Presseschau zur Berliner Philharmonie

Ein Orchester, in dem alle etwas verloren haben

Die vertagte Sucher der Berliner Philharmoniker nach einem neuen Chefdirigenten gibt weiter Anlass für Spekulationen. Wer und was kann jetzt noch kommen?

Harry Nutt
3 Min

Die Belegschaft, die ihren Chef selbst aussucht, hat es auch nicht leicht. Aber sie erweckt damit große Aufmerksamkeit. Das Wahlverfahren der Berliner Philharmoniker, einen neuen Chefdirigenten zu bestellen, hat weit über die Musikwelt hinaus die Gemüter bewegt. Nach dem Ausbleiben einer Entscheidung ist die Nichtwahl Anlass für Spekulationen jeder Art.

Eleonore Büning setzt sich in der FAZ mit dem vielfach bemühten Vergleich zur Papstwahl auseinander. „Mit der Papstwahl wird diese Berliner musikalische Personalie laufend verglichen. Das hat einen nostalgischen Touch. So, wie der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden die höchste Instanz für alle Gläubigen verkörpert, so, das wünschen wir uns, sollte auch der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker die höchste Instanz im Reich der Musik abbilden: den einmaligsten Klang hervorzaubern, die epochemachendste Einspielung vorlegen, das breiteste Repertoire abdecken, alle Abonnenten, Kritiker, Politiker, Verehrer und zukünftigen Fans um sich sammeln, kurzum: unangefochten die höchsten ideellen und materiellen Umsätze erzielen. Nur, dass selbst der Papst heutzutage nicht mehr auf Lebenszeit zur Verfügung steht, sondern seinen Job macht, wie andere Leute auch, für eine Weile. Und dann weiterzieht. Im Reich der Musik ist es genauso. Die Globalisierung schreitet voran. Chefdirigenten bleiben nur für zehn oder dreizehn Jahre. Manche, wie Thielemann, bleiben nur fünf oder sechs.“

Und nun? Rick Fulker rechnet für die Deutsche Welle schon einmal die Schadensfälle durch. „Bei der Neuwahl müssten die Musiker nun den Mut aufbringen, keine der bisherigen Kandidaten zu küren, sondern einen Dirigenten oder eine Dirigentin aus der zweiten Liga. Denn keiner der bislang hochgehandelten Kandidaten kann den Wahlmarathon am 11. Mai unbeschadet überstanden haben. Jeder davon müsste danach wissen, er habe einen großen Teil der Instrumentalisten gegen sich. Der begehrteste Job der Klassikwelt wäre dann die reine Hölle.“

Matthias Wulff kann dem Vorgang in der Berliner Morgenpost ebenfalls wenig Positives abgewinnen. „Denn es gibt keine Sieger und Verlierer, sondern nur ein Orchester, in dem alle etwas verloren haben: Verlust an Harmonie, Verlust an Gemeinschaftlichkeit, Verlust an dem Ideal der Vereinigung von Musikern, die die Liebe zur Klassik verbindet und sie zu einem Orchester vereint. Und das ist wahrscheinlich die größte Niederlage, die erst nach und nach in ihrer Dimension einzuschätzen sein wird. Wie werden die Philharmoniker in Zukunft wahrgenommen werden? Wird man sie mit einem abschätzigeren Blick erleben? Wird man sie als Orchester begreifen oder nach dieser Nicht-Wahl für eine Arbeitsgemeinschaft mit einem Sammelsurium von Einzelinteressen? Wie wird unser Blick auf sie sein, wie wird ihr Blick auf sich selbst sein? Es ist nicht dem Pathos des Augenblicks geschuldet, wenn man erwartet, dass den Philharmonikern die schwersten Monate der letzten beiden Dekaden bevorstehen.“

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema