"Ich will niemals groß werden“, sagte Tommy entschieden. „Ich auch nicht“, antwortete Annika. „Nee, darum muss man sich wirklich nicht reißen“, sagte Pippi Langstrumpf. Nun wird der Kinderbuch-Klassiker von Astrid Lindgren in diesem Jahr 70 Jahre alt. Wir sprachen darüber mit Karin Nyman. Sie ist die Tochter der weltberühmten schwedischen Autorin.
Frau Nyman, immer wieder ist zu lesen, dass Sie maßgeblich daran beteiligt waren, dass es Pipi Langstrumpf überhaupt gibt. Wie ist die Figur denn entstanden?
Als ich 1941 mit einer Lungenentzündung im Bett lag, bat ich meine Mutter, dass sie mir eine Geschichte von Pippi Langstrumpf erzählen solle. Ja, das war der Beginn. Daraus wurden dann Gute-Nacht-Geschichten, denen ich begeistert zugehört habe. Selbst Cousinen und Freundinnen konnten später nicht genug von Pippi hören. Astrid merkte so, dass etwas Besonderes an den Geschichten ist.
Sie haben also diesen Namen erfunden?
Ja, ich habe eine Wortspiel gemacht, aber ansonsten war ich ein ganz normales Kind. (lacht)
Und wie wurde aus der Gute-Nacht-Geschichte dann ein Welterfolg?
1945 lag meine Mutter mit einer Verstauchung im Bett. Um etwas Sinnvolles zu tun, stenografierte sie die Erzählungen und sandte sie später dann an Verlage.
Wo das Manuskript zunächst abgelehnt wurde. Wo ist eigentlich das Originalmanuskript geblieben?
Oh, das liegt ganz sicher in einem Safe.
Wissen Sie eigentlich, wie viele Pippi-Bücher bisher weltweit erschienen sind?
Gegenwärtig sollen es 66 Millionen verkaufte Bücher sein. In 70 Sprachen.
In welchem Land gibt es nach Schweden die meisten Fans?
Ohne Zweifel in Deutschland.
Vielleicht wird sich das ja irgendwann ändern. Das Buch soll es auch in einer chinesischen Übersetzung geben.
Diese Entwicklung finde ich besonders überraschend. Vor einiger Zeit war ich in China und habe natürlich einen Buchladen besucht. Aber so etwas habe ich wirklich noch nie gesehen. Reihenweise Pippi-Langstrumpf-Bücher, die dort übrigens „Changwazi Pippi“ heißt. Eine chinesische Verlagsleiterin, die uns in Stockholm besucht hatte, meinte, dass gerade chinesische Kinder Pippi Langstrumpf bräuchten.
Hat Sie das begründet?
Die Kinder sind zumeist Einzelkinder, von denen schon früh sehr viel erwartet wird. Von der Familie. Von der Gesellschaft. Sie hätten wenig freie Zeit und müssten immer unter den Besten sein. Spaß, in dem klassischen Sinne, würden sie kaum kennen. Und Pippi Langstrumpf sei das genaue Gegenteil: Nicht nur die Figur im Buch wolle Spaß, sondern sie mache auch ihren jungen Lesern Freude.
Werden Kinder stärker, wenn sie Pippi Langstrumpf lesen?
Also, ich weiß, dass sich gerade in den Anfängen besonders Mädchen mit roten Haaren besser gefühlt haben, als sie Pippi Langstrumpf gelesen hatten. Damals waren rote Haare in Schweden nicht so beliebt.
In Dänemark ist gerade eine Biografie über Ihre Mutter erschienen, die im November auch auf den deutschen Markt kommt. Konnte der Autor Jens Andersen Sie noch mit irgendetwas überraschen?
Nein, mich nicht. Ich habe ihn natürlich mit Material aus dem Leben meiner Mutter unterstützt. Zum Beispiel mit ihren Tagebuch-Notizen. Aber da gibt es für interessierte Leser sicher noch einige neue Aspekte.
Wie haben Sie Ihre Mutter in Erinnerung behalten. War Sie ein fröhlicher Mensch?
Es gab für sie sicherlich helle und dunkle Tage. Aber sie war gut darin, dass Leben zu genießen.
Im Herbst wird die Schwedische Reichsbank eine neue Banknote herausgeben. Und auf dem 20-Kronen-Schein gibt es ein Porträt von Astrid Lindgren. Wie hätte Ihre Mutter darauf reagiert?
Es ist natürlich eine Ehre. Vor Jahren konnten wir schon den Entwurf sehen und waren einverstanden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob meiner Mutter das Ganze wirklich gefallen hätte.
Wie feiern Sie nun den 70. Geburtstag von Pippi Langstrumpf?
Der Verlag, der in Schweden die Bücher herausgibt, und unsere Gesellschaft „Saltkråkan AB“, die den Nachlass meiner Mutter verwaltet, machen im Mai ein Fest. Aber ich weiß noch gar nicht, was die Leute vorhaben. Es wird für mich also eine Überraschungs-Party. Was ja gut zum Thema Pippi Langstrumpf passt. Ansonsten gibt es eine Dauer-Geburtstags-Party für die Besucher des Themenparks „Astrid Lindgrens Welt“. Dort wird im smaländischen Vimmerby jeden Tag der Geburtstag in der Villa Kunterbunt gefeiert. Natürlich mit vielen Kindern, unzähligen Pfannkuchen und Preiselbeer- Saft.
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Pippi Langstrumpf auch nach 70 Jahren noch immer so viele Menschen interessiert?
Pippi ist stark und total unabhängig. Nicht nur im Geist, sondern auch ganz praktisch. Sie lebt alleine in der Villa Kunterbunt und hat einen Koffer voller Goldstücke, der ihr finanziell alle Freiheiten erlaubt. Und wer ein Pferd heben kann, muss vor nichts im Leben Angst haben. Auch nicht vor Erwachsenen.
Sowas gefällt den Kindern, oder?
Ja, und überall auf der Welt.
Das Interview führte Andrea Tebart.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de