Pleurants im Bode-Museum

Die Kapuzen der Kartäusermönche

Im Bode-Museum ziehen auf einem riesigen schwarzen Holz-Sarkophag 37 weiße Alabastergestalten in einem merkwürdigen Trauerzug vorbei. Dem Museum kommt die großzügige französische Leihgabe der weltberühmten „Pleurants“ gerade recht.

Ingeborg Ruthe
3 Min
Das Burgundische Meisterwerk der Bildhauerkunst um 1443/56 wandelt als marmorne Trauerklage vor einer „Kreuzabnahme Christi “ des Malers Coxcie.

Das Burgundische Meisterwerk der Bildhauerkunst um 1443/56 wandelt als marmorne Trauerklage vor einer „Kreuzabnahme Christi “ des Malers Coxcie.

© BLZ/Markus Wächter Lizenz

Natürlich stehen die nur jeweils 40 Zentimeter hohen Figuren in Wirklichkeit fest auf ihrem Platz. Der spannungsvolle Rhythmus in der Anordnung indes, die jeweils völlig individuelle Haltung und Gestik der Kapuzenträger aber schaffen die optische Täuschung, so, als würden sich die Skulpturen bewegen.

Der mystische Effekt

Die Kartäusermönche – die breiten Kapuzenformen verraten die Ordenszugehörigkeit – „wandeln“ also förmlich wie beim Gebet, bei der Meditation in einem Kreuzgang. Verstärkt wird dieser mystische Effekt, weil man die Prozession auf Augenhöhe anschaut und nicht, wie bei mittelalterlichen Grabmälern üblich, aus der Untersicht. Und genau das ist das Besondere an den berühmten „Pleurants“ (französisch für Klagefiguren) aus dem Museums der schönen Künste in Dijon: Jede einzelne Figur scheint zu leben im Trauerzug vom Grabmal des Herzogs von Burgund, Johan Ohnefurcht. Dereinst, so ab 1470, war das Werk aufgestellt in der Kartause von Champmol. Aus Alabasterstein gemeißelt hat es Hofbildhauer Juan de la Huerta zwischen 1443 und 1456.

Damals war das Ensemble, das der prachtversessene Fürst übrigens noch bei Lebzeiten und bester Gesundheit in Auftrag gab, eine sensationelle Neuerung. Für gewöhnlich wurde im Mittelalter die Grabmals-Kunst nur als Relief gefertigt, Figurenfriese waren Beiwerk, spielten nur eine Nebenrolle zum auf dem Sarkophag-Deckel liegenden Stein-Abbild des Verstorbenen. Nun aber, als Voll-Skulptur, wird der Zug zum Hauptfigurenteil. Und er offenbart in den inbrünstig fürs Seelenheil ihres toten Herrschers Betenden und Singenden so persönliche wie universelle Emotionen.

Etliche der Gestalten haben sich die Kapuzen gleich so tief übers Gesicht gezogen, dass man kein Gesicht mehr sehen kann. Sie gleichen Abgesandten aus dem Totenreich. Und der Kontrast zu den offenen, lebhaft mimischen Gesichtern der kleinen Chorknaben, der Vorsänger, der demütigen Diakonen und dem des machtbewussten Bischofs ist enorm und gibt, ganz nebenbei, Auskunft über die hierarchischen Verhältnisse in der tiefreligiösen Gruppe. Der universelle Ausdruck aber ist die gemeinsame Trauer. So wollte Ohnefurcht der Nachwelt verbleiben: Fürst eines Reiches, das sich damals vom französischen Dijon bis zur Nordsee erstreckte, eines der mächtigsten Herzogtümer des späten Mittelalters war. Und er förderte die flämischen Künste und das Handwerk. Auch gab er sich als zutiefst frommer und seiner Gemahlin Margarete von Bayern getreuer Mann.

Skulptur vor Malerei

Dem Bode-Museum kommt die großzügige französische Leihgabe der weltberühmten „Pleurants“ gerade recht. Die Figuren durften verreisen, weil das Dijoner Kunstmuseum derzeit saniert wird. In Berlin nun werden sie gleichsam zu Kronzeugen eines in fernerer Zeit von den Staatlichen Museen beabsichtigten, derzeit aber noch heftig umstrittenen Aktes: Skulpturen und Gemälde Alter Meister sollen in absehbarer Zukunft im Bode-Museum sowie in einem möglichen Erweiterungsbau zusammen gezeigt werden. Die „Pleurants“ sind nun, fast als Paradebeispiel, arrangiert vor einer dramatischen dreiteiligen „Kreuzabnahme Christi“ des flämischen Spätmittelalter-Malers Malers Michiel Coxcie. Beweinung und Weiterleben, Malerei und Skulptur erscheinen wirkmächtig und lehrreich als zwei Seiten einer Medaille.

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