Pogromnacht

Diplomaten berichten von Entsetzen und Furcht

Wie ausländische Diplomaten auf die Pogromnacht vom 9. November 1938 reagierten. Eine Ausstellung in Berlin dokumentiert entsetzte Augenzeugenberichte und kühle Analysen.

Katja Tichomirowa
5 Min
SA-Männer marschieren im November 1938 durch die Straßen von Berlin. Die Plakate tragen die Aufschrift „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“

SA-Männer marschieren im November 1938 durch die Straßen von Berlin. Die Plakate tragen die Aufschrift „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“

© DPA Lizenz

„Auf den Straßen sah man Banden von Jugendlichen, die aus den israelitischen Gotteshäusern geraubte Kunstgegenstände herumzeigten und Teile davon sowie Seiten aus hebräischen Bibeln verteilten, um die sich der entfesselte Mob raufte, weil er sie als Siegestrophäen aufbewahren wollte. Währenddessen sah die Polizei weiter wohlwollend zu. Es handelt sich übrigens um die schlagkräftigste, am straffsten organisierte, am perfektesten ausgerüstete und um die brutalste Polizei der Welt mit den besten Voraussetzungen, jedweden Aufruhr im Volk unverzüglich zu unterdrücken.“

Der Botschaftsrat Brasiliens, Themistokles da Graca Aranha, schreibt diesen Bericht am 21. November 1938 an seinen Außenminister, zwölf Tage nach dem Pogrom. „Dies also, Herr Minister, ist die Atmosphäre, in der man gegenwärtig hier in Berlin lebt, und niemand weiß, was in nächster Zeit alles geschehen kann.“ Unter den Diplomaten herrsche tiefe Besorgnis, schreibt Da Graca Aranha.

75 Jahre trennen Deutschland und Berlin von den Ereignissen des 9. November 1938. Dem Brandschatzen, Plündern und Morden in der Pogromnacht und den darauffolgenden Tage ging eine schrittweise, systematische Entrechtung der deutschen Juden voraus. Sie war den Zeitzeugen nicht verborgen geblieben. Der 9. November aber markierte einen Bruch. Die Reaktionen, Entsetzen und Furcht, hatten die Organisatoren beabsichtigt, nach innen wie nach außen.

Für eine Ausstellung, die das Auswärtige Amt und das Centrum Judaicum am Montag in Berlin eröffnen werden, ist das Kreuzberger Ausstellungsbüro Bergzwo Reaktionen nachgegangen, die aus den diplomatischen Vertretungen in Deutschland ins Ausland gingen. Es sind Berichte über Mord und Totschlag.

Rund hundert Interventionen ausländischer Vertretungen verzeichnet das Auswärtige Amt unter Joachim von Ribbentrop nach dem 9. November. Sie werden kommentarlos an die Reichskanzlei weitergeleitet. Den Protesten begegnet das Amt mit Gleichgültigkeit. Diplomatische Krisen fürchtet das NS-Regime im fünften Jahr seines Bestehens nicht mehr. Am 11. November 1938 lässt sich der Initiator des Pogroms, Propagandaminister Joseph Goebbels, vom Chef der Geheimen Staatspolizei Heinrich Müller Bericht erstatten über die Vorgänge in Berlin. Dort sei es „ganz toll hergegangen“, trägt Goebbels in sein Tagebuch ein. „Brand über Brand. Aber das ist gut so.“ Die Aktion selbst sei „tadellos“ verlaufen. „Wir warten nun die Auswirkungen im Ausland ab. Vorläufig schweigt man dort noch. Aber der Lärm wird ja kommen.“

Entsetzte Augenzeugenberichte und kühle Analysen

Er blieb verhalten, und das, obwohl Tausende verzweifelter Juden Zuflucht in Konsulaten und Botschaften suchten. Nur die USA riefen ihren Botschafter zurück. Die diplomatischen Vertretungen beschränkten sich darauf, im Interesse ihrer Staatsangehörigen Ansprüche geltend zu machen. Die Erschütterung der Diplomaten war allerdings nachhaltig.

„Durch Zufall wurde ich am 10. November Zeuge grausamer Judenpogrome“, schreibt der lettische Botschafter Edgars Krievins 1966 in seinen Memoiren. „Das, was ich gesehen habe, war das beste Zeugnis davon, in welchem Maße Hitler und seine Paladine die Seele des deutschen Volkes zu vergiften vermocht hatten. Hier waren die allerniedrigsten Instinkte des Menschen geweckt worden. Die Menschen in diesem fanatisierten Pöbel waren keine Menschen mehr, sie hatten sich in wilde Tiere verwandelt und ihr menschliches Gesicht verloren.“ Auch Frauen und Halbwüchsige seien beteiligt gewesen, schreibt Krievins. Die Polizei habe dem abscheulichen Schauspiel ruhig zugesehen.

Hermann Simon, Historiker und Leiter des Centrum Judaicum, bemüht sich seit 1997 darum, die Berichte der Diplomaten zu sichten und zu sammeln. Die Idee einer Ausstellung nahm im Dezember 2012 Gestalt an, sagt Simon. Das Auswärtige Amt habe schnell seine Unterstützung signalisiert, das Projekt finanziert und sich im April 2013 mit Verbalnoten an die betreffenden Botschaften beteiligt. Die Botschaften und Außenämter der Staaten, die 1938 diplomatische Vertretungen in Deutschland unterhielten, hätten ihre Archive durchforscht und das Material bereitgestellt, so Christian Dirks, der Kurator.

Die Berichte sind von durchaus unterschiedlichem Temperament. Entsetzte Augenzeugenberichte sind ebenso darunter wie kühle Analysen. So schreibt der Geschäftsträger der sowjetischen Botschaft in Berlin, Georgi Alexandrowitsch Astachow, nach Moskau: „Für Ausländer wird durch die Hitlerleute unter der Hand die Version verbreitet, als ob der Führer nichts wusste über die Pogrome und darüber unzufrieden sei. Diese Version ist allerdings vollständig für den Export bestimmt.“

Diese Einschätzung teilte auch der US-Diplomat George Strausser Messersmith. Er ist sich sicher, „dass die Massenverhaftungen, das Plündern und Brandschatzen und das Terrorisieren unschuldiger wehrloser Männer und Frauen (…) auf Anweisung der deutschen Regierung erfolgten.“ Messersmith steht noch eine glänzende Karriere bevor. Er wird 1940 US-Botschafter in Mittel- und Südamerika. Astachow wird kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs abberufen und aus dem diplomatischen Dienst entlassen. Er stirbt 1942 in sowjetischer Lagerhaft.

Von Innen nach Außen. Die Novemberpogrome 1938 in Diplomatenberichten aus Deutschland. 11.11.2013 bis 11.5.2014, Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30, 10117 Berlin. Sonntag bis Donnerstag 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 14 Uhr.

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