Entsprechend haben sich die damit einhergehenden Risiken und Nebenwirkungen entwickelt. Nach Angaben des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) gehen hierzulande fünf Prozent der Krankenhausaufnahmen auf das Konto unerwünschter Arzneimittelwirkungen. Knapp die Hälfte der Betroffenen stirbt daran. In einer Langzeitstudie am Zentralkrankenhaus im norwegischen Akershus konnten sogar 18 Prozent aller Todesfälle in der Klinik auf die Einnahme eines oder mehrerer Medikamente zurückgeführt werden.
Berliner Kliniken beteiligen sich
Vor diesem Hintergrund hat das APS die Medikationssicherheit zum Schwerpunktthema des zweiten Internationalen Tages der Patientensicherheit am Samstag erklärt, an dem sich bundeweit fast 200 Kliniken, Apotheken, Patienten- und Selbsthilfegruppen beteiligen, darunter die Vivantes Klinik Neukölln, das Maltheser-Krankenhaus an der Pillkaller Allee, das evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge und das APS Berlin.
Dabei geht es den Veranstaltern nicht um die Suche nach Schuldigen, wie die Bundesvorsitzende des Aktionsbündnisses, Hedwig Francois-Kettner, betont, sondern um Ursachen und Lösungen. Eine wichtige Fehlerquelle liegt nach Worten der Vorsitzenden in der Ausbildung des medizinischen Personals. In einer Lehrplan-Analyse hat das APS lediglich für zwei von 13 staatlich anerkannten Gesundheitsfachberufen feststellen können, dass das Thema Patientensicherheit ausreichenden Raum einnimmt. Dies war nur bei den Operationstechnischen und anästhesietechnischen Assistenten der Fall, während etwa bei Krankenpflegern, Physiotherapeuten oder Hebammen große Lücken festgestellt wurden.
Auch studierte Mediziner sind nicht vor Unkenntnis gefeit: Eine Untersuchung am Klinikum Fürth konnte zeigen, dass fast 60 Prozent der unerwünschten Arzneimittelwirkungen bei der Krankenhausaufnahme von den Notärzten nicht als solche erkannt wurden. Eine zentrale Forderung des APD lautet daher: Patientensicherheit und Medikation müssen in den Ausbildungs- und Studiengängen sowie in der Fortbildung eine größere Rolle spielen.
Sicherer Umgang mit Medikamenten
Zum sicheren Umgang mit Medikamenten zu Hause hat das Aktionsbündnis Patientensicherheit Empfehlungen formuliert, deren Befolgung die Risiken wesentlich absenken:
Arzneimittel mittel trocken, kühl, dunkel und kindersicher aufbewahren; nur die eigenen, vom Arzt verschriebene Präparate anwenden und diese in Mehrpersonenhaushalten namentlich kennzeichnen ; einen Einnahmeplan für regelmäßig eingenommene Medikamente erstellen; „verderbliche“ Arzneien wie Augentropfen und Tinkturen nach dem Öffnen gemäß der Packungsbeilage aufbrauchen oder entsorgen; letzteres gilt auch für ungeöffnete Medikamente mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum; das Zerteilen von Tabletten nach Anleitung durch Ärzte und Apotheker durchführen.
Damit wäre ein zweites Problem allerdings noch nicht behoben: Kooperation von Medizinern, Pharmazeuten und Pflegekräften funktioniert vielerorts nicht, beim Wechsel zwischen Wohnung, Krankenhaus und Pflegeheim gehen wichtige Informationen über Unverträglichkeiten und bisherige Medikationen verloren. Was die Zusammenarbeit von Krankenhausärzten und Klinikapothekern angeht, liegt Deutschland nach Worten des Berliner Onkologen Wolf-Dieter Ludwig international auf einem der letzten Plätze. Hinzu kommen hierarchiebedingte Kommunikationsstörungen: die Krankenschwester traut sich nicht, ihren Verdacht über unerwünschte Arzneimittelwirkungen dem Arzt mitzuteilen, und wenn doch, nimmt der Arzt sie nicht ernst. Andere Fehlerquellen sind Verwechselungen ähnlich verpackter Arzneimittel sowie falsche Dosierungen. Das mit schwersten Nebenwirkungen behaftete Krebsmittel Methotrexat etwa kann wegen entzündungshemmender Eigenschaften auch in der Rheumatherapie eingesetzt werden, allerdings reicht dann eine Pille pro Woche. Wird das Mittel versehentlich täglich eingenommen, können die Nebenwirkungen verheerend sein.
Risiken nehmen im Atler zu
Solche Risiken nehmen mit dem Alter der Patienten und Pflegebedürftigen stark zu. Rund die Hälfte der 70- bis 79-Jährigen in Deutschland nehmen regelmäßig fünf oder mehr Arzneimittel ein. Zwei Drittel der 760 000 Menschen, die in bundesweit Pflegeheimen untergebracht sind, leiden unter Demenz. Dass angesichts solcher Konstellation Fehlerrisiken und unerwünschte Wechselwirkungen von Medikamenten stark zunehmen, liegt auf der Hand. In einer Langzeituntersuchung, an der mehr als 1000 Bewohner in 18 Altenheimen in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern teilnahmen, stellte ein Wissenschaftlerteam um die Wuppertaler Pharmakologin Petra Thürmann bei mehr als zwölf Prozent der Patienten vermeidbare unerwünschte Arzneimittelwirkungen fest.
Dabei beließen es die Mediziner aber nicht. Sie entwickelten einen „Werkzeugkasten“, der unter anderem spezielle Fachschulungen für Pflegekräfte und Kommunikationstrainings für Ärzte, Pfleger und Pharmazeuten vorsieht. Nachdem die Maßnahmen umgesetzt wurden, geschah Ermutigendes: Nach sechs Monaten war die 12-Prozent-Quote auf 6,9 Prozent gesunken, nach zwölf Monaten waren es 5,5 Prozent. Ähnliche Erfolge erzielte die Uniklinik Hamburg-Eppendorf, die Empfehlungen der APS-Arbeitsgruppe Arzneimittelsicherheit um den Bonner Pharmazeuten Ulrich Jaehde umsetzte. Dabei ging es vor allem um die Einführung einer Arzneimitteldatenbankeinschließlich elektronischer Verordnungen.
Eine nicht zu unterschätzende Fehlerquelle beim handschriftlichen Ausfüllen der Rezepte ist nämlich ganz banal die unleserliche Klaue vieler Ärzte.
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