in der Bundesversammlung wurde auch fast zum Desaster, weil viele Abweichler aus dem schwarz-gelben Lager ihm zunächst die Stimme verweigerten. Erst im dritten Wahlgang klappte es. Im neuen Amt prägte er dann den Satz: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Wenigstens der wird bleiben, wenn der Altbundespräsident Christian Wulff demnächst wieder als Anwalt arbeitet.
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