Bevor der gebürtige Pole gleich auf einer Bühne in Eberswalde den Fiesling geben wird, stärkt er sich noch zwischen bunten Gipsbauten und Zimmerpalmen in einem Grillhaus – und wirkt keineswegs derb. Wojciech Oleszczak ist ein großer, kräftiger Typ mit Drei-Tage-Bart, weicher Stimme und nachdenklichem Blick. Man braucht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass dieser freundliche Mann gleich als Ostblock-Latino mit einer falschen Dauererektion die Bühne besteigen wird.
...wurde in 1984 in Polen geboren und kam mit fünf Jahren nach Deutschland. Seit 2007 bespielt der Comedian die Bühnen als Marek Fis. In seiner Rolle als polnischer Holzfällersohn konfrontiert er seine deutschen Zuschauer – mal lustig, mal böse – mit ihren Vorurteilen gegenüber den Nachbarn.
In seiner Rolle, einer tumben Lachfigur im roten Polska-Shirt und grauer Jogginghose, versammelt der 28-Jährige so ziemlich alle Klischees und Vorurteile, die je über seine polnischen Landsmänner existierten. Mal spielt er den Einbrecher, mal den Fußball-Hooligan, aber auch den inzestuösen Familienmenschen, den Autodieb, den Schwarzarbeiter und den Berufsalkoholiker. Und immer wieder zieht er sich linkisch die graue Hose bis zu den Brustwarzen, eine Art Markenzeichen, das man im Comedy-Geschäft braucht.
Schwere Grätschen im Programm
Als Wojciech Oleszczak fünf Jahre alt war, ist seine Familie aus dem polnischen Leba nach Kleve gezogen, einer Kleinstadt am Niederrhein. „Mein Deutsch habe ich von Dagobert Duck und Käpt’n Blaubär im Fernsehen gelernt“, sagt er und man hört in seiner Satzmelodie immer noch das Rheinland nachhallen. Den weichen polnischen Akzent benutzt er nur auf der Bühne, wenn er als listiger Holzfällersohn Deutsche mit ihren Vorurteilen gegenüber dem Nachbarland konfrontiert.
Marek Fis spielt nicht nur mit Klischees, er spreizt sie bis sie wehtun. Auch an diesem Abend in Eberswalde unterläuft er die Schmerzgrenze des politisch Unkorrekten, macht Scherze über Schäuble, Seal oder Mario Barth, die sich nicht selten unterhalb der der Gürtellinie bewegen. Offenbar verfolgt er das Ziel, dass einem das Lachen auch ab und zu im Halse stecken bleibt. „Ich will keine Wellness-Comedy machen, sagt Wojciech Oleszczak. „Nur Klischees abarbeiten, das reicht nicht. Aber wenn man sie ins Absurde dreht, entwaffnet man sie.“
Es gibt im Grunde nur eine Sache, bei der Wojciech Oleszczak tatsächlich keinen Spaß versteht: Fußball. Zwar grätscht er in seinem Programm „Ein Pole legal in Deutschland“ auch Lothar Matthäus, Poldi oder Schweinsteiger in den Lauf, doch achtet er bei diesem Thema mehr auf sportliches Fair Play, wenn er vom Deutschen Meister „Polonia“ Dortmund schwärmt oder sich um die Aufstellung der polnischen Nationalmannschaft zur Europameisterschaft sorgt. Zwar habe man das BVB-Trio Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski und Lukasz Piszczek in der Mannschaft, sagt er. „Aber wir brauchen ja auch noch acht weitere Spieler.“
Für den Schalke-Fan ist die EM in seinem Heimatland ein überfälliger Volltreffer. „Es war längst an der Zeit, dass ein Land aus dieser Region ein solches Turnier ausrichten kann und die Chance hat, sich zu zeigen“, sagt er. „Wir sind bereit für diese EM, haben tolle Stadien gebaut, haben wunderschöne Städte. Ich hoffe, dass unsere Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit das Eis brechen wird.“ Vor allem sieht Wojciech Oleszczak darin die Chance, Ressentiments abzubauen, gerade hier in Deutschland. „Das deutsch-polnische Verhältnis erlebt die beste Zeit, die es je gegeben hat.“
„Deutschland ist mein Zuhause“
Während er als Marek Fis auf der Bühne die Klischees der Deutschen bedient, hat man in seinem Heimatland – bis auf die Folgen des Zweiten Weltkriegs – ein gutes Bild von den Nachbarn: tüchtig, pünktlich, sauber. „Und – naja, steif sind sie auch“, sagt Oleszczak. Etwas mehr Offenheit, Familiensinn, Optimismus und Gastfreundschaft könnten sie von den Polen noch lernen. Am besten lässt sich der Unterschied zwischen den Ländern anhand einer Hochzeit erklären: In Deutschland, sagt er, gehe es mehr darum, dass alles gut organisiert ist, als dass man Spaß hat. „Bei uns ist das umgekehrt.“ Die Polen könnten hingegen einiges von der deutschen Nationalmannschaft lernen.
Dreißig Mal im Jahr reist Wojciech Oleszczak in seine Heimat, um Familie und Freunde zu besuchen. Nachdem sein Vater, ein Tierarzt, 1988 bei einem Autounfall ums Leben kam, zog die Familie nach Deutschland. Seine Mutter, eine Agraringenieurin, brachte die beiden Söhne als Altenpflegerin durch. Ihr Abschluss wurde hier nicht anerkannt. Seit 1995 leben sie in Berlin, hier machte Wojciech Oleszczak sein Abitur und wurde 2007 von Klaus-Jürgen „Knacki“ Deuser als Komiker unter Vertrag genommen.
„Deutschland“, sagt er, „ist mein Zuhause.“ Aber das Land, für das er auch bei dieser EM fiebert, ist Polen. „Das Einzige, was polnische Fans stört, ist, dass Podolski und Klose nicht für uns spielen“, sagt er. Während Poldi seine Wurzeln nie verleugnet habe, sei Klose immer zurückhaltend gewesen. „Die Multikulturalität in sich zu tragen, ist doch ein Geschenk und keine Strafe“, sagt Oleszczak und es klingt, als würde auch er immer noch auf die Anerkennung des großen Bruderlandes warten.
Seine Karte für das Eröffnungsspiel hat er verschenkt – an wen, will er nicht sagen. Heute Abend wird er dennoch vor dem Warschauer Nationalstadion stehen und versuchen ein Ticket zu bekommen. „Wenn man genug zahlt, kommt man auch rein“, sagt Wojciech Oleszczak, „das war 2006 in Deutschland nicht anders.“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de