Millionen Menschen haben mit ihren Smartphones für das Augmented-Reality-Spiel Pokémon Go reale Orte erfasst. Nun zeigt sich, dass die dabei gesammelten Daten auch für eine Technologie genutzt wurden, die künftig Militärdrohnen in Kriegsgebieten unterstützen könnte.
Darüber berichtet der Guardian unter Berufung auf das Unternehmen Niantic Spatial, das aus dem Pokémon-Go-Entwickler Niantic hervorgegangen ist. Demnach wurden freiwillig eingereichte Umgebungsscans aus dem Spiel genutzt, um KI-Modelle zu trainieren, die reale Umgebungen erkennen und interpretieren können.
Hast du Pokémon Go gespielt? Dann lenken deine Handydaten bald autonome Maschinen
„Roboter bluten nicht“: Ukraine schickt Maschinen statt Soldaten an die Front
Milliarden Bilder für digitales Weltmodell
Bereits im März hatte die Berliner Zeitung über Niantics sogenanntes „Large Geospatial Model“ berichtet. Das Unternehmen erklärte damals, mithilfe von mehr als 30 Milliarden Bildern der realen Welt ein digitales Modell physischer Umgebungen aufgebaut zu haben. Zu den Daten gehören auch Aufnahmen, die Pokémon-Go-Spieler seit Jahren freiwillig über die sogenannte AR-Scan-Funktion hochladen konnten.
Dabei filmten Nutzer Gebäude, Denkmäler, Plätze oder Straßenzüge mit ihren Smartphones und erhielten dafür Belohnungen im Spiel. Die Aufnahmen wurden nach Angaben des Unternehmens mit weiteren Bilddaten kombiniert und zum Training von KI-Systemen verwendet.
Technologie für Einsätze ohne GPS
Besonders brisant ist nun eine Kooperation zwischen Niantic Spatial und dem US-Unternehmen Vantor. Wie beide Firmen mitteilten, soll die Technologie Maschinen dabei helfen, sich in Gebieten zu orientieren, in denen GPS-Signale ausfallen oder gezielt gestört werden. In der Ankündigung der Partnerschaft wird ausdrücklich auf Probleme wie GPS-Störungen, Signalmanipulation und Funkstörmaßnahmen verwiesen. Solche Herausforderungen spielen insbesondere in modernen Konflikten eine wichtige Rolle. Im Ukraine-Krieg setzen beide Seiten regelmäßig elektronische Kampfführung ein, um Navigations- und Kommunikationssysteme zu beeinträchtigen.
Die Technologie soll es Drohnen und anderen autonomen Systemen ermöglichen, ihre Position allein anhand von Kamerabildern und dem Abgleich mit digitalen Kartenmodellen zu bestimmen.
Unternehmen weisen direkte Weitergabe von Spieldaten zurück
Sowohl Niantic Spatial als auch Vantor betonten gegenüber dem Guardian, dass die ursprünglichen Pokémon-Go-Scans nicht direkt an Vantor weitergegeben worden seien. Die Daten seien jedoch beim Training der KI-Modelle verwendet worden, auf denen die Technologie von Niantic Spatial basiert.
Ein Sprecher des Unternehmens erklärte dem Guardian, die Aufnahmen seien ausschließlich von Spielern hochgeladen worden, die der Funktion freiwillig zugestimmt hätten. Die Nutzung sei von den jeweiligen Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien abgedeckt gewesen.
Datenschützer äußern Kritik
Datenschutzexperten sehen die Entwicklung dennoch kritisch. Tom Sulston von der australischen Organisation Digital Rights Watch sagte dem Guardian, viele Nutzer würden die umfangreichen Nutzungsbedingungen digitaler Dienste nicht vollständig lesen und könnten daher kaum abschätzen, für welche Anwendungen ihre Daten künftig eingesetzt werden.
Auch der KI-Forscher Rob Nicholls von der University of Sydney sieht in dem Fall ein Beispiel für einen breiteren Trend. Daten, die ursprünglich für alltägliche Apps gesammelt würden, könnten später für völlig andere Zwecke verwendet werden. Nicholls verwies dabei auf die Fitness-App Strava, deren veröffentlichte Standortdaten in der Vergangenheit Rückschlüsse auf militärische Einrichtungen ermöglicht hatten.
Verbindung zum US-Militär
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält die Kooperation durch Vantors Verbindungen zum US-Militär. Das Unternehmen gab im Februar einen Vertrag mit der US-Armee über Trainingssoftware im Umfang von bis zu 217 Millionen US-Dollar bekannt. Nach Angaben von Niantic Spatial und Vantor befindet sich die Zusammenarbeit derzeit noch in einem frühen Stadium.
Chinas neue Drohnen-KI „HG-STR“: Autonome Schwärme sollen Ziele erkennen und angreifen
Indiens Digitalrevolution: „Europa hat keine Wahl bei digitalen Identitätssystemen“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de