...56, studierte in den 70er-Jahren in Leipzig. Bis 1990 widmete er sich am Warschauer Institut für Philosophie und Soziologie der Forschung. 1980 trat er in die Solidarnosc ein. Seine erste diplomatische Mission in Deutschland begann 1992. Seit 2006 ist er Botschafter.
Prawda läuft regelmäßig. Die fast neuen Turnschuhe verraten es nicht, aber man sieht es an der drahtigen Figur des Mittfünfzigers. Doch so verrückt ist er nicht, 1 100 Kilometer „am Stück“ in Angriff zu nehmen. Gleich hinter der Grenze ist der Einsatz des Diplomaten auch schon wieder zu Ende. Die schwarze Limousine wartet. Aber er sei gern dabei gewesen, versichert Prawda. Schließlich gehe es um einen guten Zweck. Die Läufer sammeln Aufmerksamkeit und Geld für die Lukas-Podolski-Stiftung. Diese wiederum finanziert Projekte für sozial benachteiligte Kinder in Polen.
Podolskis deutsche Sprachmelodie
Prawda kennt Podolski ganz gut. Man redet Polnisch miteinander, wenn man sich trifft – was in Zukunft wohl noch seltener wird. Podolski hat einen schlesischen Akzent, sagt Prawda. Eine deutsche Sprachmelodie schwinge mit. Spielt der Stürmer mit den oberschlesischen Wurzeln in der falschen Mannschaft? „Manche werden das tatsächlich schade finden, dass er nicht für uns spielt. Aber – ach was“, wehrt Prawda ab. „Jeder in Polen weiß, dass Lukas in Deutschland als Fußballer groß geworden ist, da gehört er natürlich auch in die deutsche Mannschaft. Aber er hat nun mal diese geteilte Identität.“ Was gar nicht so ungewöhnlich sei in der Region, aus der die Familie Podolski stamme, fügt der Soziologe Prawda hinzu. Der Vater von Miroslav Klose habe übrigens als Linksaußen bei Odra Opole gespielt und auch ein paar Matches für die polnische Nationalelf bestreiten dürfen.
Die eigene fußballerische Karriere des Diplomaten verlief eher frustrierend. „Als Jugendlicher stand ich in meiner Heimatstadt Kazimierza Wielka auf dem Platz“, erzählt er. „Vierte Liga.“ Die Kreisstadt liegt unweit von Krakow – und das erwies sich als fatal für den Fußballer Prawda. „Die alten Knacker von Wisla Krakow, die über 30-Jährigen, die der Erstliga-Klub ausgemustert hatte, die kamen zu uns.“ Die in die Jahre gekommenen Staatsamateure waren immer noch besser als der damals 17-Jährige. Also suchte er seine Chance anderswo.
In die Diplomatie stieg Prawda spät ein. Ermuntert wurde er von Wladyslaw Bartoszewski, dem Außenminister, der sich unschätzbare Verdienste um die Aussöhnung mit dem Nachbarn im Westen erworben hat. Als Prawda vor sechs Jahren nach Berlin kam, stand es um das deutsch-polnische Verhältnis nicht sonderlich gut. In Warschau hätte sich kaum ein besserer Deutschland-Kenner finden lassen. Der Diplomat hatte sich in vielen öffentlichen Diskussionen als besonnener Vertreter polnischer Interessen und als Anwalt der Verständigung einen Namen gemacht.
Fußball soll sich nicht vereinnahmen lassen
Doch gerade deshalb argwöhnte die rechtskonservative Tageszeitung Nasz Dziennik damals, Prawda könnte zu viel Verständnis für die Deutschen aufbringen. Unter der Überschrift „Unerwünschter Kandidat“ erinnerte sie daran, dass der Botschafter ein Vierteljahrhundert vorher in Leipzig studiert hatte. An der „Universität für Marxismus-Leninismus“, wie das Blatt recht freihändig formulierte.
Dass die damalige nationalkonservative Regierung der Kaczynski-Brüder Prawda dennoch nach Berlin schickte, erwies sich als Glücksfall. Schritt für Schritt entspannte sich das Verhältnis. Wie verkrampft es seinerzeit war, wurde jedoch noch einmal im Zusammenhang mit dem Fußball augenfällig, als bei der Euro 2008 die deutsche und die polnische Mannschaft aufeinandertrafen. Das Warschauer Boulevardblatt Super Express hatte auf seiner Titelseite eine Fotomontage veröffentlicht, das die abgeschlagenen Köpfe des deutschen Kapitäns Michael Ballack und des Trainers Joachim Löw in den Händen von Polens damaligem Coach Leo Beenhakker zeigte. „Leo, bring uns ihre Köpfe“, hieß es in der Überschrift.
Dies sei eine „idiotische Geschmacklosigkeit“, entrüstete sich Prawda und verwies jedoch gleizeitig darauf, dass die seriösen Medien seines Landes die Entgleisungen ebenfalls geißelten. Wenn es um Geschmacklosigkeiten gehe, so Prawda, erinnere er sich auch an eine deutsche TV-Werbung, in der polnische Fußballer als Diebe dargestellt worden seien. Aber diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Fußball, so findet der promovierte Soziologe, hat seine nationale Eindeutigkeit verloren. „Früher spielten vor allem bei den Franzosen und den Briten Einwanderer. Jetzt ist das bei einer Vielzahl von Teams der Fall.“ Er finde gut, dass das normal geworden sei. Der Fußball dürfe sich nicht nationalistisch vereinnahmen lassen, auch wenn bei einem Turnier wie der EM Nationen gegeneinander antreten.
Vor einiger Zeit, erinnert sich Prawda, habe er Podolski gefragt, ob es denn in deutsch-polnischen Begegnungen nicht auch ohne Tore, ohne Sieger und Besiegte abgehen könne. Er habe das im Scherz gemeint, versichert der Botschafter. Aber man hat den Eindruck, als wäre ihm Unentschieden in diesen Begegnungen tatsächlich das liebste Ergebnis.
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