Proteste stürzen Südkoreas Präsident in die Krise: Import von US-Fleisch löst Unruhen aus

PEKING. Es fing an, als ein paar Dutzend Schüler sich im April zu einer Serie von Mahnwachen im Kerzenschein versammelten. Inzwischen haben sich die beschaulichen Jugendtreffs zu Massendemonstrationen ausgewachsen, die den südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-bak in die schwerste Krise seiner noch jungen Amtszeit stürzen. Dabei ist der Auslöser für den Zorn der Demonstranten denkbar unaufregend: Es handelt sich um Neuregelungen für den Import von US-Rindfleisch in das Land. Doch geht es um mehr."Wir brauchen keinen Rinderwahnsinn! Wir brauchen keine US-Truppen!" - so lautet ein beliebter Slogan bei den Demonstrationen. Das Nationalgefühl der Südkoreaner ist ohnehin besonders sensibel, wenn es um das Verhältnis zur Schutzmacht USA geht. Nun fühlt sich von dem Importabkommen verletzt. Zur Debatte stehen zudem Lees marktliberale Wirtschaftsreformen. Auch hat sich der Präsident eine Serie von PR-Pannen geleistet, die ihn in den Augen vieler Südkoreaner als arroganten Einfaltspinsel dastehen lassen. Für die Mehrzahl der Demonstranten ist der Streit ums Rindfleisch deshalb nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.Rund 18 000 Menschen waren am Wochenende in Seoul auf der Straße. Am 10. Juni hatten sich in der Hauptstadt laut Polizei sogar mehr als 100 000 Demonstranten versammelt. Die Organisatoren des Protests sprachen von einer Million Teilnehmern. In der Nacht zum Sonntag kam es in Seoul zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei. Rund 200 Demonstranten und 112 Polizisten wurden verletzt.Der Aufruhr war der vorläufige Höhepunkt in einem Streit, der seit Wochen brodelt. Im April hatte Präsident Lee auf Drängen der USA ein Importverbot gegen US-Rindfleisch aufgehoben, um die Verhandlungen über ein bilaterales Freihandelsabkommen mit den USA zu erleichtern. Das Verbot war 2003 verhängt worden, als der erste Fall von BSE in den USA bekannt wurde.Streit könnte sich verschärfenKurz darauf stürzten Lees Beliebtheitswerte ab. Erst im Dezember mit einem erdrutschartigen Wahlsieg zum Präsidenten gewählt, waren im Juni nicht einmal mehr 20 Prozent der Südkoreaner mit seiner Amtsführung zufrieden. Lee reagierte verschreckt. Zerknirscht bat er um Entschuldigung für den Rindfleisch-Schlammassel, nahm aber nur kosmetische Änderungen an den Importregelungen vor. Lees Unterstützer fürchteten, die Proteste könnten den Wirtschaftsliberalen politisch lähmen: "Sie könnten die Lee-Regierung dazu zwingen, ihre Teilprivatisierung von Finanzinstitutionen im Staatsbesitz zu verschieben und zu verwässern", sagte Tom Byrne, Vizechef bei Moody's.Inzwischen hat Lee sich zu einer härteren Linie gegen die Proteste durchgerungen. Nachdem die Neuregelung des Imports im Mai wegen der Proteste mehrfach verschoben worden war, wurde gestern die erste Lieferung US-Rindfleisch freigegeben. Die Gewerkschaft der Logistikarbeiter kündigte an, den Transport der heiklen Ware zu verweigern. Es steht also zu erwarten, dass sich der Streit in den kommenden Tagen noch einmal verschärft.------------------------------Foto: Ein Demonstrant wird in Seoul von der Polizei ...

BLZ
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PEKING. Es fing an, als ein paar Dutzend Schüler sich im April zu einer Serie von Mahnwachen im Kerzenschein versammelten. Inzwischen haben sich die beschaulichen Jugendtreffs zu Massendemonstrationen ausgewachsen, die den südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-bak in die schwerste Krise seiner noch jungen Amtszeit stürzen. Dabei ist der Auslöser für den Zorn der Demonstranten denkbar unaufregend: Es handelt sich um Neuregelungen für den Import von US-Rindfleisch in das Land. Doch geht es um mehr."Wir brauchen keinen Rinderwahnsinn! Wir brauchen keine US-Truppen!" - so lautet ein beliebter Slogan bei den Demonstrationen. Das Nationalgefühl der Südkoreaner ist ohnehin besonders sensibel, wenn es um das Verhältnis zur Schutzmacht USA geht. Nun fühlt sich von dem Importabkommen verletzt. Zur Debatte stehen zudem Lees marktliberale Wirtschaftsreformen. Auch hat sich der Präsident eine Serie von PR-Pannen geleistet, die ihn in den Augen vieler Südkoreaner als arroganten Einfaltspinsel dastehen lassen. Für die Mehrzahl der Demonstranten ist der Streit ums Rindfleisch deshalb nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.Rund 18 000 Menschen waren am Wochenende in Seoul auf der Straße. Am 10. Juni hatten sich in der Hauptstadt laut Polizei sogar mehr als 100 000 Demonstranten versammelt. Die Organisatoren des Protests sprachen von einer Million Teilnehmern. In der Nacht zum Sonntag kam es in Seoul zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei. Rund 200 Demonstranten und 112 Polizisten wurden verletzt.Der Aufruhr war der vorläufige Höhepunkt in einem Streit, der seit Wochen brodelt. Im April hatte Präsident Lee auf Drängen der USA ein Importverbot gegen US-Rindfleisch aufgehoben, um die Verhandlungen über ein bilaterales Freihandelsabkommen mit den USA zu erleichtern. Das Verbot war 2003 verhängt worden, als der erste Fall von BSE in den USA bekannt wurde.Streit könnte sich verschärfenKurz darauf stürzten Lees Beliebtheitswerte ab. Erst im Dezember mit einem erdrutschartigen Wahlsieg zum Präsidenten gewählt, waren im Juni nicht einmal mehr 20 Prozent der Südkoreaner mit seiner Amtsführung zufrieden. Lee reagierte verschreckt. Zerknirscht bat er um Entschuldigung für den Rindfleisch-Schlammassel, nahm aber nur kosmetische Änderungen an den Importregelungen vor. Lees Unterstützer fürchteten, die Proteste könnten den Wirtschaftsliberalen politisch lähmen: "Sie könnten die Lee-Regierung dazu zwingen, ihre Teilprivatisierung von Finanzinstitutionen im Staatsbesitz zu verschieben und zu verwässern", sagte Tom Byrne, Vizechef bei Moody's.Inzwischen hat Lee sich zu einer härteren Linie gegen die Proteste durchgerungen. Nachdem die Neuregelung des Imports im Mai wegen der Proteste mehrfach verschoben worden war, wurde gestern die erste Lieferung US-Rindfleisch freigegeben. Die Gewerkschaft der Logistikarbeiter kündigte an, den Transport der heiklen Ware zu verweigern. Es steht also zu erwarten, dass sich der Streit in den kommenden Tagen noch einmal verschärft.------------------------------Foto: Ein Demonstrant wird in Seoul von der Polizei festgenommen.

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