Seit Donnerstag ist es wieder soweit: Zum 68. Mal finden in der Hauptstadt die Internationalen Filmfestspiele Berlin statt. Sie bringen nicht nur einen Hauch von Hollywood an den sonst eher tristen Potsdamer Platz, sondern lassen auch die Herzen vieler Filmfans höher schlagen - bekommen sie hier doch Produktionen aus aller Welt zu sehen, die womöglich nie regulär im Kino anlaufen.
Man muss aber kein Cineast sein, um im Programm der Berlinale etwas zu finden, das einen Besuch lohnt. Egal, ob Sie nur mal kurz zum roten Teppich flanieren wollen, um einen Blick auf die Stars zu erhaschen, oder ob Sie eigentlich viel lieber Serien gucken und Musik hören - unsere Empfehlungen bieten für jeden Geschmack etwas.
Der Himmel über Berlin erstrahlt neu
Die 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin präsentieren in der Reihe Berlinale Classics die Weltpremieren der digital restaurierten Fassungen von insgesamt sieben Filmen. Wim Wenders’ preisgekrönter Klassiker "Der Himmel über Berlin" (BRD 1987) kehrt in einer neuen, digital überarbeiteten Fassung im Vorführformat 4K DCP auf die Leinwand zurück. Die von der Wim-Wenders-Stiftung restaurierte Fassung greift auf die Originalnegative zurück und wird demnächst wieder in die deutschen Kinos gebracht. Bei der Berlinale kann man sie schon am 21. Februar (22.30 Uhr) im International sehen.
Neues Futter für Serienjunkies
Dass gute Geheimnisse auch erzählerische Handwerkskunst sind, zeigen Baran bo Odar und Jantje Friese, die Macher der deutschen Netflix-Serie "Dark". In einer praktischen Fallstudie beleuchten sie ihr „Murder Management“, sprich: das Konzept des Preisgebens und Verschweigens von Wissen in Crime- und Mystery-Formaten. Zu sehen ist das Ganze in der Reihe Berlinale Talents am 19. Februar (14 Uhr) im HAU3.
In der Sektion "Berlinale Series" können Serienjunkies außerdem vorab die potenziellen nächsten Hits entdecken. Den Auftakt macht die visuell aufregende Serienadaption des australischen Klassikers "Picnic at Hanging Rock": Natalie Dormer wird als strenge Leiterin eines Mädchenpensionats von ihrer dunklen Vergangenheit eingeholt und dann verschwinden auch noch drei Schülerinnen (19.2., 12.30 Uhr / 23.2., 17.15 Uhr, beides Zoo Palast).
Die deutsche Serie "Bad Banks" mit Shooting-Star Paula Beer zeigt Innenansichten einer skrupellosen Finanzwelt zwischen Frankfurt und Luxemburg (21.2., 17 Uhr, Zoo Palast). Die Verfilmung des Bestsellers "The Looming Tower" führt in die Welt der CIA und des FBI Ende der 1990er Jahre (20.2, 21.30 Uhr / 23.2, 12 Uhr, beides Zoo Palast). Und für das historische Epos "The Terror" wurde Dan Simmons Bestseller über die Polarexpedition des Briten Sir John Franklin verfilmt (21.2., 19 Uhr / 22.2., 14.15 Uhr, beides Zoo Palast). Die beiden letzteren Serien sind beide ab März bei Amazon Prime verfügbar.
Fine Dining statt Popcorn
Dieter Kosslick, Direktor der Berlinale, eröffnet am 14. Februar 2018 den Berlinale Street Food Markt am Potsdamer Platz.
© dpa
Unter dem Motto „Life Is Delicate“ zeigt die Berlinale-Reihe "Kulinarisches Kino" vom 18. bis 23. Februar 2018 neun Dokumentarfilme und einen Spielfilm, welche die Beziehungen zwischen Essen, Kultur und Politik thematisieren - und dabei drei Berliner Spitzenköche präsentieren. Seit etwa 8000 Jahren wird in Georgien Wein angebaut, doch während der sowjetischen Herrschaft wurde die uralte Methode, Wein in Amphoren auszubauen, fast vergessen. In "Our Blood Is Wine" von Emily Railsback erleben wir, wie diese Tradition wiederbelebt wird. Michael Kempf (zwei Michelin-Sterne, „Facil“, Berlin) wird das gastronomische Erbe Georgiens interpretieren.
Regisseur Eric Khoo kehrt nach 2016 mit seinem neuen Spielfilm Ramen Teh zurück ins Programm des Kulinarischen Kinos: Die Handlung spielt in dem Vielvölkerstadtstaat Singapur. Hier werden mit dem Essen nicht allein schmerzhafte Erinnerungen bewahrt, es kann auch ein Mittel zur Versöhnung sein. The Duc Ngo, der mehrere beliebte Restaurants in der Berliner Kantstraße führt, wird ein asiatisches Menü zubereiten.
Wem das für jeweils 95 Euro zu teuer ist: Berlinale Street Food gibt es in der Joseph-von-Eichendorff-Gasse/Ecke Alte Potsdamer Straße. Gehobelt wird Allgäuer Biokäse über frisch geschabte Spätzle bei „Heißer Hobel“, mexikanische Klassiker finden die Festivalbesucher bei „Eddielicious“, „Fräulein Kimchi“ bereitet würziges koreanisch-internationales Soulfood zu, „Tommi‘s Burger Joint“ brät Biofleisch- und Veggie-Burger und schiebt sie in selbstgebackene Buns - und klassische Empanadas aus Uruguay bietet „Pecados“ an.
Filmwanderungen am Rosa-Luxemburg-Platz
Was bedeutet Nachbarschaft? Was ist Heimat? Im Sommer 2017 wurden 140 Anwohner rund um den Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte interviewt. Am zweiten Berlinale-Wochenende (24. und 25. Februar) wird das Publikum auf eine Wanderung durch deren Wohnzimmer geladen, um dort gemeinsam Filme zu sehen und ins Gespräch zu kommen. In der direkten Begegnung können nicht nur eine Auswahl der insgesamt 31 zehn- bis 15-minütigen Episoden gemeinsam angeschaut, sondern auch die in den Filmen angestoßenen Diskussionen fortgeführt werden.
Es geht um Menschen, die seit zwei Monaten oder 60 Jahren hier leben, Menschen aus Ost- oder West-Deutschland, aus Lateinamerika, Russland oder dem ehemaligen Jugoslawien. Menschen, die nach nachbarschaftlicher Nähe suchen, Menschen, die nur hier übernachten, Menschen, die mit dem Berlin der Gegenwart nichts mehr anfangen können. Hinter jeder Haustür verbergen sich andere Meinungen und Perspektiven: Auf die Nachbarschaft, auf Berlin, auf das, was mit Heimat überschrieben werden könnte.
Peter Steudtner vergibt den Friedensfilmpreis
Erleichtert verlässt Peter Steudtner Ende Oktober die Haftanstalt Silivri in Istanbul.
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Der monatelang in der Türkei inhaftierte Berliner Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner gehört bei der 68. Berlinale der Jury zur Vergabe des Friedensfilmpreises an. Das siebenköpfige Gremium werde aus allen Berlinale-Beiträgen genreübergreifend den Preisträger 2018 auswählen. Dazu werden bis zu 50 Filme aller Kategorien gesichtet.
Die Auszeichnung wird am 25. Februar bei der Berlinale im Rahmen der unabhängigen Filmpreise vergeben. Sie ist mit 5000 Euro dotiert. Zu den Trägern gehören die Heinrich-Böll-Stiftung, der Weltfriedensdienst und die Friedensinitiative Zehlendorf. Der Friedensfilmpreis wurde 1986 von Berliner Friedensgruppen gestiftet und geht an ein Werk, das sich in den Dienst des friedlichen Miteinanders und des sozialen Engagements stellt.
Musiker im Fokus
Ed Sheeran hautnah, im verschwitzten T-Shirt nach einem Auftritt, fernab der tobenden Fans, fernab der Bühne. Das persönliche Porträt des britischen Sängers und Songwriters, gedreht von seinem Cousin Murray Cummings, begleitet den bescheidenen Star in seinem kreativen Prozess und zeigt, wie aus dem Nichts ein Lied entstehen kann, das Millionen begeistert.
Der Film "Songwriter" lässt den Starrummel außen vor, er konzentriert sich auf die intensive Arbeit am aktuellen Album und gibt intime Einblicke in das Wirken des Musikers zwischen künstlerischem Anspruch und den Forderungen der Musikindustrie. Zu sehen ist das Ganze am 23.2. (21.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast), 24.2. (18 Uhr, Cubix), 25.2. (12 und 22.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast / 15.30 Uhr, Zoo Palast).
Auch über ihn gibt es einen Film: Chilly Gonzales (45), einst schnoddriger Elektro-Rapper, ist heute ein gefeierter Konzertpianist. Regisseur Philipp Jedicke stellt den aus Kanada stammenden und jetzt in Köln lebenden Entertainer bei der Berlinale in einem dokumentarischen Porträt vor. Unter dem Titel „Shut Up and Play the Piano“ gibt es neben Auftritten von ihm ein langes Gespräch mit der Schriftstellerin Sibylle Berg, dazu Interviews mit alten Weggefährten wie Peaches, Leslie Feist und Jarvis Cocker. (19.2., 12 Uhr, Cinestar 7 / 20. und 25.2., 15 Uhr, Colosseum 1)
Der Dokumentarfilm "Matangi/Maya/M.I.A." spürt dem Leben der Sängerin und Pop-Ikone M.I.A. nach. In Sri Lanka als Kind des Begründers der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung geboren, flieht Mathangi „Maya“ Arulpragasam alias M.I.A als Neunjährige mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach London. Mit dem ursprünglichen Plan, Dokumentarfilmerin zu werden, kehrt sie als Kunststudentin nach Sri Lanka zurück und filmt ihre Familienangehörigen. Die Reise und ihre Erfahrungen mit dem dortigen militaristischen Regime prägen ihre künstlerische und politische Haltung.
Sie beginnt Musik zu machen und entwickelt, inspiriert von Street Art, Hip-Hop und verschiedenen Londoner Migrationskulturen, eine Culture-Clash-Ästhetik, die zu weltweitem Erfolg führt. Doch ihre Parteinahme für die tamilischen Rebellen und ihr Selbstverständnis als „Bad Girl“ stoßen bei Mainstream-Medien, Politik und der konservativen Öffentlichkeit auf harsche Kritik. Anhand von Archivmaterial aus den letzten 22 Jahren, das meiste von Maya selbst gedreht, zeigt Steve Loveridge, wie sie Popmusik als politisches Sprachrohr nutzt und dabei nicht davor zurückschreckt, als Außenseiterin dazustehen. (19.2., 20 Uhr, International / 23.2., 15 Uhr, Colosseum 1)
Berlinale goes Kiez – erstmals im Gefängnis
Vom 17. bis 23. Februar ist die Berlinale einmal mehr in den Programmkinos der Stadt und ihrer Umgebung zu Gast. Der Auftakt von "Berlinale Goes Kiez" im Toni & Tonino ist Eröffnung und Verabschiedung zugleich: Das Traditionskino wird zukünftig unter neuer Leitung fortgeführt und der Besuch der Berlinale zum Anlass genommen, die Schlüssel symbolisch zu überreichen. Hier laufen am 17. Februar Hans Weingartners "303", der Wettbewerbsfilm "Damsel" und "Die Leuchte Asiens" aus der Sektion Retrospektive.
2018 wird die Sonderreihe erstmals um eine Filmvorführung für Insassen der JVA Tegel erweitert. Am Freitag, den 23. Februar, wird um 17.30 Uhr im Kultursaal "Das schweigende Klassenzimmer" von Lars Kraume gezeigt. Im Anschluss steht der Regisseur für ein Gespräch mit den Zuschauern zur Verfügung.
Berlinale zu #Metoo
Wie man sexuelle Belästigung und Gewalt innerhalb der Branche verhindern kann, diskutieren am 19. Februar im Tipi am Kanzleramt unter anderen die Schauspielerin Natalia Wörner und der Fernsehdirektor des WDR, Jörg Schönenborn. Am 17. Februar wird Daniela Elstner, eine französische Dokumentarfilm-Produzentin, im Meistersaal in Mitte "Speak Up!" vorstellen.
Die Initiative will Betroffene von sexueller Belästigung in der Filmbranche ermutigen, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Im Zuge der #MeToo-Enthüllungen hatte Daniela Elstner öffentlich gemacht, dass auch sie vor etwa 20 Jahren fast Opfer einer Vergewaltigung wurde. Der Täter sei eine bekannte Person des französischen Films und heute noch aktiv in der Branche. Seinen Namen nannte die Produzentin jedoch nicht.
Filme mit Berlin-Bezug
Die Hauptstadt liefert auch in diesem Jahr wieder Stoff für aufregende Kino-Geschichten. Hier sind unsere Empfehlungen aus dem aktuellen Programm:
Promigucken am Roten Teppich
Keine Berlinale ohne Hollywood-Stars! Auch wenn schon in den vergangenen Jahren viel über den angeblich abnehmenden Glamour-Faktor der Berliner Filmfestspiele diskutiert wurde: Der rote Teppich am Potsdamer Platz ist nach wie vor ein Anziehungspunkt für Autogrammjäger. Wer dort wann zu sehen ist, zeigt unser Überblick:
... und wem das alles zu unsportlich ist: Bei der Berlinale gibt es auch Yoga - in Sichtweite des roten Teppichs. Im Sponsoren-Pavillon vor dem Berlinale-Palast werden am Morgen fünf Tage lang Kurse angeboten. Dazu läuft energetische Deep-House-Musik, eine Anmeldung ist auf Facebook möglich. In dem Pavillon gibt es bei freiem Eintritt Talks, Konzerte, Vorlesungen und Workshops.
Auch das gibt es bei der Berlinale zu erleben: Yoga.
© dpa
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