Köln - Ein Pin-up-Girl ist, wie der Name sagt, ein Mädchen, das man sich an die Wand heften kann. Als einzelne Fotografie oder gleich im Dutzend, als Kalenderseite. Echte Mädchen oder Frauen lassen sich selbstredend nicht an Wände pinnen. Weshalb es streng genommen gar keine Pin-up-Girls gibt. Nur die Abbilder von Frauen, deren Posen und deren Kleidung, beziehungsweise die strategische Abwesenheit Letzterer, sie als Pin-up-Girls markiert.
Bilder von nackten Frauen gucken sich Männer für gewöhnlich gerne im Privaten an. Pin-up-Kalender aber hängen oft an öffentlich zugänglichen Orten. Zum Beispiel in der Werkstatt, in der sie ihren Autos die Winterreifen aufziehen lassen. Zum Beispiel solche des Mailänder Reifenherstellers Pirelli. Dessen britische Niederlassung war 1964 – also im Jahr, als London das Swingen lernte – auf die Idee verfallen, eine High-End-Variante des Werkstatt-Kalenders herzustellen.
„Wunderbares Dokument kultureller Anthropologie“
Die schönsten Mädchen, abgelichtet von den besten Fotografen, denen noch dazu die größtmögliche künstlerische Freiheit gewährt wurde. Dieser Pirelli-Kalender sollte dabei weniger das alte Produkt ersetzen, denn es sublimieren. Für den gewöhnlichen Mechaniker blieb er unerreichbar, die Firma verteilte den unverkäuflichen Kalender an Freunde des Unternehmens und prominente Trendsetter.
Die Bilder waren dennoch für jedermann zugänglich, über die Medien, denn der Pirelli-Kalender galt als eines jener Nicht-Ereignisse, für die man den Namen „Medienereignis“ gefunden hat. Bald galt er als „wunderbares Dokument kultureller Anthropologie“, so steht es zumindest im Vorwort zum „Taschen“-Band „Pirelli. The Calendar – 50 Years And More“.
Leibovitz gelingt der Kulturwandel
Nun ist der Pirelli-Kalender für das Jahr 2016 vorgestellt worden. Fotografiert hat ihn Annie Leibovitz. Und dieses Mal ist er tatsächlich das wunderbare Dokument eines Kulturwandels geworden. Betrachten wir die Pin-up-Girls der Monate November und April.
Miss November ist eine schmale, ältere Frau in schweren Stiefeln und schwarzen Jeans. Sie lächelt nicht, lädt zu nichts ein. Ihr Gesicht wirkt wie gemeißelt. Öffnen ihre Hände gerade die Knöpfe ihrer schwarzen Weste – gleichsam eine minimalistische Hommage ans alte Pin-up – oder knöpfen sie diese wieder zu?
Miss April könnte ihr Gegenpart sein, ihr einziges Kleidungsstück ist ein schwarzer Slip. Doch verweigert sie beinahe noch konsequenter die klassische Pin-up-Pose, wendet der Fotografin den Rücken zu, das linke Bein im Ausfallschritt. Auf diese Weise betont sie alles, was sie von einem Pirelli-Model unterscheidet, den breiten Rücken, die großen Pobacken, die muskulösen Beine.
Beide Bilder sind in dokumentarischem Schwarz-Weiß, beide zeigen eine schlichte, unaufgeräumte Ateliersituation. Es sind gute, aber keine bemerkenswerten Aufnahmen. Es sind Posen, die allein dadurch provozieren, dass sie es eben nicht tun. Was sie so besonders macht, ist der Kontext, in dem sie erschienen sind, der Pirelli-Kalender. Kann man eine Rock-Ikone wie Patti Smith oder Serena Williams, die Nummer Eins der Tennis-Weltrangliste, noch als Pin-up-Girls bezeichnen? Wohl kaum.
Ebenso wenig wie die Künstlerinnen Yoko Ono und Shirin Neshat, die Comedienne Amy Schumer oder die Investment-Bankerin Mellody Hobson, die Annie Leibovitz ebenfalls für den Pirelli-Kalender 2016 fotografiert hat.
Außergewöhnliche Frauen mit (un)gewöhnlichen Körpern
Bislang zierten Frauen mit außergewöhnlich schönen Körpern die Monatsblätter. Vielleicht waren sie selbst ganz gewöhnlich, das tat nichts zur Sache. Für den Pirelli-Kalender des Jahres 2000 fotografierte Annie Leibowitz jedenfalls nur schöne nackte Körper, der Kopf passte nicht in den Bildausschnitt. Jetzt hat sie außergewöhnliche Frauen mit ganz gewöhnlichen Körpern abgelichtet. Oder ungewöhnlichen Körpern, das tut nichts zur Sache. Das einzige Model, Natalia Vodianova, war bereits vergangenes Jahr im Pirelli-Kalender zusehen, badend, im durchsichtigen Negligé, in klassischer Pin-up-Pose. Jetzt hält sie das Jüngste ihrer vier Kinder im Arm.
„Schön, eklig, stark, dünn, dick, hübsch, hässlich, sexy, widerlich, fehlerlos“ hat Amy Schumer unter ihr auf Facebook geteiltes Bild geschrieben, und den vielen Adjektiven ein Nomen folgen lassen: Frau. Die kann man sich an die Wand pinnen. Als neues Ideal.
Die Unternehmensfreunde und VIPs werden wohl auch nicht mehr ausschließlich männlichen Geschlechts sein, 1964 ist lange her.
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