Pressestimmen zu Iran

Der schale Sieg der Iraner

Mit seiner harschen Kritik an Obama nach den Genfer Atom-Verhandlungen hat Israels Präsident Netanjahu, so glauben israelische Zeitungen, es sich mit den Amerikanern verscherzt.

Inge Günther
3 Min

Die Endzeitstimmung, die Premier Benjamin Netanjahu angesichts des Genfer Atom-Deals mit Iran verbreitete, teilen zumindest viele israelische Kommentatoren nicht – und auch nicht die israelische Wirtschaft. Die Börsenkurse in Tel Aviv erreichten Stunden nach Unterzeichnung der Interimsvereinbarung zwischen den fünf UN-Weltmächten plus Deutschland und den Iranern ein Rekordhoch. Die steigende Investitionsfreude werteten israelische Wirtschaftsjournalisten als Indiz, dass das Risiko eines israelischen Präventivschlags gesunken sei.

„Solange es eine solch „einhellige internationale Unterstützung für die Interimsvereinbarung gibt, wäre ein Bombardement iranischer Nuklearanlagen politischer und diplomatischer Selbstmord“, konstatierte Amos Harel, Militärexperte der Zeitung Haaretz. Eine ähnliche Einschätzung vertrat Nahum Barnea, Starkommentator in Yedioth Achronoth. Jeder Bürger frage sich, was Netanjahu wohl gemeint habe, als er sagte, Israel fühle sich an den Genfer Deal nicht gebunden. Vorausgesetzt, die Streitkräfte hätten überhaupt das Potenzial für einen militärischen Alleingang: „Wäre Netanjahu zu einer solchen Entscheidung bereit, bei der sich Israel gegen die ganze Welt stellt, ausgenommen Saudi-Arabien, unser loyaler ergebener und ewiger Freund, diesem Lichtstrahl in der Dunkelheit?“ mokierte sich Barnea mit einem Schuss Sarkasmus. Das sei dann doch „höchst zweifelhaft“. Eher habe sich der Premier wieder mal „von großen Worten hinreißen lassen“. Tatsächlich sei in Genf ein neues Kapitel aufgeschlagen worden: Israel wie die Golfstaaten, mithin die US-Alliierten in der Region, „werden sich an Irans neuen Status an der Schwelle zum Atomstaat gewöhnen müssen.“

US-Präsident Barack Obama griff zwar noch in der Nacht zum Montag zum Telefon, um Netanjahu zu beruhigen. Er wolle sofort Konsultationen mit Israel über das in sechs Monaten angepeilte Dauerabkommen mit Teheran aufnehmen. Auch kündigten neben den USA Großbritannien und Frankreich an, noch in dieser Woche Gesandte nach Jerusalem zu schicken. Doch mit seiner harschen Reaktion habe Netanjahu die Freundschaft zu den USA schwer belastet und die politische Isolation Israels riskiert, attestieren israelische Analysten. Allenfalls in Teheran habe Netanjahu einen positiven Nebeneffekt bewirkt. „Solange der Premier insistiert, dass das Abkommen schlecht ist für Israel und die Welt, werden die Iraner von ihrem schalen Sieg überzeugt bleiben“, hieß es in Haaretz.

Realistisch besehen könne Netanjahu mit dem Deal „gut leben“, bescheinigte indes Amos Yadlin, Chef des militärischen Geheimdienstes, in einem Gastbeitrag in Yedioth Achronoth. Im Vergleich zu dem, was zwei Wochen zuvor auf der Tagesordnung stand, seien dank seiner Einwände entscheidende Verbesserungen aufgenommen worden. „Zum ersten Mal seit 2003“, so Yadlin, „wurde das iranische Nuklearprogramm gestoppt und sogar ein bisschen zurückgedreht. Der Schritt zurück mag marginal sein, aber es kommt auf den Richtungswechsel an.“

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