MOSKAU. Der russische Staat versucht immer vehementer, die Kontrolle über die Rohstoffressourcen des Landes zu erlangen. Inzwischen wird auch der Umweltschutz als Argument genutzt, um private Gesellschaften aus dem Markt zu drängen - die Investoren sind schwer irritiert. Schauplatz des Pokers um Öl und Gas ist nicht mehr nur Zentralasien. Auch der Nordpazifik spielt jetzt eine prominente Rolle im Konflikt zwischen privatem Kapital und staatlichem Kontrollwillen.Dort entzog das Ministerium dem niederländisch-britischen Konzern Royal Dutch Shell jüngst die umweltrechtliche Genehmigung für das Flüssiggasprojekt Sachalin-2, das sich auf der riesigen Insel Sachalin vor der russischen Pazifikküste befindet. Der angebliche Grund: Die Regierung, sonst kaum bekannt für ihre Kompromisslosigkeit in Sachen Naturschutz, entdeckte ihre Liebe für Grauwale, die in der Region ihre Futtergründe haben.Bei amerikanischen und europäischen Investoren wachsen unterdessen Zweifel an der russischen Vertragstreue, denn der Rücknahme der Betriebsgenehmigung für Sachalin-2 folgte ein ebenfalls von der Umweltbehörde erwirkter Produktionsstopp für Sachalin-1. Betroffen diesmal: die amerikanische Exxon Mobile. Der amerikanische Energiekonzern musste zudem noch eine Niederlage einstecken. Er hatte sich um die Lizenz für ein unmittelbar an Sachalin-1 grenzendes kleineres Ölfeld beworben und ging leer aus.Den Zuschlag erhielt in der vergangenen Woche das russische Staatsunternehmen Rosneft. Nach Behörden-Angaben handelt es sich um ein Vorkommen von 75 Millionen Tonnen. Lagerstätten von diesem Umfang zählt Russland zu den "strategischen Vorkommen", bei denen strengere Auflagen für eine ausländische Beteiligung gelten.Zuvor hatte das zuständige Ministerium bereits einmal gedroht, Exxon Mobile die Förderlizenz für Sachalin-1 ganz zu entziehen. Man war über die enorm gestiegenen Kosten für Sachalin-1 in Streit geraten. Denn der mehr als zehn Jahre alte Vertrag sieht vor, dass Russland erst dann an der Ausbeute beteiligt wird, wenn das Unternehmen seine Investitionen erwirtschaftet hat.Die Unternehmen sind zudem praktisch von Steuern befreit. Das ist das Prinzip der sogenannten Product-Sharing Agreements, die allesamt Anfang der 90er Jahre geschlossen wurden, als Russland weder über Kapital noch über das entsprechende Know how verfügte, um seine Erdöl- und Erdgas-Reserven zu erschließen. Zudem war der Ölpreis damals auf einem Tiefstand.Dass der russische Staat die drei großen Product-Sharing-Projekte, Sachalin-1, -2 und Charjaga nun offenbar auf den Prüfstand stellt, hat folglich wenig mit dem Überleben der Grauwale vor Sachalin, aber viel mit dem Staatshaushalt zu tun. Dem entgehen durch die für Russland ungünstigen Bedingungen hohe Einnahmen - bisher wurden erst rund 400 Millionen Dollar verbucht.Beschwichtigung für ChiracAllein Sachalin-2 beanspruchte bislang fast das Doppelte der ursprünglich angegebenen Kosten. Statt 12 Milliarden Dollar veranschlagen die Investoren nun 20 Milliarden Dollar. Mit dem gewachsenen Selbstbewusstsein einer Energiegroßmacht will sich Russland nun an eine Revision dieser Product-Sharing-Verträge wagen. Ein Berater Putins erklärte jüngst, es sei wünschenswert, die PSA in "nationale Projekte" umzuwandeln.Was unter einer solchen Umwandlung zu verstehen ist, erfuhren die betroffenen Unternehmen ebenfalls in der vergangenen Woche. Zum Konflikt um das Flüssiggasprojekt Sachalin-2 wurde von einem Diplomaten erklärt, das Projekt könnte schneller vorankommen, wenn ein russischer Staatskonzern beteiligt werde. Was Putins Berater Schuwalow als Umwandlung in nationale Projekte bezeichnet, interpretierte der Londoner Hedge-Fonds-Manager Martin Taylor in der vergangenen Woche wie folgt: "Wir sehen eine Russifizierung der strategischen Energievorräte." Dieser Vorgang werde anhalten bis er abgeschlossen sei, so Taylor.Präsident Putin versuchte derweil am Wochenende seinen französischen Amtskollegen Jacques Chirac zu beruhigen. Dass dem französischen Ölkonzern Total der Lizenzentzug für das nordrussische Ölfeld Charjaga drohe, wollte er weder bestätigen noch dementieren. "Die Gerüchte sind zumindest übertrieben", sagte der Präsident.------------------------------Karte : Die russische Insel Sachalin liegt nördlich von Japan im Pazifik.------------------------------Foto : Umstrittene Quelle: eine Shell-Bohrinsel im Gasfeld Sachalin-2.
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