Konzernchef Philippe Varin wird durch den ehemaligen Renault-Vize Carlos Tavares ersetzt, die konzerneigene PSA Banque dockt bei der spanischen Banco Santander an, und eine Kapitalerhöhung von drei Milliarden Euro ändert die Besitzverhältnisse. Der staatliche chinesische Hersteller Dongfeng und die französische Regierung steuern jeweils 800 Millionen Euro bei und erhalten im Gegenzug je 14 Prozent des Unternehmens.
„Die neuartige Partnerschaft mit Dongfeng wird uns erlauben, in Asien eine erste Rolle zu spielen“, erklärte der PSA-Finanzdirektor, Jean-Baptiste de Chatillon. „Sie wird dem Konzern langfristig eine gesunde und solide Finanzsituation gewährleisten und neue Investitionen ermöglichen.“ Laut Branchenexperten planen PSA und Dongfeng die Entwicklung von Fahrzeugen für den asiatischen Markt, in zweiter Linie auch für aufstrebende Länder wie Brasilien und Russland. PSA war bisher vor allem auf Europa ausgerichtet, unterhält aber mit Dongfeng bereits ein Gemeinschaftsunternehmen in China, in dem jährlich 550.000 Autos produziert werden.
Der größte Autobauer Frankreichs steht damit vor der wichtigsten Änderung seiner Geschichte. Wenn die Aktionäre im Mai ihr Plazet geben, hat nicht mehr die Industriellenfamilie der Peugeots, sondern Staatsfunktionäre aus Peking und Paris das Sagen. Die Peugeot-Familie verliert nach 200 Jahren die Kontrolle. Sie hält in Zukunft nur noch 14 Prozent der Anteile. Derzeit sind es 38 Prozent.
Die Revolution ereilt die Herrscherdynastie in der achten Generation. Jean-Pierre Peugeot hatte im 18. Jahrhundert eine Färberei aufgebaut. 1810 machte sein Sohn aus der Mühle eine Fabrik zur Herstellung von Sägeblättern. Auch Kaffeemühlen, Korsette oder Federn für die Schweizer Uhrmacher jenseits der Grenze wurden unter dem Löwenlogo hergestellt. 1889 baute der erfinderische Armand Peugeot einen Motor und darum ein Gefährt mit vier Rädern, Automobile genannt. Das sorgte für einen Familienstreit über die Ausrichtung des Unternehmens. Erst 1910 setzte sich die Autosparte bei den Peugeots endgültig durch.
2002 starb der Familienvorsteher Pierre Peugeot, ohne ein Testament zu hinterlassen. Zwei Peugeots erhoben Anspruch auf das Zepter: Thierry, der älteste Sohn des Patriarchen, ein schweigsamer, ängstlicher Charakter, der sich am liebsten in das ländliche Familiengut zurückzieht, und Robert, der auftrumpfende Großwildjäger und Ferrari-Liebhaber, der im mondänen Paris verkehrt und sich nach neunjähriger Ingenieurstätigkeit im Konzern als „natürlicher“ Patron wähnte.
Die Familie befolgte aber das eherne Stammhalterrecht und machte Thierry zum Präsidenten des Aufsichtsrates. Robert musste sich mit der konzerneigenen Finanzgesellschaft FFP begnügen. Mit dieser hatte er einigen Erfolg, doch half der seinem Cousin kaum über dessen Absatzkrise hinweg und lieh dem Mutterhaus PSA wenig Geld.
Das ist ein Grund, warum Thierry Peugeot zuerst General Motors und nun Dongfeng sowie den französischen Staat ins Unternehmen holen musste. Thierry Peugeot wendet sich nun gegen den Vorwurf, die Peugeots hätten sich Kontroll- und Führungsposten aufgeteilt, aber keine globale Strategie entwickelt: „Wenn uns das Management ein großes Projekt einer internationalen Allianz unterbreitet hätte, hätten wir genau hingeschaut und es wohl auch akzeptiert.“
Da sie zu lange warteten, müssen die Peugeots die Macht nun teilen, wenn nicht aufgeben. Thierry, heute 57, versuchte, die Lösung mit Dongfeng und dem französischen Staat noch bis zum Jahreswechsel zu verhindern. Robert (63) warf ihm vor, den Konzern dadurch zu gefährden: „Ich bin beunruhigt über die Strategie des Rückzugs von Peugeot, die du offenbar betreiben willst“, schrieb er ihm 2013 in einem Brief, der seinen Weg in die Presse fand.
Beunruhigt sind auch 200.000 PSA-Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Zwei haben bereits verloren: Robert Peugeot war nie der Chef, Thierry wird es nicht mehr lange sein. Der eine kann sich beim anderen dafür bedanken.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de