Plattencover

Die unwiederbringliche Avantgarde der Popkultur

Die Ausstellung belegt die stilbildende Symbiose aus Popmusik, Kunst und Fotografie.

Susanne Lenz
5 Min

Die Ikonen springen einen gleich an: Der Siebdruck mit der halb geschälten Banane von Andy Warhol auf dem Debütalbum  „The Velvet Underground & Nico“ aus dem Jahr 1967 etwa. Warhol, so erfährt man, hat  nicht nur das Cover gestaltet, sondern das gesamte Album produziert und vermarktet. Das ist nicht der einzige Fall, in der die Cover-Gestalter mehr waren als bloß Fotografen oder Grafiker.

Ein Image wird erschaffen

Eine weitere Ikone ist die Hülle des Grace-Jones-Albums „Island Life“ aus dem Jahr 1985.  Der unnatürlich glänzende, fast nackte Körper der Sängerin ist in eine anatomisch schier unmöglich herzustellende Pose verdreht. Der Fotograf  ist der Franzose  Jean-Paul Goude. In der Schau wird das Face-Magazin zitiert, das ihn als „Mann, der Grace Jones erschaffen hat“ präsentierte. Nun ja. Zuvor hatte auch Helmut Newton sie schon fotografiert, damals war Jones noch Model. Aber auch die Verbindung Jones-Goude ging weit über die Covergestaltung hinaus. Goude arbeitete nicht nur an Jones’ Image, er choreografierte zum Beispiel auch  die Live-Auftritte der Sängerin.

Manche Albencover sind heute wahrscheinlich bekannter als die Musik. Das könnte etwa auf „Abbey Road“ von den Beatles zutreffen: Vier Männer gehen hintereinander über einen Zebrastreifen vor den Abbey Road Studios in London, der heute übrigens unter Denkmalschutz steht. Nicht mal beschriften musste man die Plattenhülle  damals, so bekannt war die Band.  Ein bis heute  gültiges Rollenmodell ist Patti Smith auf ihrem Debütalbum „Horses“ aus dem Jahr 1975. Die Fotografie zeigt sie   androgyn gestylt, in dunklen Jeans, weißen Hemd und schwarzem Band um den Hals, eine Jacke lässig über die Schulter geschwungen. Der Fotograf war ihr Freund Robert Mapplethorpe, mit dem sie eine Zeit lang in New York zusammenlebte.

Das Vinyl-Comeback ist kein Massenphänomen

So zieht einen diese Schau von Wand zu Wand und von Raum zu Raum. Dass aus Lautsprechern an der Decke Musik zu manchem Album kommt, vor dessen Cover man gerade steht, merkte die Autorin erst ziemlich spät. Es funktioniert auch nicht wirklich, dazu ist sie zu leise. Ein ziemliches Sammelsurium hat man jedenfalls hier vor sich, eine leitende Idee scheint es für die rund 400 Cover nicht zu geben.

Trotzdem ist diese Zeitreise oft ausgesprochen schön und zu Hause leider nicht mehr nachvollziehbar: Die meisten von uns haben  ihr Vinyl samt Hülle auf den Schrotthaufen geworfen. Im C/O wird  einem klar, dass das auch deshalb ein Fehler war, weil viele dieser Cover Sinnbilder des 20. Jahrhunderts geworden sind – eine in Zeiten des Online-Streaming und der Musik-Downloads unwiederbringliche Symbiose von Musik, Fotografie und Gestaltung.

Das Vinyl-Revival dieser Tage ist jedenfalls kein Massenphänomen. Der US-Amerikaner Richard Avedon zum Beispiel hat 120 Plattencover fotografiert, aber noch mehr, 350 nämlich, kamen von Jim Rakete, der sich Andy Warhol zum Vorbild nahm, und in seiner „Fabrik“ in Kreuzberg Nena, Nina Hagen oder Spliff nicht nur fotografierte, sondern auch managte. Noch etwas zeigt die Schau:  Cover haben vor der Zeit des Musikvideos unser Bild von Künstlern geprägt. Vor allem, wenn es sich um so kongeniale  Fotos handelte, wie sie etwa der Niederländer Anton Corbijn von U2 gemacht hat. Er stellte die Bandmitglieder in weite öde Landschaften und fotografierte nur in Schwarz-Weiß.

Berliner Ästhetik

Die ursprünglich für das alle Jahre in Südfrankreich stattfindende Fotofestival „Rencontres d’Arles“ konzipierte Ausstellung ist im C/O um einen Berlin-Teil ergänzt worden. Die erwähnten Cover von Jim Rakete gehören dazu, aber auch die von Die Tödliche Doris, Malaria, Einstürzende Neubauten und Gudrun Gut, viele aus dem Umfeld von Geniale Dilletanten, dem Musikfestival, das 1981 im Tempodrom stattfand. Roh und oft in Schwarz-Weiß war die Berliner Ästhetik. Das galt nicht für die Neue Berliner Schule der Elektronik mit Bands wie Ashra Temple und Tangerine Dream. 

Einen kurzen Ausflug zu den Covern von DDR-Musikern auf der anderen Seite der Mauer gibt es auch. Wolf Biermann posierte für das CBS-Cover von „Warte nicht auf beßre Zeiten“ in seinem Wohnzimmer an der Chausseestraße 131. Der Fotograf war Roger Melis. Und Ute Mahler von Ostkreuz fotografierte die Silly-Sängerin Tamara Danz unvergesslich für das Amiga-Album „Batallion d’Amour“.

Eine Ecke mit Verbotenem gibt es auch: Die Mamas & Papas, so lernt man, durften sich nicht mal angezogen in einer Badewanne fotografieren lassen. Auf dem zensierten Cover ist die Wanne nicht mehr zu sehen. Das Cover von „Two Virgins“, auf dem sich John Lennon und Yoko Ono1968 nackt zeigten. Die Firma Track Records, bei der das Album erschien, umhüllt es mit braunem Packpapier.  Der Fotograf war übrigens Lennon selbst – per Selbstauslöser.

Total Records Vinyl & Fotografie
Ausstellung bis 23. April 2017

Ort:

C/O Berlin
Hardenbergstr. 22–24
Berlin-Charlottenburg

Öffnungszeiten: täglich 11–20 Uhr
Öffentliche Führungen: Sa und So 14 Uhr und 16 Uhr (deutsch),  Sa 18 Uhr (englisch). Ohne Anmeldung. Kosten für Führung: 5 Euro, zuzüglich Eintritt: 10/6 Euro.

Eintritt ohne Führung: 10/6 Euro

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