Ginge es nach dem, was technisch bereits möglich ist, würden pflegebedürftige und alte Menschen schon bald in der „schönen neuen Welt“ leben. Diese sähe etwa so aus: Ein kegelförmiger Assistenzroboter mit großen runden Augen rollt durch die Wohnung. Er überwacht den Bewohner und ruft im Notfall Hilfe, etwa, wenn dieser sich auf Anfrage nicht meldet. Auch kann er auf die Bitte „Rufe meine Tochter an!“ schnell eine Verbindung über Skype herstellen.
Ein anderer Roboter bereitet Mahlzeiten zu und bringt sie zum Bewohner. Notfalls füttert er ihn auch. Andere Roboter machen sauber, holen die Zeitschrift, helfen beim In-die-Badewanne-Steigen und Zu-Bett-Gehen. Druckfühler in der Matratze messen Hauttemperatur und Feuchtigkeit. Die Wohnung ist mit Sensoren ausgestattet. Diese steuern Fenster, Jalousien, Licht, Fernseher, Herd, Wasserhähne und Heizungen.
Sensoren zur Sturzerkennung
Einige solcher Systeme waren bereits auf internationalen Messen wie der Rehacare zu sehen. Entwickelt werden sie unter anderem am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart, an der TU München und der Universität Bremen. Auch Start-ups aus Berlin wie etwa escos automation entwickeln altersgerechte Assistenzsysteme. Das Ziel ist es, die Selbstständigkeit der Menschen bis ins hohe Alter zu erhalten. Auch Pflegekräfte sollen unterstützt werden.
„Die Technik entlastet die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege vor allem psychisch“, sagt Tobias Kley, Projektleiter für Innovation und Technik in der Altenhilfe des Evangelischen Johannesstifts in Spandau. Seit etwa einem Jahr werden dort in betreuten Wohngemeinschaften und stationären Pflegeeinrichtungen verschiedene Systeme getestet, darunter Sensoren zur Sturzerkennung. „Gerade bei älteren Menschen kommt es immer mal wieder zu Stürzen“, sagt Tobias Kley. Viele haben deswegen bereits einen Notrufknopf mit Sender zu Hause. Er wird relativ preiswert als Armband oder in Form eines Anhängers angeboten.
Automatischer Alarm im Notfall
Beim Druck auf den Knopf werden Personen benachrichtigt, die im System gespeichert sind. „Doch oft wird der helfende Notrufknopf nicht am Arm oder um den Hals getragen, sondern liegt im Nachtschrank“, sagt Kley. Es kommt auch vor, dass Senioren ihn wegen eines Schlaganfalls oder aus anderen Gründen nicht auslösen können. Deshalb wurden in einigen Einrichtungen des Evangelischen Johannesstifts Bewegungssensoren eingebaut. Sie geben automatisch Alarm, wenn ein Mensch hingefallen ist.
„Bei besonders sturzgefährdeten Menschen versuchen wir über den Sensor bereits den Aufstehversuch aus dem Bett an das Pflegepersonal zu melden“, sagt der Projektleiter. „In einigen Fällen konnten wir Menschen, die gestürzt waren, schneller helfen und sogar Stürze verhindern.“ Zur Zeit werde das System bei 15 Bewohnern des Stifts ausprobiert. „Wir statten bewusst nicht jedes Zimmer mit Sensoren aus, sondern nur Zimmer von Menschen, die einen besonderen Bedarf haben.“
„Es sind manchmal schon kleine Dinge“
Zu den Systemen, die zusätzlich im Johannesstift getestet werden, gehört auch eine Toilette, die per Fernbedienung den Intimbereich reinigt und trocknet, um Menschen zu entlasten, die im Oberkörper nicht beweglich sind. Am 22. November bietet Tobias Kley für bis zu zehn Interessierte eine Führung durch eine Musterwohnung des Johannesstifts in Neukölln an (Anmeldung über E-Mail: tobias.kley@evangelisches-johannesstift.de).
„Es sind manchmal schon kleine Dinge, die älteren Menschen helfen, selbstbestimmt ihren Alltag zu gestalten“, sagt Kley. Dazu muss nicht die ganze Wohnung mit Sensoren ausgestattet sein. Vieles gibt es bereits im Handel, etwa spezielle Notfall-Handys, Festnetztelefone mit Bildwahlfunktion, Handy-Apps und Geräte, die an die Tabletteneinnahme erinnern oder Apothekennotdienste anzeigen.
Bett mit Sensoren
Ein großer Schwerpunkt in der Region Berlin-Brandenburg ist der Ausbau der sogenannten Telemedizin. Bereits 2011 wurde in Brandenburg das bundesweit erste flächendeckende Netzwerk zur Versorgung von bis zu 500 Patienten mit chronischer Herzschwäche eingerichtet. Diese werden mit Geräten ausgerüstet, die ständig Daten übermitteln. Bei sich abzeichnenden Problemen können Mediziner schnell eingreifen.
Ähnlich beim System Bea@Home, das 2016 vorgestellt wurde und an dem die Charité entscheidend mit beteiligt ist. Ein neu entwickeltes Bett mit Sensoren dient dazu, Patienten zu Hause zu betreuen, die wegen einer schweren Atemwegserkrankung oder nach einem Schädel-Hirn-Trauma dauerhaft beatmet werden müssen.
OP-Robotern bereits in einem Berliner Krankenhaus
Beim Einsatz von Technik für ältere Menschen oder in der Pflege gibt es aber auch Probleme. Denn nicht jeder Mensch ist bereit oder in der Lage, sich an Techniksysteme in seiner Umgebung zu gewöhnen oder sich damit zu befassen. Auch ein möglicher Ersatz von Pflegekräften durch Roboter wird kritisch gesehen. In einer Emnid-Umfrage im Auftrag des Bundesforschungsministeriums konnten sich im Juli 2015 zwar 34 Prozent der 14- bis 19-Jährigen vorstellen, künftig von Robotern gepflegt zu werden. Bei den über 70-Jährigen waren es aber nur 20 Prozent. In einer anderen Studie gaben 60 Prozent der befragten Senioren sogar an, Roboter als unheimlich zu empfinden.
Prototypen solcher Systeme werden bereits in verschiedenen Einrichtungen getestet, unter anderem in Japan, den Niederlanden und Frankreich. Was Berlin betrifft, verweist Tobias Kley vor allem auf den Einsatz von OP-Robotern im Krankenhaus.
Wirkliche Pflegeroboter gibt es nicht
„Es gibt meines Erachtens so gut wie keine wirklichen Pflegeroboter“, sagt er. „In der Regel sind es Assistenztechniken für Pflegekräfte.“ Zum Beispiel entwickelte das Stuttgarter Fraunhofer-Institut Pflegewagen, die auf einer Pflegestation automatisch für Nachschub an Medikamenten und Utensilien sorgen. Personenlifter wiederum heben Patienten vom Bett in den Rollstuhl oder setzen sie in die Badewanne. Andere Roboter können Menschen im Alltag unterstützen, Essen oder Zeitschriften bringen, Fragen beantworten, Dinge suchen, an Termine erinnern, bei der Kommunikation mit der Außenwelt oder als Reha-Assistent beim Lauftraining helfen.
„Wir als Johannesstift planen auch, einen autonom fahrenden Roboter zu testen“, sagt Kley. „Dieser wird allerdings eher Wäsche und Müll transportieren.“ Der Kontakt zwischen Pflegepersonal und Bewohnern dürfe nicht durch Technikeinsatz reduziert werden. Wichtig sei es, die Technik in die Abläufe zu integrieren. Die Fachlichkeit der Pflege sei unentbehrlich, auch wenn Maschinen schrittweise bestimmte Arbeiten erleichtern.
Bis zu 4000 Euro pro Maßnahme
Eine entscheidende Frage beim Einsatz neuer Technik in der Pflege sind die Kosten. Das geht bereits bei einfachen Hilfen los. Wie Tobias Kley mitteilt, übernehmen die Pflegekassen bei anerkanntem Pflegegrad zum Beispiel einen Teil der Kosten für den Einsatz des klassischen Hausnotrufs – 18,36 Euro pro Monat. Neuartige Lösungen wie die Sturzerkennung mittels Sensoren dagegen würden derzeit nicht von den Kassen finanziert. Dafür könne das im Johannesstift getestete Dusch-Föhn-WC laut Kley als „wohnumfeldverbessernde Maßnahme“ bezuschusst werden. Pro Maßnahme werden bis zu 4000 Euro gezahlt.
Für Assistenzroboter oder andere autonome Technik sind die Preise aber weit höher. Eine einfache Transportplattform kostet ab 25.000 Euro aufwärts. Ähnlich teuer sind Prototypen von Assistenzrobotern. Erst eine Serienproduktion würde sie billiger machen. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.
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