Plötzlich und unerwartet

Renate Rauch
4 Min

Am Ende der Verhandlung spricht Dr. S. den Eltern sein Beileid aus. Ich bin mir keiner Schuld bewusst, donnert er im Kommandoton. Dr.S., 78Jahre alt, ein kleiner Mann mit graugerahmter Glatze und dicken Augenbrauen, wirkt nicht wie ein Vertrauensarzt, es hat mit seinem Amt zu tun. Seit mehr als zehn Jahren ist er Vertragsarzt in einer großen Berliner Kaserne, in diesem Amt ist Misstrauen geboten. Montags ist besonderer Andrang. Die Soldaten wollen nicht marschieren, nicht auf den Truppenübungsplatz. Wenn besondere Ausbildung ansteht, steigt die Patientenzahl. 40bis 70 Patienten pro Tag, Routine. Paracetamol-Tabletten und Voltaren-Salbe, das kriegen alle, wenn sie zum Arzt gehen, sagt ein Soldat sarkastisch.Bevor der Patient reinkommt, wird in der Akte geblättert, sagt Dr. S. Aha, das ist einer, der die Arbeit nicht erfunden hat. Erstmal hat der Patient recht. Aber wenn er sagt, er hat seit drei Tagen Durchfall, und ich untersuche ihn und er hat eine fette Kotsäule, sage ich: Raus aus meiner Praxis. Dr. S. lässt sich nicht übern Tisch ziehen, sagt er, er sagt es dreimal kurz nacheinander.So einer, sagt er, war Paul J. aber nicht.Paul J. war Unteroffizier, er arbeitete als Koch. Er wohnte bei den Eltern. Die Mutter, Bürokauffrau, berichtet: Im Oktober wurde es schlimmer, er hatte zunehmend Atemnot, dazu ein trockener Husten. Wenn er am Computer saß, war manchmal gar nichts. Wenn er die dreizehn Stufen hochging in sein Zimmer, hat er sich aufs Bett geschmissen, ist zwanzig Minuten liegen geblieben. Ich sagte, du musst zum Arzt gehen. Er: Ach Mutter, so schlimm ist es nicht. Ein Unteroffizier geht erst zum Arzt, wenn er den Kopf unterm Arm hat.Der Vorgesetzte, der Paul zu sich rief, berichtet, Paul habe nach Luft gerungen, Schnappatmen, wie jemand, der 5000 Meter gelaufen ist. Was hast du denn?, fragte er. Hab ich öfter, hatte Paul gesagt.Unser Sohn ist sehr pflichtbewusst, sagt die Mutter, aber dann ging es nicht mehr.Am 29. Oktober ging Paul J. zum Arzt, Dr.S. hatte Dienst. Weshalb sind Sie hier? Am Tresen wird vorher die Temperatur gemessen. Sehe ich als Erstes 37,1 naja, ein leichter Infekt. Haben Sie sich am Wochenende wissentlich erkältet?, will Dr. S. gefragt haben. Paul J. sprach von Atembeschwerden. Der Doktor schaute ihm in den Rachen, der war gerötet. Er hörte ihn ab, er hörte ein verschärftes Atemgeräusch.Er diagnostizierte eine Bronchitis und bestellte Paul für den übernächsten Tag.Am 31. kam er zu mir, berichtet Dr. S., er möchte ab morgen gesund geschrieben werden, da er ein Event hat. Hatten Sie Fieber? Nein. Brustraum beklopft, Rachenraum betrachtet, normales Atemgeräusch. Er nahm es als Hinweis, dass der leichte Infekt abgeklungen ist. Krankenfall ad acta.Aber: Sie bleiben noch diese Woche zu Hause. Am Montag können Sie wieder zum Dienst.Am Montag war Paul schon tot. Paul J., 22Jahre alt, starb am Donnerstag, dem 1.November 2007.Der Sektionsbefund ergab einen Verschluss der zentralen Lungenarterie, mehrere Blutpfropfen in den Lungen, Thrombose im Becken, Thrombose in den tiefen Bein- und Beckenvenen, die Wandverdickung der rechten Herzkammer.Lungenembolie ist ein Chamäleon, ein hinterhältiges Geschehen. Wie ein Blitz vom Himmel. Eine fulminante Lungenembolie gehört zu den Grässlichkeiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall, sagt Dr. S. Nun steht er vor dem Gericht. Hätte der Tod verhindert werden können, wenn er eine andere Diagnose gestellt hätte? Der Gutachter und der Staatsanwalt sagen: mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ja. Hätte der Arzt das, was im Körper des Jungen vor sich ging, erkennen können? Wann handelt ein Arzt sorgfaltswidrig? Was hat ihm der Patient berichtet? Wir wissen es nicht. Er sei fast krepiert auf dem kurzen Weg vom Auto zum Arzt, hatte Paul der Mutter am Tag vor seinem Tod berichtet. Wir erfahren nur, was der Arzt über den Patienten mitteilt: Paul habe auf ein Event gewollt. Paul habe soldatisch exakt geantwortet, sagt Dr. S. Er gab ihm den guten Rat, spazieren zu gehen. Hätte der Patient gesagt, da tun mir die Beine weh und ich krieg ich keine Luft, dann hätte er einen Zusammenhang gesehen. Aber so?Kommen wir vom Rathaus, sind wir klüger, resümiert der Richter am dritten Verhandlungstag. Was können wir heute feststellen, was am 29. 10. 2007 im Behandlungszimmer besprochen wurde? Wir müssen in Kauf nehmen, dass uns die Beweisaufnahme im Stich lässt, sagt er und spricht den Angeklagten frei.

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