Was kann man jetzt noch tun? Paartherapie? Professionell angeleitetes Deeskalationstraining? Wenn man die Wutausbrüche zur neunten Auflage des Lokführerstreiks betrachtet, die im Twitter-Netzwerk kursieren, scheint auch die Hinzuziehung der Gewaltforschung dringend geboten zu sein. Was ist da eigentlich passiert? Auf Spiegel-online versucht Michael Kröger hinter die gesellschaftliche Logik dieses Arbeitskampfes zu kommen: „Konsens statt Konfrontation – diese Formel ist zum Betriebssystem für das Erfolgsmodell Deutschland geworden. Darin spiegelt sich der tiefsitzende Wunsch unserer Gesellschaft wider, dass alles, selbst der Konflikt, funktional zu sein hat. Selbst ein Streik soll bitteschön Regeln folgen und fahrplanmäßig sein Verhandlungsziel erreichen. Diesen Konsens hat Weselsky längst aufgekündigt.“
Und das scheint am Ende schlecht für die Streikenden auszugehen, glaubt Jan Gänger auf n-tv.de: „Auch Lokführer lesen Nachrichten und haben ein soziales Umfeld – sie bekommen genau mit, wie unbeliebt sie sich mit dem Arbeitskampf machen. Und niemand möchte in der Haut der Bahn-Mitarbeiter stecken, die sich in den nächsten Tagen mit genervten Kunden auseinandersetzen müssen. Mit dem übertriebenen Arbeitskampf schadet die GDL nicht nur der Bahn und Millionen Menschen, sondern auch sich selbst.“
Verkorkste Beziehung
Ulrike Hermann versucht in der taz, ein Missverständnis über einen häufig verwendeten Begriff aufzuklären: „Es führt in die Irre, bei Gewerkschaften von ‚Wettbewerb‘ zu reden. Sie sind das Gegenteil – nämlich Kartelle. Jedem Arbeitnehmer wird verboten, mit anderen Beschäftigten in Konkurrenz zu treten und eigenmächtig sein Gehalt zu verhandeln. Stattdessen gibt es einen Tariflohn für alle. So soll verhindert werden, dass sich die Arbeitnehmer gegenseitig unterbieten, um noch eine Stelle zu finden – und alle weniger verdienen. Dieses Kartell namens Gewerkschaft funktioniert am besten, wenn sich alle Arbeitnehmer einer Branche zusammenschließen. Eine Konkurrenz der Gewerkschaften, wie sie Weselsky anstrebt, führt hingegen ins Chaos oder zur ‚Rosinenpickerei‘.“
Für den akuten Konflikt sieht Dieter Esslinger in der Süddeutschen Zeitung weiterhin keine Hoffnung auf eine Lösung: „So verkorkst war schon ewig keine Beziehung mehr, zumindest seit die Komantschen über die Apachen herfielen, ach was, seit die Familien Montague und Capulet die Welt betörten. Wie geht es nun weiter? Abgesehen von der Variante Schlichtung/Vermittlung sind im Grunde nur diese Möglichkeiten denkbar: Entweder wird den Lokführern ihr Streik allmählich selber zu blöd und zu teuer. Wer will schon dauernd auf Streikgeld als Einkommensquelle zurückgeworfen sein, nur weil die Gewerkschafter sich im Gestrüpp ihrer Taktik verrannt haben? Oder dieser Streik geht dermaßen ans Image der anderen Gewerkschaften, die wie die GDL im Beamtenbund organisiert sind, dass diese der GDL ihre finanzielle Unterstützung entziehen.“
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