Pin-Chef Günter Thiel möchte Springer eine Last abnehmen - und seine Brieffirma selber kaufen

Der Retter aus Luxemburg

Thomas H. Wendel
3 Min

BERLIN. Es war die Choreografie eines angekündigten Ausstiegs: Kaum hatte der Bundestag Freitagvormittag kurz nach elf Uhr dafür gestimmt, den Mindestlohn für Briefträger einzuführen, da wurden die Fax-Server im Berliner Springer-Verlag auf Betriebstemperatur gebracht. Wegen des Mindestlohnes würden "Vorstand und Aufsichtsrat der Axel Springer AG" keine "weiteren Finanzmittel" für die Pin Group bereitstellen, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns. Man habe in den vergangenen zwei Jahren 620 Millionen Euro in den Ausbau des größten Wettbewerbers der Post AG investiert. Durch den "gesetzlich verordneten Branchenmindestlohn" von neun Euro je Stunde im Osten und 9,80 Euro im Westen Deutschlands werde aber Wettbewerb auf dem deutschen Briefmarkt "praktisch unmöglich". Man sei deshalb bereit, so Springer, "die Mehrheit an der Pin Group abzugeben".Börsen-Star zu BlasenzeitenDie Mitteilung dürfte den rund 9 000 Pin-Mitarbeitern (davon gut 1 000 in Berlin) in die Knochen gefahren sein: Schließlich stellt Springer-Chef Mathias Döpfner ihre Jobs zur Disposition. Doch es dauerte keine weitere Dreiviertelstunde, da meldete sich vom Firmensitz Luxemburg der Chef der Pin Group, Günter Thiel, selber zu Wort: Er und sein Management seien bereit, Springers Anteil zu übernehmen und "einen hohen zweistelligen Millionenbetrag" zu investieren. Man sei "nach wie vor" vom Pin-Erfolg überzeugt.Günter Thiel - Retter in spe der grün-uniformierten Gegen-Post. Dem Vernehmen nach will er für einen Euro die Pin-Mehrheit kaufen und 60 Millionen Euro zuschießen. Außerdem, erklärte er gestern Abend im Interview mit einer Nachrichtenagentur, müssten wohl im Frühjahr weitere 1 000 bis 2 000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Erst vergangene Woche hatte Pin 880 Entlassungen angekündigt. Würde Thiel damit durchkommen, stünde er zum zweiten Mal im Rampenlicht: Beim ersten Mal machte der 55-jährige Manager keine so gute Figur, dafür aber ein beträchtliches Vermögen.Der Pin-Chef gründete 1985 die heutige Thiel Logistik AG. Die Speditionsfirma aus dem luxemburgischen Grevenmacher zählte zur Jahrtausendwende nach Platzen der Technologieblase an den Börsen zu den Hoffnungstiteln vieler Kleinaktionäre: Ihr Geld pumpte die Thiel-Aktie auf einen Spitzenkurs von 48,57 Euro im Sommer 2000. Darauf folgte der jähe Absturz. Thiel gelang es dennoch 2003, seine Aktien zu verkaufen - an die Delton AG des BMW-Erben Stefan Quandt. Glücklich geworden ist der Multimilliardär damit kaum: 2007 dümpelt das Papier zwischen zwei und drei Euro vor sich hin. Von 2003 bis 2006 wies das Unternehmen zumeist deftige Verluste aus. Thiel machte derweil weiter. Er arbeitete als Manager für den niederländischen Post-Konzern TNT, bis er 2005 als Pin-Chef anheuerte.Zweifelhafte Unterstützung erfährt Günter Thiel unterdessen von jenem Arbeitgeberverband, den Pin mit anderen Post-Konkurrenten kürzlich gegründet hatte. Verbandschef und Ex-Arbeitsagentur-Präsident Florian Gerster (SPD) reichte gestern beim Bundesarbeitsministerium den Antrag auf eine eigene Mindestlohn-Regelung für die Post-Rivalen ein. Danach wollen die bei Gerster organisierten Firmen ihren Zustellern im Westen nur 7,50 Euro und im Osten 6,50 je Stunde bezahlen. Ein Vorstoß, der Thiel kaum hilft: Schließlich hat die Politik sich bereits auf einen Mindestlohn festgelegt. Gerster gibt mit seinem Antrag allenfalls die Post-Konkurrenz der Lächerlichkeit preis. Ignoranz ist aber schlecht fürs Geschäft. Das weiß Günter Thiel bestimmt.------------------------------Foto: Grüne Post in Gefahr: Der Springer-Verlag möchte die Verluste der Pin-Group nicht mehr länger finanzieren.Foto (2): Hoffnungsträger: Pin-Chef Günter Thiel (l.) will die Mehrheit an dem Post-Konkurrenten übernehmen. Springer-Chef Mathias Döpfner möchte diese so schnell wie möglich abgeben - für einen Euro?

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