Historisches Denken arbeitet - Friedrich Nietzsche zufolge - nach dem Schema: "Die Uhr schlägt, das Käuzchen ruft, da muss doch ein Zusammenhang bestehen." Es war zu erwarten, dass früher oder später Deutschlands bestbezahlter Geschichtsstudent, der 27 Jahre alte Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, Uhren schlagen und Käuzchen rufen hören und sodann einen unwiderleglichen Zusammenhang erkennen würde.So wie einst Mißfelders politisches Vorbild, Helmut Kohl, von sich behauptete, "in Hölderlin gut" gewesen zu sein, darf Mißfelder generell für sich in Anspruch nehmen, im Häkeln, Stricken und Klöppeln von Zusammenhängen seltene Kunstfertigkeit zu besitzen. Eine schöne Probe hatte er davon bereits vor ein paar Jahren gegeben, als er einen Zusammenhang von Lebensalter und Hüftgelenkoperation ertüftelte: "Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen." Dass diese Ansicht einem nicht ganz unwichtigen Gedanken des Grundgesetzes - dem Schutz der Menschenwürde - widersprach, musste Mißfelder nicht interessieren, denn zu diesem Zeitpunkt hatte er das Jura-Studium schon abgebrochen und sich auf die Erforschung der Geschichte verlegt.Das - noch nicht abgeschlossene - Studium scheint reife Früchte zu tragen. Eine besonders kostbare Frucht hat Mißfelder nun der Öffentlichkeit gezeigt, und es ist - das war zu erwarten - mal wieder ein Zusammenhang. Mißfelder hat noch einmal die Uhr der 68er schlagen hören, sodann die Käuzchen-Rufe der G8-Kritiker vernommen und sofort einen Zusammenhang gesehen, genauer gesagt Parallelen der gewalttätigen G8-Proteste zur Frühzeit des RAF-Terrorismus. Und damals wie heute fehle es an Distanzierung auf der Linken: "An zahlreichen Stellen vernimmt man eine klammheimliche Freude, die sich breitmacht." Nun weiß man nicht so recht, wie wohl Freude klingt, die sich breitmacht, aber über Parallelen ist eines immerhin bekannt: Sie schneiden sich in der Unendlichkeit. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg.Vermutlich ist Mißfelder in seinem langjährigen Geschichtsstudium noch nicht in die 70er-Jahre vorgestoßen. Sonst wüsste er, dass die gesellschaftlichen Stimmungen damals und heute sich so gleichen wie Helmut Kohl und Friedrich Hölderlin. Wer die frühen 70er-Jahre in der Bundesrepublik erlebt hat - Mißfelder teilt hier mit Kohl zumindest die Gnade der späten Geburt -, der weiß, dass deren spätere Bezeichnung als "bleierne Zeit" die Sache traf, und der weiß natürlich auch, dass jede Ähnlichkeit zwischen Damals und Heute eine alberne Verharmlosung des Damals ist.Sollten sich Mißfelders Parallelen irgendwann einmal in der Unendlichkeit begegnen und sich fragen, was Unendlichkeit eigentlich bedeute, könnte ihnen ein Wort Albert Einsteins helfen: "Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit - beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher."------------------------------Foto : Philipp Mißfelder, Jahrgang 1979
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