Prozess gegen Schläger vom Neptunbrunnen

Lima S. überlebte - weil er Glück hatte

Der 46-Jährige Lima S. wurde im Juli vergangenen Jahres Opfer eines rassistischen Angriffs. Vor Gericht hat am Freitag einer der mutmaßlichen Täter nun bestritten, ein Rassist zu sein. Der zweite Angeklagte bereut die Tat. Protokoll eines Angriffs.

Katrin Bischoff
4 Min
Lima S. saß im Juli 2013 auf der Bank am Neptunbrunnen, als die Tat geschah.

Lima S. saß im Juli 2013 auf der Bank am Neptunbrunnen, als die Tat geschah.

© Berliner Zeitung/Hans Richard Edinger Lizenz

Lima S. ist ein kleiner schmächtiger Mann mit schmalen Schultern. Als er am Freitag seinen mutmaßlichen Peinigern gegenübersitzt, sieht er eher ängstlich aus. Nicht wie jemand, der willkürlich eine Schlägerei anzetteln würde. Lima S. ist in Guinea Bissau geboren, er ist dunkelhäutig und portugiesischer Staatsbürger. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 46-Jährige im Sommer vergangenen Jahres wegen seiner Hautfarbe fast zu Tode geprügelt worden wäre. Am Neptunbrunnen, auf dem Alexanderplatz. Mitten am Tage, und ganz in der Nähe der Stelle, an der wenige Monate zuvor Jonny K. zu Tode getreten wurde. Angeklagt sind zwei junge Polen: Der 23-jährige Tomasz K. und der 34-jährige Artur L. stehen wegen versuchten Mordes vor Gericht.

Mit Hakenkreuz beschmiert

Der 9. Juli 2013 war ein heißer Sommertag. Lima S., der seit zwei Jahren in Berlin lebt, saß friedlich auf einer Bank am Neptunbrunnen, als die beiden wohnungslosen und offenbar angetrunkenen Angeklagten vorbeikamen. Die Staatsanwältin erklärt in ihrer Anklage, Tomasz K. habe sein Opfer zunächst als „Nigger“ und „blöden Neger“ beleidigt und ihn dann grundlos mehrfach ins Gesicht geschlagen. Später, als Lima K. längst wehrlos am Boden lag, sollen beide Angeklagten auf den Mann eingetreten haben. Dabei hätten sie den Tod des Mannes billigend in Kauf genommen.

Als Motiv nennt die Staatsanwältin eine „Abneigung gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe sowie pure Lust an Gewalt“. Nur weil Zeugen aufmerksam wurden und „laut schreiend“ eingriffen, hätten Tomasz K. und Artur L. von ihrem Opfer abgelassen.

Die Angeklagten müssen sich auch wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verantworten. Fünf Wochen vor der Gewalttat sollen sie einem Mann Hakenkreuze ins Gesicht geschmiert haben.

Während der ältere Angeklagte vor Gericht schweigt, erklärt Tomasz K., dass ihm die Tat sehr leidtun würde. „Ich wollte ihn nicht schwer verletzen. Ich wollte ihn nicht töten“, sagt er. Es treffe ihn sehr, als Rassist bezeichnet zu werden. Tomasz K. sagt, er habe Lima S. damals um eine Zigarette gebeten. Dieser habe abgelehnt und etwas Beleidigendes gesagt. Es habe schließlich eine Schubserei gegeben, die sich zur Schlägerei entwickelte. Tomasz K. erklärt, dass er den ersten Schlag abbekommen habe.

Lima S. tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf. Er wird am nächsten Verhandlungstag Anfang März als Zeuge aussagen. Der Mann erlitt bei der Gewalttat lebensgefährliche Kopfverletzungen. „Mein Mandant nimmt am Prozess teil, weil er verstehen will, warum ihm das passiert ist“, sagt Katharina Gamm, die Anwältin des Opfers. Lima S. habe damals nur den schönen Nachmittag genießen wollen. Die Angeklagten hätten grundlos auf ihren Mandanten eingeschlagen, weil sie sich überlegen fühlten. „Eine rechtsextremistische Motivation ist durchaus vorhanden“, sagt die Anwältin.

Angst, auf die Straße zu gehen

Lima S. leidet noch heute unter den Folgen der Tat. „Er hat Schwierigkeiten mit seinem rechten Auge und Schmerzen“, sagt Katharina Gamm. Zudem leide ihr Mandant unter Schlafstörungen. „Er hat Angst, auf die Straße zu gehen.“ Lima S. sage aber auch, er habe Glück gehabt. Anders als bei Jonny K. hätten diesmal Menschen eingegriffen.

Nach dem Tod des 20-jährigen Jonny K. hatte die Polizei mehr Präsenz auf dem Alexanderplatz angekündigt. Doch diese Maßnahme konnte die Gewalttat gegen Lima S. nicht verhindern. Seine Anwältin macht den Beamten aber keinen Vorwurf. „Der Angriff kam viel zu schnell und unvermittelt“, sagt sie.

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