Popkolumne

Albern, niveaulos und arrogant

Unser Autor erfreut sich ein weiteres Mal an seiner Leserpost und empfiehlt die Konzerte von Matmos und D.K.D.F.D.K.D.F.P.H.H. sowie den Film „Turning“ mit Antony Hegarty.

Jens Balzer
4 Min
Kommt nächsten Dienstag ins Tempodrom: Der Künstler, der früher Der Künstler, der früher Prince hieß, hieß mit seiner neuen Band 3rdEyeGirl.

Kommt nächsten Dienstag ins Tempodrom: Der Künstler, der früher Der Künstler, der früher Prince hieß, hieß mit seiner neuen Band 3rdEyeGirl.

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Heute zunächst wieder: Post von den Lesern. Herr Gernot Kleie aus 13159 Berlin schreibt mir zu meiner Rezension der „David-Bowie“-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau: „Guten Tag Herr Balzer, ich habe seit Monaten mal wieder versucht die Berliner Zeitung zu lesen. (…) Sie sind für mich einer der unqualifiziertesten Schreiberlinge bei diesem Blatt. Ihr ,Ich-möchte-gern-was-witzig-intelligentes-schreiben‘-Getue ist einfach albern, niveaulos und arrogant. Ich erinnere nur an eine Konzertrezension der Gruppe Rammstein (Ihre meistgehasste deutsche Rockgruppe) in der Berliner O2 World. Ihnen ging es so gut wie gar nicht um die Musik und Show von Rammstein, sondern mehr darum das Publikum zu beleidigen, speziell die, die mit den Rammstein T-Shirts. (…) Zu Ihrem Artikel ,Großer Künstler, schlimm frisiert‘ kann ich nur eines sagen/schreiben: Ich habe den ersten Satz gelesen und dann war es sofort aus. Die Zeitung flog in den Papierkorb. Was haben Sie für ein Problem, so billig und niveaulos im Stil des Unterschichtenfernsehens einen Artikel zu beginnen? Ist der Job bei der Berliner Zeitung so beschissen? Hatten Sie eine schwere Kindheit oder was auch immer?“ Vielen Dank, Herr Kleie, für diese Zuschrift, und um auf ihre drei abschließenden Fragen zu antworten: Keins. Manchmal. Nein.

Und was ist in den kommenden Tagen so los in den Clubs und auf den Konzertbühnen unserer kleinen Stadt? Besondere Freude herrscht seit Montagabend in der Popredaktion dieser Zeitung, also bei mir, darüber, dass Der Künstler, der früher Der Künstler, der früher Prince hieß hieß, für den nächsten Dienstag, den 3. Juni, um 20 Uhr ein total spontanes Überraschungskonzert im Tempodrom anberaumt hat; hier wird D.K.D.F.D.K.D.F.P.H.H. mit seiner aktuellen Frauentriobegleitung 3rdEyeGirl alte und neue Hits darbieten oder sonst irgendetwas, wer weiß das schon. Karten gibt es bereits ab 297,65 Euro! Ich sage: ein fairer Preis.

Hysterisch sexualisierter Schweinkram

Schon für 16,80 Euro kann man hingegen das Konzert des geschlechtergrenzenüberwindenden kalifornischen Elektropopkonzeptkunstduos Matmos besuchen; und dabei gibt es bei Matmos mindestens genauso viel hysterisch sexualisierten Schweinkram zu erleben wie bei Prince, erinnern wir uns nur an ihr Ludwig Wittgenstein gewidmetes Philosophie-Disco-Album „The Rose Has Teeth In The Mouth Of A Beast“, in dem der Beat beispielsweise aus dem Geräusch fallender Spermatropfen gesampelt wurde: bitsch! Bei ihrem letzten Konzert in Berlin, Anfang 2013 beim CTM-Festival, hypnotisierten Drew Daniels und Martin C. Schmidt zunächst ihren Tourgitarristen und bliesen anschließend mit Entenlockpfeifen in eine mit Wasser gefüllte Salatschüssel, ein unvergesslicher Abend. Am Freitag, dem 6. Juni, sind Matmos um 21 Uhr im Neuköllner Philosophie-Disco-Club NK zu sehen (Elsenstr. 52, 2. Hinterhaus, 2. Etage). Und auch nicht uninteressant: In der darauffolgenden Woche bringt Drew Daniels unter dem Namen The Soft Pink Truth sein neues Soloalbum „Why Do The Heathen Rage?“ heraus, auf dem er mit elektronischen Instrumenten und Gastauftritten unter anderen von Antony Hegarty einige Klassiker besonders homophober Black-Metal-Bands in besonders homosexueller Weise neu interpretiert, zum Beispiel „Black Metal“ von Venom und „Grim and Frostbitten Gay Bar“ von Impaled Northern Moonforest.

Antony Hegarty ist wiederum auch der Hauptdarsteller in dem hervorragenden Film „Turning“ von Charles Atlas und Lucy Sexton, der – abgesehen von einer kleinen Vorführung im Soho House während der Berlinale 2012 – in Berlin schändlicherweise bislang nicht aufgeführt wurde. Anderthalb Stunden lang sieht man darin Szenen aus Antony-Konzerten; dazu erzählen die Transgender-Tänzerinnen aus seinem Ensemble von ihrem Leben und Coming Out, von dem damit verbundenen Leiden und vor allem aber von dem Glück, das die Antony-and-the-Johnsons-Familie ihnen bietet: „Freedom of Gender“!

Am Donnerstag, dem 29. Mai, ist „Turning“ um 21 Uhr beim Xposed International Queer Film Festival im Moviemento-Kino zu sehen.

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