Prozess in Lüneburg

Évikes kurzes Leben

Elaine Kalman Naves aus Montreal erzählt beim Prozess in Lüneburg von ihrer Halbschwester Eva, die in Auschwitz ermordet wurde.

Christian Bommarius
7 Min
Ankunft eines Transports mit jüdischen Kindern aus Ungarn im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Ankunft eines Transports mit jüdischen Kindern aus Ungarn im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

© Imago/United Archives, dpa Lizenz

Sofort ordnete er an, zusätzlich zu den Krematorien, in denen die vergasten Juden verbrannt wurden, Gruben auszuheben, um auch dort die Leichen verbrennen zu können. Der Bau neuer Bahngleise, die nur wenige Meter von den Krematorien entfernt endeten, wurde abgeschlossen. Die Aufseher wurden angewiesen, den kurzen Weg zu den Gaskammern von jeglichen Hindernissen zu befreien. Innerhalb weniger Tage war das KZ auf die Ankünfte vorbereitet.

Am 15. Mai 1944 kamen die ersten Züge aus Ungarn in Auschwitz an. Bis zum 8. Juli wurden 437 000 Juden mit 151 Transporten verschleppt, 136 davon gingen nach Auschwitz. Dort wurden neunzig Prozent der Verschleppten ermordet. Eine von ihnen war Eva Edit Weinberger, Évike. Sie starb zusammen mit ihrer Mutter Mancika am 3. Juni 1944, wenige Wochen nach ihrem sechsten Geburtstag.

Eine einzigartige Präsenz

Wäre Évike nicht ermordet worden, würde Elaine Kalman Naves nicht an diesem Tag in der Ritterakademie sitzen, in der das Landgericht Lüneburg über den früheren SS-Mann Oskar Gröning wegen der Beteiligung an der Ermordung von 300 000 ungarischen Juden verhandelt. Hätte Évike wie ihr Vater Guszav „Guszti“ Weinberger den Holocaust überlebt, dann wäre Elaine Kalman Naves nicht geboren worden. Weil aber Évikes Vater nach dem Krieg wieder geheiratet und mit seiner neuen Frau zwei Töchter bekommen hatte – Elaine und ihre Schwester Judith –, sitzt die 67 Jahre alte Journalistin und Autorin mit Wohnsitz in Montreal vor den deutschen Richtern und erzählt in englischer Sprache „Geschichten fast unvorstellbaren Schreckens“.

Es sind Geschichten über die Auslöschung ihrer Verwandten, die sie nie kennengelernt hat, „denn ich wurde in den Verlust hineingeboren.“ Vor allem aber ist es die Geschichte über Évike, die Elaine Kalman Naves’ Schwester war und doch nicht war: „Sie ist meine Schwester, weil sie die Tochter meines Vaters war, aber es ist natürlich ausgeschlossen, dass ich zu ihr jene Art von Beziehung habe, die man mit einem Geschwisterteil hat, mit dem man gemeinsam aufwächst.

Und doch ist Évike eine einzigartige Präsenz in meinem Leben. Das ist sie seit dem Moment, in dem ich im November 1947 auf die Welt gekommen bin, und sie ist es bis zum heutigen Tag, da ich hier in Lüneburg aufgefordert bin, Ihnen von Évikes kurzem Leben zu erzählen.“

Die Geschichte, die sie erzählt – die Dolmetscher übersetzen simultan in Deutsch, Hebräisch und Ungarisch –, kann sie nur hier, nur vor diesem Gericht in Lüneburg erzählen. Jedes andere Gericht würde ihr, Elaine Kalman Naves, das Gehör verweigern. Denn ihre Geschichte dient nicht der prozessualen Wahrheitsfindung, sie trägt nichts bei zur Anklage gegen den 93-jährigen Oskar Gröning, sie ist – wie es heißt – nicht beweiserheblich.

Vor ihr hat der 90 Jahre alte Ted Bolgar ausgesagt, ein Überlebender, der nur einige Tage in Auschwitz gewesen ist, von Lager zu Lager verschoben wurde und am Ende den Todesmarsch von Warschau nach Dachau überlebte, „abgemagert zum Skelett“. Bolgars Bericht war die präzise Beschreibung der Einzelheiten des Holocaust. Nichts davon enthält die Geschichte, die Elaine Kalman Naves erzählt, und doch spürt jeder im Saal, dass den Massenmord im Lager nichts besser beschreibt als die Auslöschung Évikes, des kleinen Mädchens, das die Zuschauer im Saal plötzlich vor Augen haben. Der Anwalt Elaine Kalman Naves’ hat ein Dia an die Wand geworfen, das die vier- oder fünfjährige Évike zeigt, ein fröhlich lächelndes Mädchen, mit kurzen Zöpfen und offenem Blick.

Dieses Mädchen, sagt ihre nachgeborene Halbschwester aus Montreal im Lüneburger Gerichtssaal, war „das sehr ersehnte und sehr geliebte einzige Kind von Guszti und Mancika“. Die Eltern seien wohlhabende, hart arbeitende, modern-orthodoxe, gebildete Juden gewesen, „die im ungarischen Lebensalltag vollständig integriert waren“. Der Vater und seine zwei Brüder waren Landwirte auf dem Gut Vaja in Nordungarn, die Mutter eine gut ausgebildete jungen Frau, die ein Pensionat in der Schweiz besucht hatte: „Sie war meinem Vater eine liebende Frau und Évike eine hingebungsvolle Mutter.“

„Ich küsse Dich vielmals, Deine Évike.“

Anders als damals üblich, habe der Vater die Erziehung der Tochter nicht der Mutter und schon gar nicht einer Kinderfrau überlassen. Die Cousinen und Vettern des Vaters hätten davon geschwärmt, dass er sich wie die Mutter um das Kind gekümmert habe: „Im Gegensatz zu den stereotypen Vätern der 1930er und 1940er habe Guszti das Baby gebadet, habe sie gewiegt und mit ihr gespielt, in einer für die Zeit außergewöhnlichen Weise.“

1982 hat Elaine Kalman Naves beschlossen, ein Buch über ihre Familie zu schreiben, über ihre Großeltern, über ihre Onkel und Tanten, die in Auschwitz ermordet worden waren und die sie nie kennengelernt hat. Da habe ihr Vater ihr die 150 Briefe gezeigt, die er von der Familie bekommen habe, als er im Weltkrieg im ungarischen Sklavendienst Munkaszolgálat gearbeitet hatte, in den die Juden gezwungen wurden: „Diese Briefe stammten von seiner Mutter, von seinem Vater und von seiner Ehefrau und, ja, von seinem kleinen Mädchen Évike.“

Die sei nicht nur ein herzensgutes, eher ruhiges Kind gewesen, sondern „außerordentlich intelligent“ und habe sich Lesen und Schreiben mit ihren Vorlesebüchern und der Tageszeitung beigebracht, ohne die Schule besucht zu haben. So konnte sie dem von ihr „vergötterten“ Vater auf verziertem Kinderbriefpapier in winzigen Umschlägen in Blockbuchstaben schreiben, witzige Notizen, aufmunternde Worte und die erfreuliche Nachricht, dass sie sowohl ihren Teddy als auch ihre Lieblingspuppe nach ihrem Vater benannt habe. Und immer schlossen ihre Briefe mit: „Ich küsse Dich vielmals, Deine Évike.“

Am 25. April 1944 wurden drei Generationen Weinberger gezwungen, ins Ghetto von Kisvarda zu gehen. Sechs Tage zuvor hatte Évike ihren sechsten Geburtstag gefeiert. An jenem 19. April hatte ihre Mutter an Vater Guszti geschrieben: „ Heute hat das liebste Kind Geburtstag, wir haben ihr unter Tränen gratuliert, und ich hoffe, dass sie all ihre zukünftigen Geburtstage unter glücklicheren Umständen verleben wird als den heutigen, bis sie 120 Jahre alt ist.“ Bis 120, das sei, sagt Elaine Kalman Naves nach einer kurzen Pause, der traditionelle jüdische Glückwunsch zum Geburtstag.

45 Tage später wurden Évike und Mancika in den Gaskammern von Auschwitz ermordet.

Die Geschichte, die ihre nachgeborene Halbschwester an diesem Tag vor den Richtern in Lüneburg erzählt, trägt nichts bei zur Entscheidung in der Strafsache Oskar Gröning. Aber sie ist die ganze Wahrheit über Auschwitz.

Sie ist die Geschichte der kleinen, schüchternen, in ihren Vater verliebten Évike, und sie ist die Geschichte über das deutsche Menschheitsverbrechen, die sich millionenfach zugetragen hat und immer wieder neu erzählt werden muss, damit sie nicht vergessen wird. Denn sie erzählt nicht nur die Vernichtung der europäischen Juden im Holocaust, sie enthält auch eine Botschaft, zu deren Verbreitung Elaine Kalman Naves 71 Jahre nach der Ermordung Évikes nach Lüneburg gekommen ist: „Dass Gerechtigkeit und Freiheit unsere höchsten gesellschaftlichen Werte sind.“

Die Tochter des Kommandanten

Unter den Zuhörern in Lüneburg kursiert seit ein paar Tagen die eben in der Illustrierten Stern veröffentlichte Reportage über „Püppi“, eine in den Vereinigten Staaten lebende Tochter des KZ-Kommandanten Rudolf Höss. Sie beteuert, ihr Vater, der am 16. April 1947 in Auschwitz gehängt wurde, sei stets liebevoll gewesen, vom Umfang seiner Verbrechen habe sie erst durch den Reporter erfahren („Das reicht. Ich habe alles gehört, was ich wissen muss. Er wusste also, was er tat.“). Und der Enkel des Kommandanten wird mit den Worten zitiert, der Reporter solle schreiben, dass seine Mutter bald sterbe: „Dann ist Ruhe.“

Nein, ist es nicht.

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