Das Interview mit Angela Merkel (CDU) in der Berliner Zeitung sorgt international für Aufsehen. Während russische Medien ihre Aussagen begrüßen, überwiegt in Deutschland die Kritik.
In dem Interview sprach sich Altkanzlerin Merkel unter anderem gegen die abwertende Verwendung des Begriffs „Putin-Versteher“ aus: „Zu verstehen, was Putin macht, sich in ihn hineinzuversetzen, ist nicht falsch“, sagte sie. Dies gehöre zur Diplomatie und bedeute nicht, Putins Politik zu unterstützen. Sie betonte zugleich: „Es gibt keinerlei Entschuldigung dafür, dass er ein anderes Land überfällt.“ Dennoch müsse man den Diskurs über Russlands Interessen zulassen. Die pauschale Abwertung als „Putin-Versteher“ sei ein Totschlagargument.
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Russische Medien griffen diese Aussagen wohlwollend auf. Der Staatssender Russia Today titelte: „Merkel wettert gegen Putin-Versteher-Hexenjagd“. Ihre Aussagen fielen „in eine laufende Debatte in Deutschland über die Russlandpolitik“. Die Online-Zeitung Gazeta hob Merkels Einschätzung zu Donald Trump hervor. So hatte Merkel gesagt, Russland übe auf Trump eine gewisse Faszination aus, da es „ein riesiges Land mit vielen Bodenschätzen, eine starke Nuklearmacht mit einem autoritären Präsidenten“ sei. Putin wiederum suche „gerade von Amerika“ Anerkennung.
In Deutschland wurden Merkels Aussagen vielfach kritisiert. Nahezu alle großen Medien wie Der Spiegel, Die Welt und das ZDF berichteten über das Interview. In sozialen Netzwerken stießen ihre Äußerungen bei vielen Kommentatoren auf Ablehnung.
So schrieb etwa Thomas Jäger, Professor für Internationale Politik an der Universität zu Köln, auf X: „Dass es Putin um die Anerkennung gerade von Amerika ging, ist ein krasses Fehlurteil.“ Merkel habe Putin entweder „völlig falsch eingeschätzt“ oder versuche erneut, „uns hinter die Fichte zu führen“.
Der Historiker und Publizist Rainer Zitelmann warf Merkel unter Verweis auf das Interview eine Mitverantwortung für den Ukrainekrieg vor. Nun nähere sie sich der Positionen von AfD und BSW an. Ein Nutzer kommentierte: „Merkel macht gerade wirklich in beeindruckendem Tempo den Schröder.“
Angela Merkel stand bereits vor dem russischen Angriff auf die Ukraine wegen ihrer Russland-Politik unter Druck. Während ihrer Kanzlerschaft setzte sie auf wirtschaftliche Verflechtung mit Moskau, insbesondere durch das Pipeline-Projekt Nord Stream 2. Kritiker werfen ihr vor, damit Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas verstärkt zu haben. Zudem hätte sie 2014 nach der Annexion der Krim eine härtere Haltung gegenüber Putin einnehmen müssen. Seit dem Beginn des Ukrainekriegs wird Merkels Kurs zunehmend kritisch bewertet – als zu zögerlich und zu vertrauensvoll gegenüber Moskau.
Ihre Verteidiger betonen hingegen, dass die Minsker Abkommen unter ihrer Vermittlung zumindest zeitweise eine Eskalation verhinderten.
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