Pokey LaFarge

Lass die Zeit doch einfach langsamer laufen

Unter den aktuellen Retro-Pop-Künstlern ist er der konsequenteste: Pokey LaFarge lässt die Musik der Zwanzigerjahre wieder auferstehen, Ragtime, Blues und Western Swing. Am Dienstag ist er zum ersten Mal in Berlin zu erleben.

Jens Balzer
3 Min
Röhrenradiosound: Pokey LaFarge.

Röhrenradiosound: Pokey LaFarge.

© Joshua Black Wilkins Lizenz

Hatten wir uns in dieser Zeitung eigentlich schon mit der grassierenden Retro-Welle in der gegenwärtigen Popmusik befasst? Für viele junge Leute scheint es weiterhin jedenfalls nichts Schöneres zu geben als sich wie ihre Eltern oder auch Großeltern zu kleiden und auch die gleiche Musik zu hören oder zu produzieren, zu der ihre Eltern oder auch Großeltern tanzten; im Vierteljahrestakt wechselt die Mode zwischen Retro-Soul, Retro-Blues und Retro-Rock.

Nur wenige Retro-Pop-Protagonisten betreiben den Rücksturz in die Vergangenheit aber so konsequent und auf kurzweilige Weise komplett überdreht wie Pokey LaFarge. Nicht in den Achtziger-, Siebziger- oder Sechzigerjahren sucht der aus Bloomingten, Illinois, stammende Sänger und Mandolinist seine künstlerischen Inspirationen. Auf seiner neuen, nach ihm selbst benannten Langspielplatte bietet er vielmehr heitere Unterhaltung im Schellackplatten- und Röhrenradio-Stil.

„Pokey LaFarge“ ist das erste Werk, das er auf dem von dem ehemaligen White-Stripes-Sänger Jack White in Nashville betriebenen Label Third Man Records herausgebracht hat; auf dessen allenthalben gefeiertem Soloalbum „Blunderbluss“ war LaFarge im letzten Jahr auch als Gastmusiker zu hören.

Gegen die von White schon länger betriebene Verschränkung von Tradition und Moderne setzt Pokey LaFarge indes auf einen Traditionalismus, der die populäre Musik bis an den Beginn ihrer Aufzeichnungsgeschichte zurückzuführen versucht, über den Delta Blues noch bis zum Ragtime hinaus. In seinen zwölf neuen Songs, die beispielsweise „The Devil Ain’t Lazy“ oder „Kentucky Mae“ heißen, gibt es gemütlich knurzende Kontrabässe zu hören und Mandolinengeschrubbe in durchweg mittlerem Tempo; gelegentlich schrubbt ein Waschbrett den Rhythmus, im Hintergrund quakt eine gestopfte Trompete einen Ochsenfroschbeat.

Wo die Uhren langsamer laufen

Pokey LaFarge trägt schief sitzende Hüte und karierte Hemden und würde, wie er im Eröffnungsstück der Platte, „Central Time“, singt, niemals an der West- oder der Ostküste leben, sondern nur in der Mitte des Landes, wo die Uhren langsamer gehen und alles Neue erst ankommt, wenn es schon nicht mehr so neu ist.

In solcher Umgebung scheint das Leben generell leichter zu sein: Selbst die Fron der entfremdeten Lohnarbeit wird in „Day after Day“ mit Western Swing und Call-und-Response-Gesang erträglich gemacht; nicht mal bei grassierendem Liebeskummer lässt sich die Band, wie in dem Stück „Won’tcha Please Don’t Do It“, aus ihrem gemütlichen Grundgeschaffel bringen.

Heute Abend ist Pokey LaFarge mit seiner Band erstmals in Berlin zu erleben, im frisch eröffneten Imperial Club unter dem Admiralspalast. Pokey bedeutet übrigens so viel wie „enervierender Trödler“: Man kann nicht anders, als ihn sich als glücklichen Mann vorzustellen.

Pokey LaFarge: Pokey LaFarge (Third Man Records/H’Art); Konzert: Dienstag, 26.11., 21 Uhr, Imperial Club im Admiralspalast.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema