Schöninger Wurfstock

Perfekte Holzbearbeitung gab es schon vor 300.000 Jahren

Von Holzauswahl bis zur Bearbeitung: Schon Vorfahren der Neandertaler beherrschten den Umgang mit Holz so, dass man es heute nicht besser machen könnte.

dpa/fwt Walter Willems
3 Min
Künstlerische Rekonstruktion der Handhabung des Wurfholzes bei der Jagd

Künstlerische Rekonstruktion der Handhabung des Wurfholzes bei der Jagd

© Benoit Clarys

Als die Schöninger Holzwaffen gefertigt wurden, war der Homo sapiens in Afrika gerade erst im Entstehen begriffen: Schon vor 300.000 Jahren war der Homo heidelbergensis, der Vorfahre des Neandertalers, ein Meister der Holzbearbeitung. Das folgert ein Forschungsteam im Fachblatt Plos One nach aufwendigen Analysen eines Wurfstocks, der bei Schöningen im niedersächsischen Landkreis Helmstedt gefunden wurde.

Die Fundstätte in einem Braunkohletagebau ist weltberühmt, vor allem wegen der dort gefundenen Speere. „Schöningen ist die weltweit wichtigste Fundstätte für Holzwerkzeuge“, sagt Studienleiter Thomas Terberger vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Hannover.

Ein Team der englischen University of Reading hat für die Studie einen sogenannten Wurfstock analysiert, der bereits 1994 gefunden wurde. Die an beiden Seiten angespitzte Waffe – auch Wurfholz genannt – ist gut 77 Zentimeter lang und hat einen maximalen Durchmesser von 2,5 Zentimetern. Solche Waffen wurden bumerangartig geschleudert und dienten vermutlich zur Jagd auf mittelgroße und kleinere Tiere.

Erstaunliches Wissen um die Verarbeitung von Holz

Die Forscher untersuchten den Fund erstmals ausgiebig mit verschiedenen Methoden. Die Ergebnisse zeigen, dass schon die Vorfahren der Neandertaler ein erstaunliches Wissen um die Verarbeitung von Holz hatten. Demnach wurde der Wurfstock aus dem Ast einer Fichte gemacht. Das ist insofern bemerkenswert, als Fichten damals in dem Areal am Ufer eines Sees nicht vorkamen. CT-Scans der 63 sehr engen Jahresringe zeigen, dass der Ast ungewöhnlich langsam wuchs – was das Holz besonders hart machte.

Möglicherweise holten die damaligen Menschen das Holz gezielt aus kühleren Gegenden, etwa aus den Höhenlagen im nahe gelegenen Harz – mit dem Wissen, dass das Holz der dort langsamer wachsenden Bäume besonders fest ist, wie Terberger vermutet.

Produkt entstand aus zielgerichtetem Handeln – und ist keine Ausnahme

Weitere Analysen zeigen, dass die Menschen damals von dem Ast zunächst die Rinde entfernten, einen Teil der Oberfläche abschliffen und das Holz behutsam trockneten, um Risse und Verformungen zu vermeiden. Dunkle Stellen an beiden Enden des Wurfstocks legen den Verdacht nahe, dass das Holz über Feuer gehärtet wurde. Gesichert ist dies allerdings nicht.

„Das Produkt ist kein Zufall, sondern die Folge zielgerichteten Handelns“, sagt Terberger. „Das könnte man heute nicht besser machen.“ Der Fund eines zweiten, etwas kleineren Wurfstocks in Schöningen vor wenigen Jahren zeigt, dass solche Objekte keine Seltenheit waren. (dpa/fwt)

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