Die Schreie sind Jörg M. besonders in Erinnerung geblieben. „Sie waren so schrecklich, dass ich zuerst nicht wusste, ob sie von einem Menschen oder einem Tier stammten. So etwas habe ich noch nie gehört“, erzählt der 42-Jährige am Donnerstag als Zeuge vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts. In dem Prozess geht es um den gewaltsamen Tod der 35-jährigen Julia B., einer Nachbarin des Zeugen. „Es waren Schreie in absoluter Not und Verzweiflung. Sie hörten sich an wie die letzte Möglichkeit, Hilfe zu bekommen“, erzählt Roland L., ein weiterer Nachbar von Julia B. Auch er sei an jenem Tag zur Wohnung der Frau geeilt, habe an die Tür gehämmert, um zu helfen. Doch die Nachbarn konnten nicht verhindern, was sich in der Wohnung der schwangeren Frau abspielte. Der Ex-Freund der Lehrerin soll die 35-Jährige erstochen haben.
Auf der Anklagebank sitzt Merwan B., ein 29 Jahre alter Mann aus Tunesien. Er muss sich wegen Mordes vor Gericht verantworten. Merwan B. soll seiner einstigen Lebensgefährtin am Morgen des 10. Juni 2016 kurz nach 10 Uhr vor ihrer Wohnung in der Gustav-Müller-Straße in Schöneberg aufgelauert haben. Als Julia B. die Tür öffnete, um zur Arbeit zu gehen, soll der Angeklagte sie in die Wohnung zurückgedrängt und dort sieben Mal auf sie eingestochen haben.
Die Tatwaffe, ein Messer mit einer Klingenlänge von 19 Zentimetern, habe der Angeklagte mitgebracht, so sagt es der Staatsanwalt Martin Glage in seiner Anklage. Durch die Stiche wurden Leber, Lunge, Herzbeutel und Herzkammer der Frau verletzt sowie die Aorta in Herznähe durchtrennt. Julia B. verblutete noch am Tatort.
Kein Blick für die Eltern des Opfers
Nach Angaben des Staatsanwalts hat Merwan B. die Tat heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen begangen. Zudem habe der Angeklagte auch den Tod des Embryos herbeiführen wollen. „Der Angeklagte konnte nicht akzeptieren, dass sich seine Freundin von ihm getrennt hat und das Kind ohne ihn großziehen wollte“, sagt Glage zum Tatmotiv.
Während der Staatsanwalt die Anklage verliest und die Zeugen an diesem ersten Verhandlungstag ihre Aussagen machen, schaut Merwan B. nicht ein einziges Mal zu den Eltern der getöteten Frau, die ihm als Nebenkläger im Saal gegenübersitzen. Die Mutter von Julia B. fängt immer wieder an zu schluchzen, als die Details der Tat erläutert werden und die Zeugen von den furchtbaren Schreien der Tochter erzählen.
Laut Staatsanwalt ist Merwan B. ein abgelehnter Asylbewerber, der Angst hatte, nach Tunesien abgeschoben zu werden. Wenn er einen befristeten Aufenthaltstitel erlangt hätte, hätte er als Dolmetscher in einem Flüchtlingsheim arbeiten können. Der Angeklagte und Julia B. sollen sich zum Jahreswechsel 2015/2016 in einer Dartkneipe in Schöneberg kennengelernt haben, in der Merwan B. zeitweise auch wohnte. „Der Angeklagte hatte zunächst etwas gegen die Schwangerschaft, durch eine anwaltliche Beratung erfuhr er aber, dass die Geburt eines Kindes für seinen ausländerrechtlichen Status durchaus auch Vorteil bringen könnte “, sagt Glage.
Merwan B. soll öfter nachts betrunken bei Julia B. aufgetaucht sein, die ihn daraufhin aus der Wohnung warf. Bereits zu Pfingsten soll der Angeklagte mit einem Messer auf Julia B. losgegangen sein, erzählt der Staatsanwalt. Bedrohungen unmittelbar vor der Bluttat habe es hingegen nicht gegeben.
Seelenruhig den Tatort verlassen
Merwan B. soll nach der Tat die Wohnung seiner einstigen Freundin seelenruhig verlassen haben. So schildern es zumindest die Zeugen, die ihrer Nachbarin helfen wollten. „Er wirkte sehr gefasst, als er aus der Wohnung kam. Als wäre nichts gewesen“, sagt Roland L. „Wir hatten Stress“, soll Merwan B. den vor der Tür stehenden Zeugen zugerufen haben und dann die Treppe hinunter und auf die Straße gerannt sein.
Nachbar Jörg M. nahm die Verfolgung auf. In einer Nachbarstraße gab Merwan B. schließlich auf, setzte sich auf eine Treppe und verlangte nach Wasser, so erzählt es der Zeuge. „Ich habe sie abgestochen“, soll Merwan B. schließlich gesagt haben. Kurz darauf wurde der Mann festgenommen.
Merwan B. will sich noch nicht zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft äußern. Am Donnerstag erklärt einer seiner beiden Verteidiger nur, sein Mandant sei zur Tatzeit am Tatort gewesen und habe wohl auch das Messer gegen den Körper der später Verstorbenen geführt.
Am kommenden Montag soll die Mutter der getöteten Julia B. als Zeugin gehört werden.
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