Ihr Stand, ein langer Tisch und ein paar Plastikhocker, neben dem Busbahnhof und Hafen der philippinischen Stadt Ormoc ist Tage nach dem verheerenden Taifun „Haiyan“ so etwas wie ein Geheimtipp in der Hafenstadt der Insel Leyte. Marivin kann heißes Wasser zubereiten, um Kaffee zu verkaufen. Das ist eine nahezu sensationelle Offerte in einer Region, in der es weder Strom noch fließendes Wasser gibt.
Drei Tage nach der Katastrophe schon öffnete Marivin ihren kleinen Stand. „Man muss weitermachen“, sagt die junge Frau und ein Lächeln huscht über ihr schmales Gesicht. In einem Kinderbett hinter dem Marktstand tobt ihr kleiner Sohn. Marivins Mutter rennt zu anderen Marktfrauen und besorgt von Zigaretten bis zu Instantnudeln die Waren, die sie selbst nicht hat, aber von Kunden gewünscht werden.
„Vor dem Taifun hatte ich ein Haus“, sagt Marivin, „ich weiß nicht, wie man das nennt, was ich jetzt habe.“ Marivin, die ihren Nachnamen und ihr Alter verheimlicht, streicht sich über ihren gewaltigen Bauch. Sie ist im achten Monat schwanger und wäre nicht verwundert, wenn plötzlich die Fruchtblase platzen würde. „Ich hoffe, ich schaffe es dann noch bis zum Krankenhaus“, sagt sie, „zu Hause geht ja nicht“. Sie lacht.
Über vier Millionen Obdachlose
Der Taifun verwandelte mehr als vier Millionen „Pinoys“, wie sich die Bewohner des mehr als 7000 Inseln umfassenden südostasiatischen Staates selbst nennen, in Obdachlose. Über zwölf Millionen Menschen sind indirekt oder direkt betroffen. Aber die wenigsten Betroffenen haben das Glück, wie Marivin inmitten des Durcheinanders mit heißem Wasser und Kaffeepulver gute Geschäfte zu machen.
Denn der Taifun wütete ausgerechnet in der Gegend, in der ein Drittel des philippinischen Reises produziert wird. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) warnten bereits: „Hunderttausende von Bauern haben ihre Ernte verloren. Außerdem ist nun die Aussaat für die zweite Ernte bedroht.“ Das Finanzministerium in Manila schätzt, dass insgesamt 67.000 Hektar Reisanbaufläche zerstört wurden.
Ohne Ernte gibt es weder Bargeld noch Saatgut. Die Bauern müssen Kredite aufnehmen, um zu überleben. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen: Sind Kleinbauern erst einmal verschuldet, können sie nur in den seltensten Fällen der Kreditfalle wieder entkommen. „Gott sei Dank ist niemand von meiner Familie ums Leben gekommen“, sagt Agnes Salimbangon in dem Ort Daanbantayan im Norden von Cebu, „aber alle meine Mangobäume wurden zerstört. Es dauert Jahre, bis sie wieder soweit gewachsen sind, dass ich die Ernte verkaufen kann. Dabei haben wir schon Schulden. Ich habe keine Ahnung, wie wir das schaffen werden.“
Aktion Deutschland hilft
Kontonummer 10 20 30, BLZ 370 205 00, Stichwort: „Taifun Haiyan“
Medico medico international
Kontonummer 1800, BLZ: 500 502 01, Stichwort: „Philippinen“
Diakonie
Kontonummer 502 502, BLZ 210 602 37, Stichwort: „Philippinen“
600.000 Menschen zwischen Ormoc und Tacloban lebten vom Verkauf von Kokosnüssen. Aber von den meisten der 22 Millionen Kokospalmen blieben nur noch die Stämme. „Kokosnussbauern werden hungern“, lautet das Fazit von Joel Pilapil, einem Vertreter der „Philippine Coconut Authority“. Die Regierung versprach zwar eiligst neue Setzlinge. Aber es dauert zehn Jahre, bis die erste Nuss von der Palme fällt. Solange werden nicht nur die Bauern leiden, sondern auch Seifen- und Shampoo-Fabrikanten.
Gemessen an diesen Existenznöten nehmen sich die Zukunftssorgen der jungen Mutter nahezu harmlos aus, die am Samstag nach dem Taifun vor der Erlöserkirche in Tacloban eine kleine Tochter gebar. Internationale Fernsehsender machten den Säugling berühmt, weil das Mädchen angeblich auf den Namen „Yolanda“ getauft wurde – so, wie der Sturm auf den Philippinen genannt wurde.
„Das stimmt gar nicht“, erzählt Pater Edwin Bacalpos, „sie wollte es Maria Alfons taufen, in Anlehnung an den Heiligen des Erlöserordens. Aber eine Krankenschwester hat kurzerhand den Namen Yolanda aufgeschrieben.“ Jetzt wartet die junge Mutter auf die Wiedereröffnung des Meldeamtes in Tacloban, um den richtigen Namen einzutragen.
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