Planungspannen behindern Anschluß ans europäische Schnellbahnnetz: ICE ein Jahr später nach Berlin

In nur einer Stunde und 46 Minuten mit dem Intercity Express nach Hannover - darauf müssen die Berliner länger warten als versprochen. Die Deutsche Bahn (DB) hat inzwischen eingeräumt, daß die Strecke nicht vor Mitte 1998 in Betrieb gehen kann. Experten halten jedoch selbst diesen Termin für unrealistisch."Alles spricht dafür, daß der Intercity Express (ICE) bereits 1997 über diese neue Strecke Richtung Berlin startet", hatte Bahn-Chef Heinz Dürr vor fünf Jahren bekanntgegeben. Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, daß sich die Anbindung Berlins an das europäische Netz für den Schienenschnellverkehr erheblich verzögern wird. Solange müssen die Fernzüge noch den Umweg über Magdeburg nehmen. Folge: Eine Reise von Berlin nach Hannover dauert mindestens zweieinhalb Stunden. Auf eine härtere Probe wird die Geduld der Umlandbewohner gestellt. Fast zwei Jahre lang müssen sie noch Umleitungen und Schienenersatzverkehr in Kauf nehmen. So dauert eine Reise von Berlin-Zoo ins brandenburgische Rathenow, nicht mehr als 60 Kilometer Luftlinie entfernt, mit Bahn und Bus zur Zeit mehr als anderthalb Stunden. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, daß der Zugverkehr im Mai 1998 beginnt", sagt Michael Baufeld, Sprecher der Planungsgesellschaft Bahnbau Deutsche Einheit (PBDE). "Vor Herbst 1998 wird das nichts", sagt dagegen Gerhard Curth, Vorsitzender des Fahrgastverbands IGEB. In Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sind wesentliche Teile der 246 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsstrecke, auf der die Züge mit Tempo 250 fahren sollen, bereits weitgehend fertiggestellt. Doch in Brandenburg konnte der Rückstand beim Verkehrsprojekt 4 Deutsche Einheit nicht aufgeholt werden. Dort und in Berlin fehlt auf vier Abschnitten das nötige Baurecht. Auch über den Lärmschutz in Berlin-Spandau wurde noch nicht entschieden.Für das 5,6 Kilometer lange Stück zwischen Buschow und Nennhausen wird erst für Ende Oktober der Planfeststellungsbeschluß erwartet. Jahrelang hatten sich Bahn und Umweltschützer um die Linienführung gestritten. Im Umkreis leben Großtrappen - 22 Exemplare des seltenen Laufvogels waren gezählt worden.Nun wird die Strecke auf zwei Gleise verengt, beiderseits entstehen jeweils 7,50 Meter hohe Erdwälle. Die Vorbereitungen für den Bau des Teilstücks, das 40 Millionen Mark kostet, starten demnächst. Doch die Detailplanung beginnt erst, wenn der Planfeststellungsbeschluß vorliegt. Ein Bahner: "Vor 1998 können wir die Strecke nicht in Angriff nehmen."Für einen Abschnitt am Westrand Berlins hat dagegen noch nicht einmal das Planfestellungsverfahren begonnen. Zwar hatte die Bahn ihre Pläne für die Überführung des Nennhauser Damms und den Regionalbahnhof Staaken schon 1993 öffentlich ausgelegt. Doch auf Betreiben des Senats wurden sie zurückgezogen - die vorgesehene Station lag zu weit von den Staakener Neubauvierteln entfernt. Die aktualisierte Planung ging 1995 dem Eisenbahn-Bundesamt zu, wurden aber wegen Unvollständigkeit abgewiesen. Nach erneuter Überarbeitung liegen die Pläne nun dem Senat vor. Er entscheidet im November über das Vorgehen.Brandenburger Bahnübergänge bescheren der PBDE, seit April für das Projekt verantwortlich, weiteres Kopfzerbrechen. "Kreuzungsvereinbarungen", mit denen die Finanzierung der Neubauten geregelt wird, stehen noch aus. Ein Planer: "Unsere Vorgänger haben dieses Problem zu lange vor sich her geschoben." Schließlich hat der Auftrageber, die Bahn, Verzögerungen verschuldet. Sie strich Überholbahnhöfe und Weichen wieder aus dem Programm. Folge: Neuplanungen wurden nötig.Während die ICE-Strecke fast durchgehend zweigleisig gebaut wird, gab es bei der benachbarten "Stammstrecke" Änderungen. Die Rollbahn für Regional- und Güterzüge wird nur östlich von Wustermark und westlich von Oebisfelde zweigleisig sein. Auch auf die ursprünglich geplante Elektrifizierung wurde verzichtet. So werden direkt neben den schnittigen ICE-Zügen Triebwagen behäbig durch die Lande dieseln. ...

BLZ
9 Min

In nur einer Stunde und 46 Minuten mit dem Intercity Express nach Hannover - darauf müssen die Berliner länger warten als versprochen. Die Deutsche Bahn (DB) hat inzwischen eingeräumt, daß die Strecke nicht vor Mitte 1998 in Betrieb gehen kann. Experten halten jedoch selbst diesen Termin für unrealistisch."Alles spricht dafür, daß der Intercity Express (ICE) bereits 1997 über diese neue Strecke Richtung Berlin startet", hatte Bahn-Chef Heinz Dürr vor fünf Jahren bekanntgegeben. Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, daß sich die Anbindung Berlins an das europäische Netz für den Schienenschnellverkehr erheblich verzögern wird. Solange müssen die Fernzüge noch den Umweg über Magdeburg nehmen. Folge: Eine Reise von Berlin nach Hannover dauert mindestens zweieinhalb Stunden. Auf eine härtere Probe wird die Geduld der Umlandbewohner gestellt. Fast zwei Jahre lang müssen sie noch Umleitungen und Schienenersatzverkehr in Kauf nehmen. So dauert eine Reise von Berlin-Zoo ins brandenburgische Rathenow, nicht mehr als 60 Kilometer Luftlinie entfernt, mit Bahn und Bus zur Zeit mehr als anderthalb Stunden. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, daß der Zugverkehr im Mai 1998 beginnt", sagt Michael Baufeld, Sprecher der Planungsgesellschaft Bahnbau Deutsche Einheit (PBDE). "Vor Herbst 1998 wird das nichts", sagt dagegen Gerhard Curth, Vorsitzender des Fahrgastverbands IGEB. In Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sind wesentliche Teile der 246 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsstrecke, auf der die Züge mit Tempo 250 fahren sollen, bereits weitgehend fertiggestellt. Doch in Brandenburg konnte der Rückstand beim Verkehrsprojekt 4 Deutsche Einheit nicht aufgeholt werden. Dort und in Berlin fehlt auf vier Abschnitten das nötige Baurecht. Auch über den Lärmschutz in Berlin-Spandau wurde noch nicht entschieden.Für das 5,6 Kilometer lange Stück zwischen Buschow und Nennhausen wird erst für Ende Oktober der Planfeststellungsbeschluß erwartet. Jahrelang hatten sich Bahn und Umweltschützer um die Linienführung gestritten. Im Umkreis leben Großtrappen - 22 Exemplare des seltenen Laufvogels waren gezählt worden.Nun wird die Strecke auf zwei Gleise verengt, beiderseits entstehen jeweils 7,50 Meter hohe Erdwälle. Die Vorbereitungen für den Bau des Teilstücks, das 40 Millionen Mark kostet, starten demnächst. Doch die Detailplanung beginnt erst, wenn der Planfeststellungsbeschluß vorliegt. Ein Bahner: "Vor 1998 können wir die Strecke nicht in Angriff nehmen."Für einen Abschnitt am Westrand Berlins hat dagegen noch nicht einmal das Planfestellungsverfahren begonnen. Zwar hatte die Bahn ihre Pläne für die Überführung des Nennhauser Damms und den Regionalbahnhof Staaken schon 1993 öffentlich ausgelegt. Doch auf Betreiben des Senats wurden sie zurückgezogen - die vorgesehene Station lag zu weit von den Staakener Neubauvierteln entfernt. Die aktualisierte Planung ging 1995 dem Eisenbahn-Bundesamt zu, wurden aber wegen Unvollständigkeit abgewiesen. Nach erneuter Überarbeitung liegen die Pläne nun dem Senat vor. Er entscheidet im November über das Vorgehen.Brandenburger Bahnübergänge bescheren der PBDE, seit April für das Projekt verantwortlich, weiteres Kopfzerbrechen. "Kreuzungsvereinbarungen", mit denen die Finanzierung der Neubauten geregelt wird, stehen noch aus. Ein Planer: "Unsere Vorgänger haben dieses Problem zu lange vor sich her geschoben." Schließlich hat der Auftrageber, die Bahn, Verzögerungen verschuldet. Sie strich Überholbahnhöfe und Weichen wieder aus dem Programm. Folge: Neuplanungen wurden nötig.Während die ICE-Strecke fast durchgehend zweigleisig gebaut wird, gab es bei der benachbarten "Stammstrecke" Änderungen. Die Rollbahn für Regional- und Güterzüge wird nur östlich von Wustermark und westlich von Oebisfelde zweigleisig sein. Auch auf die ursprünglich geplante Elektrifizierung wurde verzichtet. So werden direkt neben den schnittigen ICE-Zügen Triebwagen behäbig durch die Lande dieseln. +++

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