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Jenseits von Nietzsche: Der Fall Charlie Kirk zeigt, dass unsere Gesellschaft ein ernsthaftes Problem hat

Die Reaktionen auf den Mord am Polit-Aktivisten sind ein Beleg dafür, dass sich Linke und Rechte in ihrer Eindimensionalität kaum unterscheiden. Böse sind immer die anderen.

Daniel Witzeling
4 Min
Teilnehmer auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung für Charlie Kirk in Florida

Teilnehmer auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung für Charlie Kirk in Florida

© Jen Golbeck/imago

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In den sozialen oder von manchen als „asozial“ titulierten Medien geht es seit dem schrecklichen Attentat auf den US-amerikanischen Aktivisten Charlie Kirk auf allen Seiten des politischen Spektrums rund. Die einen stilisieren ihn zum Märtyrer hoch und die anderen sehen diesen Prozess als Instrumentalisierung rechter Kräfte gegen linke Progressive, die ihre Wert- und Weltbilder bedroht fühlen. Ein Macht- und Kulturkampf ist das, der sich vom einst unterschwelligen Niveau über Jahre hinweg auf längst mehr als nur die Oberfläche des politmedialen Spielfelds verlagert hat.

Innerhalb der jeweiligen Politblase hat man nahezu das Gefühl, dass es jenseits der klaren Einteilung zwischen den Kategorien „Gut“ und „Böse“ sowie „Richtig“ und „Falsch“ keinen Spielraum für eine differenzierte Sicht der Dinge gibt. Dies kann man in beiden Wertwelten, die ebenso ihre Repräsentationen bei Medienvertretern und Social-Media-Größen auf X (ehemals Twitter), Bluesky und Co. finden, beobachten. Friedrich Nietzsches Überlegungen in Richtung einer Überwindung der Dichotomie aus „Gut“ und „Böse“ hin zu einer Moral, die vorwärts gerichtet ist, scheinen keine Rolle zu spielen. Der notwendige „Pathos der Distanz“ dürfte immer seltener vorhanden sein.

Donald Trump mit Erika Kirk bei der Trauerfeier für ihren Mann

Donald Trump mit Erika Kirk bei der Trauerfeier für ihren Mann

© John Locher/AP

Noble Zurückhaltung wäre angebracht

Wie lautet so schön das bekannte Sprichwort aus dem Neuen Testament: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber nicht den Balken in deinem eigenen Auge?“ Besser als in Zeiten wie diesen könnte ebenjenes nicht zutreffen. Die eine Gruppierung bedient sich, vor allem durch Donald Trump, gekonnt des speziell für die Familie des Opfers tragischen Schicksalsschlages, um ihre Anhänger politisch noch stärker aufzuladen. Die andere Gruppe lässt es an Pietät missen, indem sie den Verstorbenen mit abwertenden Attributionen im Kontext der Trauer um ein Menschenleben belegt.

In manchen Momenten wäre noble Zurückhaltung angebrachter. Ausgeklammert seien konstruktive Kräfte wie Barack Obama oder Arnold Schwarzenegger, die zur Reflexion und Rücksichtnahme in derartigen Situationen anhalten.

Bei diesem eindimensionalen Konflikt ist vielen Akteuren von links wie rechts ihre eigene kognitive Dissonanz oft gar nicht bewusst. Böse und schuld ist zumeist der politisch anders Denkende, während man selbst die Moral und das Gute für sich gepachtet hat. Dass man so genau zu dem Ungeheuer wird, welches man im anderen zu erkennen vermag, leuchtet den wenigsten ein. Die Defizite und die Unmenschlichkeit betreffen immer das Gegenüber.

Ein Menschenleben, ob von Linken oder Rechten für sich vereinnahmt, hat immer gleich viel Wert und sollte niemals, auch nicht unterschwellig, abgewertet werden. Dieser Tatsache sollten wir uns bewusst sein. Sobald aber, egal aus welchem Lager, eine Entmenschlichung anderer stattfindet, haben wir als Gesellschaft ein ernsthaftes Problem.

Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.

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