Deutschlands drittgrößter Stromkonzern EnBW will offenbar die insolvente Windkraft-Firma Prokon kaufen. Das Karlsruher Unternehmen sei bereit, dafür rund eine halbe Milliarde Euro zu bezahlen, meldete das „Handelsblatt“ am Montag. Eine Sprecherin des Prokon-Insolvenzverwalters wollte sich dazu nicht äußern und verwies darauf, dass ein Gläubiger-Ausschuss im Laufe dieser Woche einen Investor auswählen soll. Auch bei EnBW war keine Stellungnahme zu erhalten.
Neben EnBW gibt es mindestens einen weiteren Interessenten für Prokon. Es handelt sich dabei um den börsennotierten Hamburger Solar- und Windparkbetreiber Capital Stage. Dieser hat vor, die insolvente Firma über ein Tochterunternehmen mehrheitlich zu erwerben.
Die großen Stromkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall stecken aktuell in einer Krise, weil die von der Politik beschlossene Energiewende schneller kommt als erwartet.
Die Strategien sind höchst unterschiedlich. Eon etwa plant die Aufspaltung seines Konzerns in die alten Energien Kohle und Atom und die erneuerbaren. EnBW versucht es mit Zukauf. Vattenfall will sich von seiner Braunkohlesparte trennen.
Das Volumen der erneuerbaren Energien stieg von 12,3 Gigawatt Leistung 2000 auf 93,1 im vergangenen Jahr.
Prokon mit Sitz im schleswig-holsteinischen Itzehoe hatte sich im Januar 2014 für zahlungsunfähig erklärt. Seitdem bangen Zehntausende Kleinanleger um ihr Geld. Prokon-Gründer Carsten Rodbertus war es über viele Jahre hinweg gelungen, mit aggressiver Werbung Geld für Windkraft-Projekte zu sammeln. Dabei stellte er Traumrenditen in Aussicht. Die Sparer, die häufig im Öko-Milieu beheimatet sind, zeichneten sogenannte Genussrechte. Das ist eine Anlageform zwischen Aktie und Anleihe.
Schneeballsystem
Rodbertus trug auf diese Weise insgesamt 1,44 Milliarden Euro zusammen. Seine Renditeversprechen konnte der Geschäftsmann aber nicht auf Dauer einhalten, weil Windkraftanlagen erst nach Jahren Gewinne abwerfen und die Kündigungsfrist der Genussrechte lediglich ein halbes Jahr betrug. Um die Erwartungen der Investoren doch zu erfüllen, besorgte sich Rodbertus immer neues Geld. Er baute also eine Art Schneeballsystem auf, das Anfang des vergangenen Jahres schließlich zusammenbrach.
Die Prokon-Gläubiger werden voraussichtlich die Hälfte ihrer Einlagen verlieren. So sieht es der Insolvenzplan von Verwalter Dietmar Penzlin vor. Anfang Juli soll auf einer Gläubigerversammlung ein Schlussstrich unter die Prokon-Pleite gezogen werden. Dann wird entschieden, ob das Unternehmen in eine Genossenschaft umgewandelt oder komplett verkauft wird.
Sollte dabei der Karlsruher Energie-Riese EnBW zum Zuge kommen, wäre dies für ihn ein wichtiger Schritt bei der strategischen Neuausrichtung: EnBW gehört neben Eon, RWE und Vattenfall zu den Betreibern von Atomkraftwerken in Deutschland. Der Konzern, dessen größte Anteilseigner das grün-rot regierte Land Baden-Württemberg sowie schwäbische Kommunen und Landkreise sind, will jedoch mit seinem bisherigen Geschäftsmodell brechen und sich der Energiewende verschreiben. Nach den Plänen von Konzernchef Frank Mastiaux sollen bis zum Ende des Jahrzehnts mehr als 40 Prozent des erzeugten Stroms aus regenerativen Quellen stammen.
Die Prokon-Aktivitäten würden hierzu gut passen: Das Unternehmen entwickelt und betreibt Windparks in Deutschland und im benachbarten Ausland. Insgesamt haben Prokons Onshore-Anlagen eine Kapazität von mehr als 500 Megawatt – und damit zweieinhalb mal so viel wie die Windparks, die schon jetzt unter EnBW-Regie arbeiten.
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