Suizidprävention

Lauterbach-Plan: So soll die Suizidrate in Deutschland gesenkt werden

Seit dem Jahr 2022 steigt die Zahl der Suizide nach einem jahrelangen Rückgang wieder an. Gesundheitsminister Karl Lauterbach will das nun ändern.

Team News AFP/BLZ
4 Min
Geprüft werden soll auch die Einrichtung eines pseudonymisierten Suizidregisters.

Geprüft werden soll auch die Einrichtung eines pseudonymisierten Suizidregisters.

© Fernando Gutierrez-Juarez/dpa

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will die Suizidrate senken – unter anderem durch bessere Vorsorge. Erreichen will die Regierung dies konkret mit der Nationalen Suizidpräventionsstrategie, die Lauterbach am Donnerstag in Berlin vorstellte. „Wir müssen das gesellschaftliche Tabu von Tod und Suizid überwinden, psychische Erkrankungen von ihrem Stigma befreien und Hilfsangebote besser bündeln“, hob Lauterbach hervor.

„Seit gut 20 Jahren nimmt die Zahl der Suizide in Deutschland nicht ab“, mahnte Lauterbach. „Rund 10.000 Menschen nehmen sich pro Jahr in Deutschland das Leben“, verwies er auf Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS). Die neue Suizidpräventionsstrategie solle „zielgenauere Hilfen und Vorbeugung sorgen“. Ein Instrument dazu soll die Einsetzung einer zentralen, bundesweiten Koordinierungsstelle sein. Lauterbach kündigte an, die Regierung werde ein Gesetz zur Umsetzung der Strategie vorlegen.

„Oftmals wären Suizide und Suizidversuche vermeidbar, wenn die bestehenden Hilfsangebote verzweifelte Menschen frühzeitig erreicht hätten“ heißt es in dem Strategie-Text. „Bei Verkehrsunfällen ist Prävention selbstverständlich“, sagte die DGS-Vorstandsvorsitzende Ute Lewitzka auf einer gemeinsamen Pressekonferenz im Lauterbach. Bei Suizidalität sei das jedoch bisher nicht der Fall, obwohl diese etwa in der Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen nach den Unfällen die zweithäufigste Todesursache sei.

Telefonnummer, Webseite und Co.: So sollen Suizide verhindert werden

Hauptrisikogruppe für Suizide sind demnach allerdings ältere Männer, insgesamt gehe es bei gut 73 Prozent aller Suizide um die Altersgruppe ab 50 Jahren. Der DGS zufolge sterben in Deutschland jedes Jahr mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und Aids zusammen. „Jeden Tag sterben durchschnittlich 28 Menschen durch Suizid“, sagte Lewitzka. Angenommen werde, dass die Zahl der Suizidversuche etwa 20-mal höher ist als die der registrierten Suizide.

Die neue Strategie begrüßte Lewitzka als „einen kleinen Meilenstein“. Diese stützt sich auf Empfehlungen aus Wissenschaft, Politik und Praxis. Sie soll betroffene Menschen, deren Angehörige und Fachkräfte über eine bundesweite Webseite zum Thema Suizid informieren und diese auf Hilfe- und Präventionsangebote hinweisen. Vorgesehen ist zudem eine Aufklärungskampagne zu psychischen Erkrankungen, um diese zu entstigmatisieren, sowie zu den ebenfalls vielfach tabuisierten Themen Sterben und Tod.

Dafür sollen auch eine zentrale Krisendienst-Notrufnummer „113“ in Verbindung mit einem rund um die Uhr verfügbaren Online-Beratungsangebot eingerichtet werden. Fachkräfte im Gesundheitswesen und in der Pflege sollen durch Schulungen besser für das Thema und für den Umgang mit gefährdeten Personen sensibilisiert werden. Dies soll sie besser in die Lage versetzen, Betroffene in weitergehende Hilfs- oder Therapieangebote zu vermitteln.

Darüber hinaus empfehlen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem Gesundheitsministerium zufolge, „methodenbegrenzende“ Maßnahmen deutlich auszubauen. Dabei geht es etwa um Zugangsbeschränkungen zu Mitteln und Orten für einen Suizidversuch. Lewitzka nannte konkret bestimmte Brücken oder Gewässer aber auch etwa die Packungsgröße bei Schlaf- und Schmerzmitteln. Die Erfahrungen zeigten, dass Betroffene dann nur selten auf andere Methoden ausweichen würden.

Seit 2022 steigen die Selbsttötungen wieder an

Geprüft werden soll auch die Einrichtung eines pseudonymisierten Suizidregisters – unter anderem um Risikogruppen leichter zu erkennen. Bis 2006 war die Zahl der Suizide in Deutschland kontinuierlich gefallen. Seither stagnieren die Werte jedoch. 2022 gab es sogar wieder einen Anstieg.

Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass die meisten dieser Todesfälle durch eine geeignete Ansprache vermeidbar wären. Häufig gehe es nicht um ein „Ich will nicht mehr leben“, sondern eher um: „Ich will so nicht mehr leben.“ Da könnten Hilfsangebote ansetzen.

Auch die Präsidentin der Deutschen Caritas, Maria Welskop-Deffaa, forderte daher, „Schutzmaßnahmen schnell auf eine sichere rechtliche Grundlage“ zu stellen. Sie nannte dabei auch mehr Zäune an Bahngleisen, Brücken und Türmen.

Hilfe-Nummern

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de
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