Am Mittwoch früh sieht es am hinteren Eingang zum Rathaus Wilmersdorf ruhig aus. Es sind kaum Menschen unterwegs, Nieselregen fällt. Nichts deutet darauf hin, dass in einem der Räume gerade ein Krisengespräch stattfindet. Und das es seit wenigen Stunden schwere Vorwürfe gegen die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes gibt. Sie sollen Flüchtlinge zur Prostitution vermittelt haben.
Etwa 920 Flüchtlinge leben derzeit in den früheren Büros des Rathauses, das im August 2015 zur Notunterkunft eingerichtet wurde. Einige Wachschützer in schwarzen Uniformen stehen gelangweilt in der Toreinfahrt. Wer hinein will, muss sich ausweisen.
Am Abend zuvor hatten Reporter im ZDF-Magazin „Frontal 21“ berichtet, dass Mitarbeiter von Berliner Sicherheitsfirmen Flüchtlinge in Unterkünften dazu gebracht haben sollen, sich zu prostituieren. Darüber berichten in dem Beitrag Sozialarbeiter und Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen. Selbst Minderjährige würden dem Bericht sexuelle Dienstleistungen anbieten.
Sex mit männlichen Flüchtlingen sei besonders gefragt
Ein Sicherheitsbeauftragter berichtete dem Sender, es gebe ein Zuhälter-Netzwerk in Berliner Flüchtlingsheimen. Oft sei es so, dass Sicherheitsmänner den Erstkontakt in die Prostitution aufbauten. Sex mit männlichen Flüchtlingen sei besonders gefragt, so der Beauftragte. Ein für mehrere Flüchtlingsunterkünfte zuständiger Sicherheitsbeauftragter berichtete über ein regelrechtes Zuhälternetzwerk in den Heimen. Ein abgelehnter Asylbewerber sagte, ein Security-Mann habe ihn angesprochen, ob er Geschäfte machen wolle, „für Sex mit einer Frau kriegst du 30 Euro, vielleicht auch 40 Euro“.
Alltag im Flüchtlingsheim: Warten auf das, was kommt.
© dpa/Kay nietfeld
Am Tag nach diesem Bericht sind Mitarbeiter und Helfer im Rathaus Wilmersdorf und im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten geschockt und irritiert. Niemand kenne die Sozialarbeiterin und den Security-Mitarbeiter, die in dem Fernsehbericht aufgetreten sind, heißt es. Die Sicherheitsfirma GSO Security, sie bewacht das Rathaus, wird nach Informationen der Berliner Zeitung nun Strafanzeige gegen unbekannt stellen. Mitarbeiter und Familien seien entsetzt über die Vorwürfe, gleich nach dem ZDF-Beitrag gab es interne Befragungen der Mitarbeiter. Niemand kenne den Security-Mann aus dem Beitrag. „Wenn es so ein Netzwerk wirklich gegeben hätte, wäre es im Rathaus nicht jahrelang unaufgedeckt geblieben“, sagt ein leitender Mitarbeiter.
Freiwillige Helfer reagierten entsetzt. Mit einzelnen Mitarbeitern des Sicherheitsdiensts sei die Zusammenarbeit teils schwierig gewesen und immer mal wieder kritisiert worden, erklärte die Gruppe Freiwillige im Rathaus Wilmersdorf am Mittwoch. Der Bericht mache aber „deutlich, dass das Fehlverhalten der Security unter Umständen weit über das Kritisierte hinausgeht“.
Die Freiwilligen forderten Senat, Behörden und Staatsanwaltschaft auf, „sich dieses Skandals sofort anzunehmen“. „Es wäre fatal, wenn Menschen vor Krieg und Armut flüchten und dann im sicheren Zufluchtsland aus Mangel an gebotenen Perspektiven den einzigen Ausweg in der Prostitution sehen oder in diese Situation gezwungen werden“, erklärten sie.
Keine Indizien
Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, sagte, die in dem Bericht erhobenen Vorwürfe müssten sehr ernst genommen werden, weil eine Ausnutzung materieller Notlagen von Flüchtlingen „völlig inakzeptabel“ und „moralisch sehr verwerflich“ sei. „Das muss man jetzt sehr konkret nachprüfen und sehen, ob das zutrifft, und ob man da entsprechende Konsequenzen ziehen kann.“
Der Senat forderte Polizei und Staatsanwaltschaft auf, den Hinweisen nachzugehen. Sobald die Strafanzeige vorliegt, werden die Ermittler aktiv. Mit Blick auf einen Verdacht auf organisierte Prostitution in einer Notunterkunft für Geflüchtete hat die Senatsverwaltung reagiert.
Es gab Gespräche zwischen dem Träger der Einrichtung, der Heimleitung, dem Sicherheitsdienst, Ehrenamtlichen und Vertretern des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten. „Nach wie vor gibt es keine Indizien für organisierte Prostitution in der Unterkunft“, sagt Regina Kneiding, Sprecherin der Senatssozialverwaltung.
Darüber hinaus wurden die Sozialarbeiter sensibilisiert, Anzeichen für Missbrauch und Prostitution zu erkennen. Es ist beabsichtigt, diese Schulung allen Betreibern von Unterkünften anzubieten.
Die Männer vom Wachschutz stehen entspannt am Eingang. Nein, erklären sie freundlich, zu den Vorwürfen sagen sie nichts. Doch der Verdacht bleibt.
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