Diese Kolumne ist für mich die größte Herausforderung des Jahres. Mir fällt es derzeit schwer, an Essen zu denken. Die Feiertage sind rum, und von der Vorfreude, die mich ab Mitte Dezember auf die vielen Festessen erfasste, ist nichts mehr übrig. Wie soll ich Sie also in dieser Stimmung für ein Restaurant begeistern. Wie wäre es mit Fine Dining? Mehrere Gänge ambitionierter Kochkunst? Ich nehme an, Ihre Antwort lautet: auf keinen Fall!
Ich jedenfalls möchte gerade nichts von Étouffée-Täubchen, konfiertem Schweinebauch mit Lakritz oder Birnenparfait mit Kardamom hören. Und allein der Gedanke, mehrere Stunden in einem Laden zu sitzen und über Essen nachzudenken, erscheint mir schwer erträglich. Doch auch nach einer Falafel, einer Leberkässemmel oder einer Currywurst von der Bude ist mir nach dem großem Gefresse nicht. Wenn ich überhaupt ein Lokal besuche, dann sollte es leger sein, das Essen maximal entspannt, frisch zubereitet, bodenständig und richtig gut.
Im Kreuzberger St. Bart wird die Tradition des rustikalen britischen Gastro-Pubs gepflegt.
© BLZ/Sabine Gudath
So ein Laden ist überraschend schwer zu finden. Dann fiel mir doch einer ein: der lässige Gastro-Pub St. Bart. Ich war eine Zeit lang in England. Von dort habe ich eine Begeisterung für Pubs mitgenommen; sie sind nicht nur perfekt für ein Bier, sondern auch ideal für ein entspanntes Essen mit Freunden oder am Sonntag für einen „Sunday Roast“, einen Sonntagsbraten.
Das St. Bart im Kreuzberger Gräfekiez hat sich dieser Tradition angenommen und sie mit kulinarischen Einsprengseln aus Berlin und dem Umland gemischt. Zum Beispiel gibt es auf der Wochenkarte gutes deutsches Brot mit Kümmel und Öl, einen regionalen Räucheraal mit Meerrettich und einen Kartoffelauflauf mit geschmorten Zwiebeln und Blutwurst auf säuerlichem Apfel – Himmel und Erde heißt das bei uns.
Keine Lust auf schweres Essen
Daneben sind britische Pub-Klassiker aufgeführt, etwa die Snack-Spezialität Scotch Eggs, bei denen die Kunst darin besteht, ein Ei mit Wurstbrät zu umhüllen, mit Brotkrumen zu panieren und anschließend zu frittieren – ohne dass das Eigelb gerinnt.
Im St. Bart gelingt das. Chefkoch ist der Brite Lee Thompson, der auch der Besitzer des Pubs ist. Thompson ist Quereinsteiger. Zu seinen großen Vorbildern, habe ich gelesen, zählt Fergus Henderson, ein englischer Koch, der in seinem Restaurant St. John in London die „Nose-To-Tail“-Bewegung ins Leben gerufen hat. Die Philosophie: Wer ein Tier schlachtet, muss es auch ganz verwerten und nicht nur das Filet essen.
Als Sunday Roast bietet Thompson seinen Gästen also nicht nur einen vegetarischen Nussbraten und Rind am Knochen an, sondern auch einen „ganzen Vogel“, ein Brandenburger Freilandhuhn zum Teilen. Das ist unglaublich saftig, auf der knusprig gebratenen Haut sind ein paar Salzflocken, innen wurde es mit Majoranbüscheln ausgestopft. Das Fleisch wurde langsam gebraten und hat eine tolle Qualität.
Der Gastro-Pub St. Bart
Serviert wird das Huhn auf einem großen Teller, von dem sich alle bedienen. Ebenso unkompliziert ist das mit den Beilagen geregelt, die man einzeln dazu bestellt. Ich wollte unbedingt einen Yorkshire Pudding, weil ich dieses leicht salzige Beilagengebäck aus Mehl, Eiern und Milch in England liebte. Es wird meist in einer Muffinform gebacken und hat eine Mulde in der Mitte, in die Bratensoße gegossen wird. Im St. Bart wird sie leider im Extra-Kännchen geliefert, das ich zu spät entdecke.
Geschmacklich pur sind die Kartoffeln, die mit etwas Gänsefett geröstet wurden. Ebenso der Broccolini, das sind besonders lange Stangen Brokkoli, die in Olivenöl gegrillt und mit Zitrone und Pfeffer gewürzt wurden.
Es gibt ein Sprichwort: „Dem Satten schmeckt nach Weihnachten selbst das Beste nicht.“ Das St. Bart beweist, dass es nur gut genug sein muss, dann geht es doch.
+++
St. Bart, Gräfestraße 71, Kreuzberg, Mittwoch bis Sonntag 16 bis 24 Uhr, Telefon 4075-1175
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de