Wenn Historiker öffentlich streiten, geht es nicht um Deutungen der Vergangenheit, sondern um Konflikte der Gegenwart. Das gilt auch für die Kontroverse, die seit einigen Wochen durch die polnischen Medien wogt. Ausgelöst hat sie der Historiker Bogdan Musial, der hierzulande als Kritiker der ersten Wehrmachtsausstellung bekannt wurde. In einem Artikel der führenden konservativen Tageszeitung "Rzeczpospolita" beschuldigte er den Warschauer Zeithistoriker Wlodzimierz Borodziej, Polen einseitig für die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich zu machen und damit indirekt ein Parteigänger von Erika Steinbach vom Bund der Vertriebenen zu sein.Mit seinem deutschen Kollegen Hans Lemberg leitete Borodziej in den Neunzigern ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Deutschen in Polen von 1945 bis 1950. 1 300 Quellen dokumentieren das Schicksal der Deutschen jenseits von Oder und Neiße in einer vierbändigen Publikation. Diese sollte ein Korrektiv sein zu der in den in fünfziger Jahren der Bundesrepublik initiierten "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa". Das Projekt war ein Beispiel dafür, dass sich deutsche und polnische Historiker auch über die schwierigen und über Jahrzehnte propagandistisch verzerrten Aspekte der gemeinsamen Geschichte verständigen konnten. Den Konservativen in Polen, die seit Jahren gebetsmühlenhaft behaupten, die Deutschen sähen sich ausschließlich als Opfer von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung, ist die Quellensammlung ein Dorn im Auge, belegt sie doch, wie polnische Behörden auf allen Ebenen am Exodus der Deutschen mitwirkten.Für Musial ist ausschließlich Stalin für die Westverschiebung Polens und den damit verbundenen Bevölkerungstransfer verantwortlich. Die polnischen Kommunisten seien bloß sowjetische Satrapen gewesen; von einer Verantwortung Polens für das Schicksal der Deutschen könne keine Rede sein. Absurd erscheint Musials Vorwurf, Borodziej verbreite "Thesen und Fälschungen der kommunistischen Propaganda aus der Zeit der Volksrepublik". Gerade die Darstellung und Legitimation der Vertreibung in der Volksrepublik hat Borodziej kritisch untersucht. Die wüste Polemik Musials, lange freischaffender Historiker, bevor er im "Institut des Nationalen Gedenkens" eine Anstellung fand, ließe sich als Neid gegenüber dem erfolgreicheren Kollegen abtun, der ordentlicher Professor und in zahlreichen Gremien vertreten ist. Geschmacklos und infam sind Musials Attacken jedoch, da sie auch auf Borodziej Herkunft zielen. Borodziejs Vater Wiktor gehörte zum diplomatischen Korps der Volksrepublik und arbeitete für den Sicherheitsdienst. Musial insinuiert, dass Wlodzimierz Borodziej seine Karriere, die in den achtziger Jahren begann, allein politischer Protektion zu verdanken habe. Aus persönlichem Interesse blockiere er als einflussreicher und gut vernetzter Wissenschaftler eine schonungslose Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit.Pikant werden die Vorwürfe durch Musials eigene Biografie: Im ländlichen Südostpolen geboren, arbeitete er als Bergmann in Schlesien, wo er die Verfolgung der Solidarnosc in der Zeit des Kriegsrechts erlebte. Seine wissenschaftliche Sozialisation erlebte er in der Bundesrepublik, wo er 1985 politisches Asyl und später die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Der antikommunistische Furor prägt Musials Arbeiten zum Zweiten Weltkrieg und der polnischen Nachkriegsgeschichte, die empirisch gründlich sind, aber bisweilen zweifelhafte Thesen enthalten. Musials Pamphlet löste unter polnischen Historikern eine Welle der Empörung aus. Die ehemalige Leiterin des Posener Westinstituts Anna Wolff-Poweska nennt Musials Artikel eine "Form der verspäteten Lustration in der Wissenschaft im schlimmsten Gossenstil"; Robert Traba, Leiter des Zentrums für Historischen Forschungen an der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, wirft Musial Schwarz-Weiß-Denken und eine Verzerrung der komplexen historischen Nachkriegssituation in Polen vor. In einem von fünfzig Wissenschaftlern unterschriebenen offenen Brief wird Musials Artikel als weiterer Angriff auf eine Person bezeichnet, die sich um die deutsch-polnischen Beziehungen bemüht.Die Affäre offenbart die tiefe Spaltung der polnischen Medien und der Wissenschaft. Institutionen wie das Warschauer Aufstandsmuseum und das Institut des Nationalen Gedenkens werden von Konservativen dominiert. Medien wie die "Rzeczpospolita" oder das deutschfeindliche Magazin "Wprost" starten immer neue Kampagnen, in denen vor dem deutschen Geschichtsrevisionismus gewarnt und um Ausgleich bemühte Intellektuelle als deutsche Agenten diffamiert werden. Dass Musial, für seine Arbeit über Stalins Kriegspläne auch vom DVU-Blatt "Nationalzeitung" als "Tabu-Brecher" gefeiert, 2004 Gastredner bei einer Gedenkveranstaltung des Bundes der Vertriebenen war, scheint der "Rzeczpospolita" entgangen zu sein. Doch es ist nur konsequent. Schließlich bezeichnet auch Steinbach die Vertriebenen als Opfer von "Stalins harter Faust".
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