Parteilinke wollen Wasserhövel nicht als Generalsekretär

Die Jüngeren in der SPD rebellieren gegen Müntefering

Bettina Vestring
3 Min

BERLIN, 23. Oktober. SPD-Chef Franz Müntefering musste an diesem Wochenende eine ungewohnte Erfahrung machen: Er stieß in der eigenen Partei auf offenen Widerstand. Ein Dutzend einflussreicher jüngerer Sozialdemokraten schloss sich zusammen, um den Parteichef in der wichtigsten noch offenen Personalfrage herauszufordern. Sie vereinbarten, die Sprecherin der Parteilinken, die 35-jährige Andrea Nahles, aufzufordern beim Parteitag im November in Karlsruhe für das Amt des Generalsekretärs zu kandidieren.Sie taten das, obwohl sie wissen, dass das Vorschlagsrecht für den Generalsekretär beim Parteivorsitzenden liegt, und der sich für seinen langjährigen Vertrauten Kajo Wasserhövel entschieden hatte. "Die Partei muss neue Köpfe präsentieren, und zwar Köpfe, die für eine politische Vision stehen", sagte der Kölner Abgeordnete und Sozialpolitiker Karl Lauterbach der Berliner Zeitung. "Andrea Nahles ist gut in der Partei verankert, sie steht für Generationswechsel, und sie steht vor allem für Inhalte, die sie im Wahlkampf auch sehr überzeugend vermittelt hat." Münteferings Kandidaten Wasserhövel, so drückt sich Lauterbach aus, schätze er zwar als Funktionär. Als Generalsekretär sei er "eine Überraschungsbesetzung, um es sehr zurückhaltend zu formulieren".Eine solche Rebellion hat es in der SPD schon lange nicht gegeben. Seit seinem Amtsantritt 2004 verehrten die Genossen Franz Müntefering. Selbst an den gar nicht so seltenen Abenden, an denen die SPD Wahlniederlagen zu verkünden hatte, schlug ihm begeisterter Applaus entgegen. Aber mit seiner Personalauswahl hat er die Jüngeren gegen sich aufgebracht. Die Teilnehmer der telefonischen Schaltkonferenz am Samstag lesen sich wie ein "Who is who" der sozialdemokratischen Talentliste: Neben Lauterbach waren der thüringische Landeschef Christoph Matschie dabei, der Bundestagsabgeordnete Hubertus Heil und Juso-Chef Björn Böhning. Auch der linke Parteiflügel unterstützt Nahles; die Landeschefs Wolfgang Jüttner und Claus Möller und der Europa-Abgeordnete Martin Schulz nahmen auch teil. Am Sonntag sprang ihnen Berlins "Regierender" Klaus Wowereit zur Seite. Müntefering "sollte noch einmal nachdenken", sagte Wowereit in der ARD.Auslöser der Aktion war ein Müntefering-Interview im Spiegel. Darin kündigte der Parteichef an, Wasserhövel vorzuschlagen. Schon der Stil wurmte die Jüngeren; sie erinnerten Müntefering daran, dass Personalvorschläge zuerst in den Parteigremien besprochen werden sollten. Wichtiger aber ist der Konflikt in der Sache. "Müntefering will offenkundig verhindern, dass die Partei ein eigenständiges Profil entwickelt", sagte ein Teilnehmer.Wasserhövel, bisher Bundesgeschäftsführer, arbeitet seit zehn Jahren für Müntefering, erst in Nordrhein-Westfalen, später in Berlin. Der 43-Jährige gilt als brillanter Organisator, kluger Stratege und bedingungslos loyal gegenüber Müntefering. Generalsekretär soll er werden, weil sich der Amtsinhaber dann absolut sicher sein kann, dass er die SPD auf seiner Linie hält. Seit nun klar ist, dass Müntefering Vizekanzler werden soll, hat dies Vorrang. Denn als Minister im Kabinett Merkel wird Müntefering wenig Zeit für Parteiarbeit haben."Wasserhövel ist Münteferings Adlatus", sagen Kritiker. Sie erhoffen sich vom Generalsekretär aber nicht die bedingungslose Stützung der großen Koalition und ihrer für die SPD sicher oft schmerzhaften Beschlüsse. Sie wünschen sich eine Parteispitze, die das Profil so schärft, dass die Partei bei der nächsten Bundestagswahl gegen Union und Linkspartei besteht. Nahles, die scharfzüngige SPD-Linke, die mit Müntefering schon wegen der Ausrufung von Neuwahlen aneinander geriet, erscheint ihnen als bessere Kandidatin. "Der Generalsekretär ist eine Art Visitenkarte der Partei in der öffentlichen Auseinandersetzung", sagte Lauterbach. "In einer Kampfabstimmung hätte Nahles große Chancen, zu gewinnen."------------------------------Foto: Kajo Wasserhövel, Münteferings Wunschkandidat------------------------------Foto: Andrea Nahles, Wunschkandidatin der SPD-Linken

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