Wo ist mein Baby?“, ruft die Studentin Lana (Hannah Schiller) immer verzweifelter. Es ist der Albtraum jeder jungen Mutter. Nur einen Moment hatte sie mitten im Magdeburger Zentrum ihren Kinderwagen aus den Augen gelassen, als sie sich in einen Streit zwischen einem Passanten und einer jungen Skaterin eingemischt hatte. Eine Frau mit einem Kind im Tragetuch (Franziska Hartmann) hat Lanas Kinderwagen kurzentschlossen weggefahren. Kurz darauf ist sie in ihrer Wohnung zu sehen, wo sie verzweifelt versucht, das schreiende Kind zu stillen. Im Kontrast der beiden Frauen ist schon das komplette Drama angelegt: Lana vermisst ihre sieben Wochen alte Tochter; die Kindesentführerin Inga dagegen hatte offenbar kurz zuvor ihr Kind verloren – ihre Wohnung ist voller Baby-Ausrüstung, im Tragetuch steckte eine Puppe.
Geschichten um vertauschte oder entführte Babys haben Tradition im „Polizeiruf“, dessen Wurzeln ja eher im Sozialdrama als im Actionkrimi liegen. So drehte 1997 Andreas Dresen seinen einzigen Krimi als erschütterndes Drama um ein vertauschtes und ein totes Kleinkind – Ulrike Krumbiegel und Sophie Rois spielten damals die ungleichen Mütter. Ein deutsch-polnisches Adoptionsdrama war 2017 der Frankfurter „Polizeiruf“ mit Maria Simon: „Das Beste für das Kind“. Der aktuelle Fall heißt „Du gehörst mir“ – der Titel bezieht sich nicht nur auf das Baby. Denn Lana verdächtigt sofort ihren Ex (Max Hemmersdorfer). Hauptkommissarin Brasch (Claudia Michelsen) teilt den Verdacht, will den arroganten Typen auf jeden Fall „drankriegen“, entweder als Stalker oder als Entführer. Tatsächlich hatte der Mann Lana verfolgt und die Entführung beobachtet.
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„Polizeiruf 110“: Vom stillen Mütterdrama zum heftigen Fesseldrama
Noch viel dichter am Fall ist Braschs Chef. Kriminalrat Lemp (Felix Vörtler) ist, natürlich „ganz zufällig“, der Nachbar der Entführerin und wollte eigentlich in den Urlaub fahren, wird aber von Inga niedergeschlagen und gefesselt, als ihm das neue Kind verdächtig vorgekommen war. Nun muss die Entführerin nicht nur einen schreienden Säugling, sondern dazu einen verletzten schwergewichtigen Kerl versorgen – eine echte Doppelbelastung im Haushalt! Das sorgt natürlich für mehr Spannung, doch diese Konstruktion von Drehbuchautorin Khyana el Bitar verschiebt den Fokus vom stillen Mütterdrama zum heftigen Fesseldrama.
Schauspielerisch wird so natürlich einiges geboten. Franziska Hartmann war zuvor schon in einem Hamburger Falke-„Tatort“ als Frau mit zwei Gesichtern aufgefallen und musste sich in der preisgekrönten ZDF-Serie „Neuland“ als Bundeswehrsoldatin zwischen lauter überehrgeizigen Müttern behaupten. Sie spielt hier eindrucksvoll eine Frau, die ihre tiefe Verzweiflung immer schwerer unterdrücken kann. Bevor sie ihr Baby verlor, hatte sie zu Hause ihre schwerkranke Mutter gepflegt. Im Pflegebett liegt nun Kriminalrat Lemp – und Felix Vörtler spielt einen Mann, der die Tragik der Täterin schnell erkennt und sich um Deeskalation bemüht. In einer Szene speisen Lemp und die Entführerin, als wären sie ein Ehepaar. Bis auf den arroganten Ex ziehen hier alle Figuren die Empathie des Zuschauers auf sich. Man bangt mit allen: mit der Mutter, mit der Entführerin, mit dem gefesselten Lemp – und natürlich mit dem Baby.
Polizeiruf 110: Du gehörst mir. Sonntag, 27. August, 20.15 Uhr, ARD und in der Mediathek
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